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' mir's recht. – Später musste ich selbst darüber lachen."

"So haben Sie es vernichtet?"

"Oh nein, im Gegenteil, das ist in den Händen Derselben, an die es gerichtet gewesen."

"In Mrs. Smart's Händen?"

"Zu dienen, und wird jetzt etwa in derselben Art, wie die schlecht geschleuderten Wurflanzen der Indianer, von der nämlichen person, den oder die es hätte treffen sollen, als Waffe gegen den Absender gebraucht."

"Das ist ein Rätsel," sagte Mrs. Dayton.

"Aber leicht zu lösen," fuhr der Yankee fort. "Ich machte nämlich in einer mehr als gewöhnlich schwärmerischen Stundenicht wahr, Mr. Lively, Sie haben deren auch manchmal? – ein Gedicht auf die damalige Miss Rosalie Heendor. Darin pries ich denn, wie das in solchen Gedichten gewöhnlich geschieht, nicht allein ihre unvergleichliche Schönheit und Liebenswürdigkeit, wobei ich die einzelnen Reize unter den Rubriken: Alabaster, Perlen, Elfenbein, Sterne, Sammet, Rosen, Veilchen ins besonders aufführte, sondern ich bekannte auch mit einer wirklich Alles hintansetzenden Bescheidenheit undUnvorsichtigkeitmeinen eigenen Unwert, ein solches Ideal zu besitzen; hielt aber am Schluss nichtsdestoweniger sehr ernstlich um dessen Hand an. So weit ging die Sache gut; Miss Rosalie war nicht von Stahl, und Jonatan Smart auch damals noch ein ganz reputirlicher junger Bursche, der seine sechs Fuss zwei Zoll in seinen Strümpfen stand. Mehrere Jahre hatten wir auch so, ruhig und vergnügt, mit einander verlebt, und mir war das Gedicht und dessen Inhalt natürlich ganz und gar entfallen. Da geschah –"

"Ein Brief an Squire Dayton," sagte Nancy, die in diesem Augenblick die Tür öffnete und ein leicht zusammengefaltetes Papier hereinreichte.

"Wer hat es gebracht?" fragte der Squire.

"Der Mailrider," erwiderte die Mulattin, "er sagte, es hätte Eile!"

Squire Dayton öffnete das Schreiben und drehte sich damit nach dem Lichte herum, um es besser lesen zu können; Jonatan aber, der während der Unterbrechung einen Augenblick stillgeschwiegen hatte, fuhr jetzt ruhig in seiner Erzählung fort, und zwar, nach seiner gewöhnlichen Art, gleich mit dem Worte, bei welchem er stehen geblieben war:

– "es einst, dass Mr. und Mrs. Smart, wie das bei Eheleuten wohl manchmal vorfällt, einen kleinen Wortwechsel hatten, in welchem der Gentleman seiner Lady hinsichtlich ihrer persönlichen Eigenschaften einige vielleicht nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen machte. Darauf schien diese übrigens vorbereitet, denn plötzlich und ohne alle vorherige Warnung tauchte jetztnichts Anderes als das längst verjährte Gedicht auf, und mit lauterja immer lauterer stimme, je mehr ich dagegen protestirte, wurde mir der mit meinen eben gemachten Aeusserungen allerdings etwas im Widerspruch stehende Inhalt triumphirend vorgelesen. Diese Scene hat sich seitdem einige Mal wiederholt, und wenn man nach gemachten Erfahrungen berechtigt ist, die Jugend zu belehren und vor Missgriffen zu warnen, so möchte ich dem hier anwesenden jungen James Lively allerdings sehr dringend empfehlen, k e i n e Gedichte solchen Inhalts d e r jungen Dame zu übersenden, die er dereinst als ehrbare Hausfrau heimzuführen gedenkt. – Schon gewählt?" – Und die Frage traf Den, an den sie gerichtet war, so plötzlich, dass er erschrocken auf seinem Stuhl zusammenfuhr. Mr. Dayton selbst ersparte ihm aber diesmal eine Antwort, denn er stand schnell auf, ging zum Fenster und blickte hinaus, sah nach der Uhr und sagte dann:

"Liebe Frau, ich bekomme hier eben höchst fataler Weise einen Brief, dass ich heute Abend noch einen sehr gefährlich Kranken besuchen muss."

"Hier in Helena?" fragte Mrs. Dayton besorgt.

"Nein, leider nicht," sagte der Squire – "zehn Miles im land drin. Da werde ich denn allerdings vor morgen früh, wenn das überhaupt der Zustand des Patienten erlaubt, nicht wieder hier sein können. Höre, Nancy, sage doch Cäsar, dass er mein Pferd sattelt und aufzäumt."

Mrs. Dayton seufzte tief auf.

"Ach, Georg," flüsterte sie traurig, "es ist ja wohl recht gut für Dich, dass Deine Fähigkeiten so in Anspruch genommen werden, aber ich weiss nicht, ich wollte doch, Du könntest ein wenig mehr zu haus bleiben. – Die häufigen Nacht-Ritte müssen ja auch Deine eigene Gesundheit ruiniren."

"Sei unbesorgt," lächelte der Gatte und zog den Oberrock an, den auf seinen Wink Nancy indessen gebracht hatte – "Schaden tut es mir sicher nicht, aber allerdings bliebe ich auch lieber bei Euch; doch was will ich machen? Soll ich die Kranken, die mir nun einmal vertrauen, in Angst und sorge liegen lassen, weil ich mich nicht gern in meiner Bequemlichkeit gestört sähe? Mir tun sie leid, die Armen, da ja überhaupt die Heilkunde des ganzen Staates fast nur in den Händen von Quacksalbern ist."

"Da hat der Squire wohl Recht," sagte Jonatan, "eine Wohltat ist's, für die man nicht genug dankbar sein kann, wenn man im stand ist, einen ordentlichen Arzt zu bekommen. Doch, aufrichtig gesagt, möchte ich Der nicht sein, der nie weiss, ob er sich am Abend ruhig in sein Bett legen kann oder nicht. Mit der Bezahlung dafür sieht's nachher auch immer windig genug