. Das einzige jedoch, wegen dessen ich sie in Verdacht habe und was wirklich straffällig wäre, ist der geheime Verkauf von Whisky an Neger. Zeigt sich das als begründet, so werde ich sie auch deshalb, wie es ja als Richter meine Pflicht ist, in Strafe nehmen, und weder ihre Freundschaft noch ihr Hass soll mich daran hindern. Lieb wäre es übrigens auch mir, wenn sie uns mit ihren Besuchen verschonen wollte, doch – Sie wissen, wie das hier in Arkansas ist. – Wollte man es den Leuten förmlich verbieten, die ganze Stadt schriee dann über Stolz und Hochmut; da unterzieht man sich lieber dem kleinere Uebel und hat dafür mit weniger Unannehmlichkeiten und bösem Willen zu kämpfen."
"Ja, Squire," sagte James und wurde feuerrot, hier vor den beiden Damen das Wort zu nehmen, "das mag ganz gut sein, so lange es sich auf arme einfache Leute bezieht. Wenn aber bei uns auf dem land draussen Jemand einmal als s c h l e c h t erkannt ist, und man gibt sich d a n n nicht mit ihm ab, dann wirft Einem das kein Mensch mehr vor – mein' ich."
"Mr. Lively hat ganz Recht, Dayton," fiel hier Adele lebhaft ein – "mit solcher Frau würde ich auch keine Umstände weiter machen. – Was kann sie uns denn tun, wenn wir ihr das Haus verbieten? Und wir würden dadurch eine Pein los, die manchmal wirklich kaum zu ertragen ist. Nun, Mr. Lively wird es noch bereuen, uns eingeladen zu haben."
"Miss Adele –" stotterte James und erfasste mit beiden Händen fest und krampfhaft den untern teil seines Stuhls, als ob er sich einen Zahn wollte ausziehen lassen – "Mutter wird – Sie können gar nicht glauben wie – ich wollte sagen – versuchen Sie's nur, kommen Sie nur einmal heraus – und wenn's auch nicht draussen so schöne Blumen gibt wie –" um sein Leben gern hätte er "wie S i e " gesagt, aber es ging nicht – es ging wahrhaftig nicht. Die Worte staken ihm Harpunen gleich in der Kehle, und er brachte sie nicht heraus.
"Wie hier, Mr. Lively?" lachte Adele, die das w i e auf Helena bezog, oder ihm doch wenigstens schnell damit in die Rede fiel – "wie hier? Ach, Du lieber Gott, h i e r sieht's mit Blumen trüb und traurig aus, denn der Wald in der ganzen Nachbarschaft herum ist zerstampft und zertreten, und selbst den Bäumen scheint der ewige Qualm und Rauch und das wilde, rohe Toben der Menschen nicht zu behagen. Sie sehen in der Nähe der Stadt hässlich und vertränkt aus, während sie weiter davon entfernt viel frischere, lebendigere Farben, viel würzigeren Duft zu haben scheinen."
"Ach, Miss – Sie sollten nur jetzt einmal sehen, wie schön, wie herrlich es bei uns ist!" rief Lively, dem der Gedanke an seinen Wald frischen Mut gab – wenn er es auch nicht wagte, dem jungen Mädchen zu sagen, w e n n e r vorhin mit den Blumen gemeint. "Es ist ja nirgends herrlicher in der Welt, als im wald draussen, und e i n Morgen, ein Sonnenaufgang unter den frischen, tauigen Blättern wiegt ein ganzes Jahr aus dem hässlichen Treiben der Städte auf. Die wilden Tiere und Vögel wissen das auch recht gut. – Dortin, wo es am heimlichsten, am ungestörtesten ist, dahin flüchten sie sich, und wo kein menschliches Auge sie erreichen kann, da spielt die Hirschkuh mit dem Kalbe, und die munteren Sänger schlagen die herrlichsten Triller dazu, und singen so lange und so wunderschön, bis die Blätter ordentlich anfangen unruhig zu werden und zu tanzen."
"Ei, sieh da, Mr. Lively" – lächelte Squire Dayton, während er sich ein schmales Stück Kautabak abschnitt und das Uebrige an Jonatan Smart hinüberreichte – "ob er uns am Ende nicht noch ganz poetisch wird – haben Sie schon einmal Verse gemacht?"
"Ich?" rief James und sah jetzt erst zu seinem unbegrenzten Entsetzen, dass die Augen der ganzen Gesellschaft auf ihm allein gehaftet hatten – "ich – nein – im Leben nicht," und seine hände griffen vergebens nach ihrem früheren, im Eifer des Gesprächs verschmähten Anhaltepunkt.
"Mr. Smart soll aber schon Verse gemacht haben," sagte Mrs. Dayton und suchte durch diese Wendung dem armen Burschen aus der Verlegenheit zu helfen.
Jonatan Smart blickte Mrs. Dayton von der Seite an.
"Ein Yankee und Verse machen?" sagte er endlich schmunzelnd und nahm sein linkes Knie zwischen die beiden hände – "prächtige idee das. Nein, Mrs. Dayton, damit befasse ich mich weniger; Verse bringen nichts ein. – Un doch – so komisch Ihnen das auch vorkommen mag, habe ich wirklich einmal ein Gedicht, und zwar an meine Alte, gemacht, als wir noch Brautleute waren."
"O bitte, bitte, Mr. Smart, das Gedicht müssen Sie uns einmal zeigen," bat Adele – "Ich lese so ungemein gern Gedichte –"
"Und solche besonders," lächelte der Wirt, "nicht wahr, wo man sich vor lachen dabei recht ausschütten kann? – Ih nun, wenn ich's noch hätte, wär