keinen Aufschub weiter leidet. Mein Bursche soll Sie jedoch begleiten, und wenn es sich nötig zeigt, dann requiriren Sie nur gleich in meinem Namen den Constabler und schicken mir Jemanden her. – Ich komme dann selbst hinunter."
Mrs. Breidelford hatte die letzten Worte schon gar nicht mehr gehört, packte nur den unten an der Treppe stehenden Mulattenknaben am Handgelenk fest und zog den Ueberraschten, der ängstlich nach seinem Master zurückblickte, mit sich fort, der Haustür zu. Mr. Dayton winkte ihm aber lachend nur getrost zu folgen, und die Beiden verschwanden gleich darauf durch die Haustür, der bedrängten wohnung einer "armen verlassenen witwe" zu hülfe zu eilen.
"Aber, bester Mr. Smart," sagte jetzt Mrs. Dayton, während sie an's Fenster trat und der Frau besorgt nachsah – "wenn Sie doch nur wenigstens die Fremde angeredet hätten, die an Mrs. Breidelford's Tür einen Schlüssel probirte."
"Das wäre allerdings ein schwierig Stück Arbeit gewesen," lächelte der Yankee und rieb sich vergnügt die hände. – "Mrs. Breidelford ist auf einer wilden Gänsejagd, das heisst, sie wird sich ausserordentliche Mühe geben, Jemanden zu finden, der gar nicht existirt."
"Nicht existirt?" rief Adele verwundert, und James, der den Yankee von früher kannte, lachte laut auf – "nicht existirt? Die Frau, die Sie gesehen haben –"
"Ich habe keinen Menschen gesehen," erwiderte Jonatan, während er seinen verlassenen Sitz einnahm und Mrs. Dayton die geleerte Tasse so ruhig zum Wiederfüllen hinüberreichte, als ob hier nicht das mindeste Aussergewöhnliche indessen vorgefallen wäre.
"Und die Frau mit dem Schlüssel?" rief lächelnd Squire Dayton.
"War der beste Einfall, den ich je gehabt habe," bemerkte – immer noch ohne eine Miene zu verziehen – der Yankee "Mrs. Breidelford hätte uns sonst noch den ganzen Abend Selbstbiographien und geschichtliche Abrisse aus dem Leben ihres 'lieben Mannes' zum Besten gegeben."
Hätte die arme, in Schweiss fast gebadete Mrs. Louise Breidelford das Gelächter hören können, das in diesem Augenblicke die Spiegelfenster des kleinen freundlichen Zimmers erzittern machte, und dann auch noch die Ursache desselben gewusst, ihr Zorn hätte keine Grenzen gekannt. Unaufhaltsam fort aber, den unglücklichen Mulattenknaben im Schlepptau, stürmte sie der eigenen, bedroht geglaubten wohnung zu, und geheimnissvolle, düstere Worte waren es, die sie dabei vor sich hinmurmelte. Die kleine, jetzt von ihrer lästigen Gegenwart befreite Gesellschaft rückte aber indessen in der besten Laune von der Welt dichter um den Tisch herum, und selbst James verlor zum grossen teil seine frühere Scheu. Die allgemeine Fröhlichkeit hatte ihn den Frauen näher gebracht, und er gestand nun in aller Unschuld, dass er zum Tod erschrocken sei, als Mrs. Breidelford die Einladung, die doch eigentlich nur den beiden Damen des Hauses gegolten, so ganz ohne Weiteres auf sich bezogen und angenommen habe.
"Daheim," sagte er, "würden sie schön schauen, wenn sie ihre Drohung wahr machte, denn böse Geschichten sind's, die über die Frau erzählt werden."
"Weiss auch der liebe Gott, wie w i r zu der Ehre ihres Besuches kommen," meinte Mrs. Dayton. "Das ist nun schon das dritte Mal, dass sie uns besucht und bis spät in die Nacht dableibt, ohne dass wir einen Fuss über ihre Schwelle gesetzt, oder sie auch nur gebeten hätten, ihren Besuch zu wiederholen. Was will ich aber machen? Sie kommt, setzt sich hin, quält uns Stunden lang mit ihren schrecklichen Erzählungen und borgt beim Weggehen gewöhnlich noch eine Masse von Kleinigkeiten, wie Nadeln, Seide, Stückchen Leinenzeug oder Küchengeschirr und sonstige Sachen, die sie eben so regelmässig wieder zu schikken vergisst."
"Ich kann wohl gestehen," sagte Smart, "dass ich erstaunt war, sie hier in Ihrer Gesellschaft zu finden. – Mrs. Breidelford geniesst in Helena nicht einmal mehr einen zweideutigen Ruf, und das will viel sagen. Die wirklich wenigen Guten, die noch hier sind, haben sich nicht allein von ihr zurückgezogen, sondern ihr sogar das Haus verboten. Auch Mrs. Smart hatte eines schönen Morgens ein sehr lebhaftes und für Mrs. Breidelford keineswegs schmeichelhaftes Gespräch mit dieser Dame, das seitens meiner Frau von dem obern, seitens jener Lady von dem untern teil der Veranda geführt wurde, zu welchem sie durch den Neger aus dem haus begleitet worden war. Allerdings behauptete in diesem Zungenkampf Mrs. Breidelford das Feld, denn von einem sehr grossen und sehr zerlumpten teil des jungen Helena unterstützt, verblieb sie noch mit eingestemmten Armen und äusserst roten Gesichtszügen eine ganze Weile auf ihrem eingenommenen Posten, während ich Mrs. Smart, freilich nicht ohne bedeutenden Widerstand, hinterrücks und indem sie immer noch nach aussen hin eiferte, in das Haus zurückzog. Seit der Zeit hat Mrs. Breidelford natürlich unsere wohnung nicht wieder betreten dürfen, scheint aber den darüber gehegten Groll keineswegs bis auf mich ausgedehnt zu haben, denn sie war heute Abend ungemein, ja fast auffällig freundlich und zuvorkommend gegen mich."
"Ich glaube, man tut dieser Mrs. Breidelford – so wenig ich sie auch selbst persönlich leiden kann, doch Unrecht," nahm hier der Squire das Wort. "Ich kenne so ziemlich Alles, was an Gerüchten über sie im Umlauf ist, und habe sie scharf beobachtet und beobachten lassen