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war es aber von der obern grösseren Insel, selbst beim niedrigsten Wasserstande, vollkommen getrennt und wurde, wenn im Juli die Schneewasser aus den Felsengebirgen herankamen, oft gänzlich von diesen bedeckt. Die Insulaner nannten dieses kleine Eiland übrigens, da sie es im Falle einer Entdeckung als letzte Zuflucht betrachteten, die "Notröhre".

Noch besseren Schutz genoss Nr. Einundsechzig von der West- oder der rechten Seite des Flusses. Hier umgab sie zuerst eine ziemlich hohe Sandbank, die etwa zweihundert Schritt vom Hauptufer der Insel wiederum in einen schmalen, mit Weiden und Baumwollenholzsprösslingen dichtbewachsenen Landstreifen auslief. Dieser zog sich fast parallel und in gleicher Länge mit der Insel nieder, wurde aber auch seinerseits wieder am rechten Ufer durch eine, jedoch nur wenige Klafter breite Sandfläche geschützt.

Demnach konnte man sich dieser Insel nur von der linken oder Ostseitewo ihr nächstes Ufer der Staat Mississippi war, nähern, und hier hielten die getroffenen Vorkehrungen sicherlich Jeden vom Landen ab, der dazu früher Lust gehabt haben mochte. Die eigentliche Strömung und das Fahrwasser des Mississippi lag denn auch ganz auf der rechten Seite der Insel, und die Entfernung zwischen jenem schmalen Zwischenstreifen und Arkansas betrug eine englische Meile, der Raum zwischen Einundsechzig und dem Staat Mississippi aber kaum die Hälfte dieser Entfernung.

An den beiden der Insel gegenüber liegenden Ufern standen nun allerdings ein paar niedere Blockhäuser, wie sie die Holzschläger am Mississippi gewöhnlich aufrichten, um die geschlagenen Klaftern an die vorbeifahrenden Dampfschiffe zu verkaufen. Sie waren aber nur selten bewohnt und auch wirklich fast unbewohnbar geworden. Das in Arkansas stehende hatte nicht einmal mehr ein Dach und drohte dem nächsten Sturmwind nachzugeben, der es unfehlbar in den Strom hinabstürzen musste.

Etwas besser erhalten zeigte sich die wohnung auf der Mississippi-Seite, jedoch glich sie ebenfalls viel eher einem Stall, als einem menschlichen Aufentalt. Zahlreiche Pferdespuren gaben auch zeugnis, dass sie hierzu oft genug benutzt gewesen, und mehrere, nicht gerade schwach begangene Pfade führten östlich auf einen Sumpf zu, in dessen schwammigem, fast zehn Monate im Jahre unter wasser stehendem Boden sie sich verloren.

Wer nun, trotz all' den getroffenen Vorsichtsmassregeln, zufällig an der Insel gelandet und nicht gleich auf den einzigen gangbaren Pfad gekommen wäre, der hätte seine Bahn mehrere hundert Schritt weit durch den fürchterlichsten Schilfbruch hin suchen müssen, der nur je eine Insel oder ein Festland bedeckte. Dazwischen lagen dann nicht gefällte, sondern mit der Wurzel dem Boden entrissene Stämme so wild und toll durcheinander, dass Niemand auch nur hoffen konnte, dieses Pflanzengewirr zu durchdringen, der sich nicht mit Messer und Axt erst Bahn hieb in das Herz der Waldung. Da aber durch solch' entsetzliche Arbeit nicht der mindeste Vorteil zu hoffen war, so fiel es sehr natürlich auch gar Niemandem ein, Zeit und Mühe an solch' nutzlose Arbeit zu verschwenden. Wer wirklich einmal aus Neugierde oder Langeweile begonnen hätte, einen solchen Weg anzutreten, wäre gar bald bei einem Geschäft ermüdet, das ihm weiter nichts zu versprechen schien, als zerrissene Kleider und Blasen in den Händen.

Dennoch lag hierso tief versteckt und schlau angelegt, dass sie selbst den scharfen Augen der Jäger entgingeine ganze Ansiedelung verborgen, die aus neun kleinen Blockhütten, einem ziemlich geräumigen Waarenhause und fünf dicht an einander gebauten und verbundenen Pferdeställen bestand. Das Ganze bildete eine Art Hofraum und war, nach Art der indianischen Forts, so gebaut, dass es gegen einen plötzlichen Angriff selbst einer Uebermacht recht wohl verteidigt werden konnte. Das Waarenhaus und eine der kleinen Blockhütten dicht daran standen in der Mitte, und rings herum bildeten auf der Ostseite, nach dem Mississippi-Staat zu, die Ställe eine feste, undurchdringliche, aber wohl mit Schiessscharten versehene Wand, während auf der westlichen, minder bedrohten Seite nur hohe und doppelte Fenzen die einzeln stehenden Gebäude mit einander verbanden. Als besonderen Schutz betrachteten aber die Insulaner eine lange messingene Drehbasse, die oben auf dem platten dach des Waarenhauses angebracht war, und mit der sie, als letztes Rettungsmittel, Tod und Verderben auf ihre etwaigen Angreifer hinabschleudern konnten.

Der Raum vor dem Waarenhause und der kleinen Blockhütte, in welchem der kapitän mit seiner Frau wohnte, war frei und jetzt, in der Sommerzeit, mit grossen, buntgestreiften Sonnenzelten bespannt. In den übrigen Häusern aber wohnten (das obere breit und geräumig gebaute ausgenommen, das zu einer gemeinschaftlichen Junggesellenwirtschaft bestimmt blieb) die "verheirateten Glieder der Gesellschaft". Dieses "Junggesellenhaus" oder "Bachelors hall", wie es gewöhnlich genannt wurde, diente denn auch zum gemeinsamen Versammlungsort. Nur bei geheimen Beratungen kamen die Führer der Schaar in einem kleinen, zu diesem Zweck eingerichteten Kämmerchen des Waarenhauses zusammen, um dann erst die gefassten Beschlüsse später in Bachelors Hall zur Abstimmung zu bringen.

Der kapitän übte jedoch eine eigene, fast unbegreifliche Gewalt über diese wilden, gesetzlosen Menschen aus, die sonst nichts auf Erden anerkannten, als ihre eigenen gesetz. Er hatte freilich auch gewusst, sich auf die einzig mögliche Art achtung zu verschaffen, und zwar durch das Uebergewicht seines Geistes sowohl, wie durch mehrfach bewiesenen persönlichen Mut, der wirklich an Tollkühnheit grenzte. Sie fürchteten ihn deshalb fast so sehr, wie sie ihn ehrten, und kapitän Kelly war ein Name, der nie in Scherz oder Spott genannt werden durfte.

Nur zwei begangene Wege führten zu diesem durch ein scheinbar natürliches Bollwerk beschützten Zufluchtsorte von Verbrechern. Der eine lief vom Ufer aus, und zwar dicht unter den schon erwähnten künstlichen Snags