Ihr so absonderliches Verlangen nach kaltem Flusswasser, dass Ihr Euch, alle Vorsicht vergessend, in die Nähe von Leuten wagt, die erst vor ganz kurzer Zeit ein Todesurteil über Euch gefällt hatten? Ich möchte zum zweiten Mal nicht ausreichend sein, Euch ihrem Griff zu entreissen."
"Hol' sie der Böse –" murmelte der Ire, der bei der ersten Anrede, und ehe er recht unterscheiden konnte, wer zu ihm sprach, schnell nach der Seite und einer dort wahrscheinlich verborgenen Waffe gegriffen hatte. Durch den Anblick des Wirts aber beruhigt, doch immer noch mit verbissenem Ingrimm fuhr er fort: "Eine Bande ist's, – eine raubgierige, schurkische Bande von lauter Schuften, die aneinander hängen wie die Kletten. – Smart – Ihr mögt mir's nun glauben oder nicht, aber St. Patrick soll mich in meiner letzten Stunde verlassen, wenn ich nicht fürchte, hinter den Burschen steckt etwas Schlimmeres, als wir jetzt noch vermuten."
"Hinter den Bootsleuten?" lächelte der Wirt verächtlich – "da tut Ihr ihnen wahrlich zu viel Ehre an. – Wildes, rohes Volk ist's, das gedanken- und sittenlos in den Tag hineinlebt und, wie die Matrosen, jeden Dollar verspielt und vertrinkt, den es sich vorher mit saurem Schweisse verdienen musste."
"Das ist's nicht allein," sagte der Ire kopfschüttelnd – "das ist's bei Gott nicht allein. Die Kerle halten zusammen, wie ein Sack voll Nägel, und haben auch Zeichen untereinander, darauf wollte ich meinen Hals verwetten. Sobald der eine Halunke pfiff – ich habe mir übrigens den Pfiff gemerkt – stürmten sie Alle mitsammen auf mich los, wie eine Meute Braken, wenn sie das Horn hören. Aber wartet – wartet, Canaillen; ich komme Euch noch auf die Spur, darauf könnt Ihr Euch verlassen, und nachher sei Euch Gott gnädig."
"Dort unten stösst ein Boot ab," sagte Smart und zeigte den Fluss hinab, wo gerade unter den Flatbooten ein kleines scharfgebautes und jollenartiges Fahrzeug vorschoss, zuerst eine Strecke in den Strom hinein hielt und dann stromab, aber immer noch mit beiden Rudern arbeitend seine Bahn verfolgte. Ein einzelner Mann sass darin, wer es aber sei, konnten sie nicht erkennen.
"Nun, wo will denn Der hin?" fragte der Ire und nahm den Hut ab, um nicht durch den Rand desselben den blick beschattet zu haben.
"Es wird irgend ein Flatbooter sein, der hier wie gewöhnlich seine paar Dollar verspielt hat und nun in aller Eile hinter seinem indessen vorausgegangenen Boote herrudern muss."
"Dann kommt dort noch die ganze übrige Mannschaft," sagte der Ire, und zugleich glitt ein grosses Segelboot in den Strom, das aber nicht dieselbe Richtung wie der Einzelne nahm, sondern den Bug etwas stromauf scharf in den Fluss hinein hielt, als wenn sie die Landung am andern Ufer so hoch als möglich machen wollten.
"Weatelhope drüben bekommt heute Besuch," sagte Smart – "wird sich unmenschlich freuen."
"Sollten die bei Weatelhope einkehren?"
"Wenn nicht, so haben sie noch wenigstens fünf Meilen heute Abend zu marschiren, ehe sie ein anderes Haus erreichen können, und fünf Meilen bei Nacht und Nebel durch den Sumpf zurücklegen, dafür danke ich. Lieber blieb' ich die Nacht dicht am Ufer des Stromes; da liessen die Mosquitos doch wenigstens noch etwas von mir übrig; in dem Swamp aber drin frässen sie, glaube' ich, einen Menschen bis an Knochen auf."
"Es wäre bei Gott kein Verlust, wenn das den Canaillen heute passirte," brummte der Ire. – "Doch gute Nacht, Smart, es wird spät, ich will mich schlafen legen. Von heute an bin ich übrigens Euer Schuldner, denn o h n e Euch läge ich jetzt tief dort unten in der schmutzigen Flut. – Gebe Gott, dass ich Euch das einmal vergelten kann!"
"Ei, O'Toole," sagte der Wirt lachend, während er ihm die Hand hinüberreichte – "das war bloss Eigennutz von mir, ich hätte ja sonst einen meiner besten Gäste verloren. – Doch – ohne Spass – nehmt Euch vor dem rohen volk künftig lieber ein wenig mehr in Acht. – Es hat Niemand Ehre davon, sich mit ihnen einzulassen."
Die Männer schritten jeder langsam nach seiner wohnung in die Stadt zurück. Nur O'Toole blieb noch mehrere Male stehen und lauschte aufmerksam nach den Ruderschlägen des Bootes hinüber, die in immer weiterer und weiterer Ferne verklangen, bis sie endlich ganz plötzlich aufhörten oder ein veränderter Windzug den laut nicht mehr zum westlichen Ufer trug. Der Irländer horchte noch eine Weile und murmelte dann ärgerlich vor sich hin –
"Hol' sie der Teufel – jetzt lässt sich doch nichts mit ihnen anfangen. Aber wartet – morgen will ich einmal hinüber nach Weatelhope, und dann müsste es ja mit dem Henker zugehen, wenn man nicht auf die Fährte der Schufte kommen könnte."
Das Boot strebte übrigens keineswegs, wie der Ire vermutet hatte, dem andern Ufer zu, obgleich es, von Helena aus gesehen, allen Anschein hatte. Es hielt nur in gerader Richtung durch den Strom, bis in etwa fünfhundert Schritt von seinem scheinbaren Ziel.
"Stop her!"1 sagte da plötzlich eine rauhe, tiefe stimme, die aus dem Stern des Fahrzeugs vortönte,