eigenes Antlitz neben dem ihren – der Gegensatz war zu fürchterlich. Da wurden rasche Hufschläge auf der Strasse gehört. – Mrs. Dayton wandte sich unwillkürlich dortin, und Beide riefen im gleichen Moment, gleich überrascht aus:
"Adele!"
Und wohl hatten sie Ursache, erstaunt sein, denn auf schnaubendem Rappen, das Köpfchen gegen den scharfen Luftzug niedergebogen, das Sonnenbonnet mit der Linken haltend, indess sie mit der Rechten die Zügel des feurigen Tieres regierte, flog Adele in sausendem Galopp vorbei, und kaum war der Ruf ihren Lippen entflohen, so verschwand auch schon die wilde Reiterin um die nächste, dem obern teil des Flussufers zuführende Ecke.
"Nun sehe' Einer das tolle Mädchen an," sagte endlich Mrs. Dayton, während der Squire im ersten Augenblick einen raschen, fast unwillkürlichen Schritt nach der Tür getan hatte, als ob er sie zurückhalten wollte, jetzt aber wieder langsam zum Fenster trat – "kein Pferd ist ihr zu wild und unbändig, sie muss es besteigen; was sie nur wieder vorhaben mag? Sie wird es so lange treiben, bis sie einmal wirklich Schaden nimmt."
Der Richter stützte die Hand auf das Fensterbrett und blickte sinnend der Richtung nach, welche die Reiterin genommen. – Was wollte Adele dort? Weshalb trieb sie ihr Pferd zu so wilder, entsetzlicher Eile an? War etwas vorgefallen, was ihn selbst bedrohte?
"Dayton!" rief seine Frau, die sich jetzt gegen ihn umwandte – "Du siehst todtenbleich aus, fehlt Dir etwas?"
"Mir?" sagte der Squire und bog sich mit einem krankhaft gezwungenen Lächeln zu ihr nieder, "mir? Was soll mir fehlen, Du wunderliches Kind? Nur den Kopf hab' ich voll von all' dem Lärm und Treiben dieser guten Stadt. – Mir wird dieses wilde, ruhelose Leben nachgerade verhasst."
"Ach, Georg!" flüsterte die junge Frau und schmiegte sich leise an den Gatten an, "wie oft ist es – lange, lange Nächte hindurch, die Du fern von mir weilen musstest – mein heisser, inniger Wunsch gewesen, dass Du dieses Leben wirklich verlassen möchtest. Sieh, Du bist hier geachtet und geehrt, bist der Erste in dieser Stadt, und ich kann begreifen, dass der Ehrgeiz einen teil an dem Herzen des Mannes haben muss, wie es dem des Weibes fremd sein sollte; aber Deine Gesundheit leidet, Deine Kräfte reiben sich auf; Aerger und mühevolle arbeiten und Pflichten rauben Dir jede Ruhe, halten Nächte lang den Schlaf von Deinen Augen. Ach, wenn Du Dich losreissen könntest von all' diesem Schaffen und Treiben, wenn Dir das Herz Deines Weibes genügte, das nur durch Dich, nur in Dir seine ganze Seligkeit findet –"
Sie barg das Haupt an seiner Brust, und viele Secunden lang hielt er sie fest, fest umschlungen; aber ein anderes, wunderbares Gefühl überkam ihn. – Seine Züge verloren das Finstere und Starre – seine Blicke hafteten sinnend mit einem neuen belebenden Glanz auf dem liebend an ihn geschmiegten Haupt seines Weibes, seine Hand zitterte, die ihre schlanke Gestalt umschloss, unterstützte, und bunte, freudige Bilder waren es, die plötzlich an seiner inneren Seele vorüberglitten. Dort in weiter Ferne, auf einsam gelegener, meerumtoster Insel, unter Palmen und Blütenhainen erstand eine Hütte – milde Lüfte fächelten seine Wangen, an seiner Seite ruhte sein treues Weib, und der Ocean wälzte sich zwischen ihm und seinen Verbrechen; die mächtige Flut wusch und tilgte an der Vergangenheit – und die Gegenwart? – Ein Eden erstand ihm in jedem neuen sonnigen Tag. Noch war es Zeit – noch war der letzte entscheidende Schritt nicht geschehen – noch hatte ihn das Verderben nicht ganz in die ehernen arme geschlossen.
Er bog sich nieder zu ihr – seine Lippen pressten sich fest und innig an ihre reine Stirn, und dort – ha! war das eine Träne, die dem Auge des finstern Mannes einen so herrlichen Glanz verlieh? War es eine Träne der Reue, die ihn noch durch den Kuss der Peri mit dem Himmel verband?
"Hedwig!" flüsterte er, und sein Arm zog sie fester und inniger an sich.
Da läutete draussen die erste Glocke des Van Buren – das Boot rüstete sich zur Abfahrt – in kaum einer Viertelstunde verliess es den Landungsplatz. In wenigen Tagen konnte er in Louisville sein, und floh er von dort aus unter fremdem Namen nach irgend einem der östlichen Hafenplätze, so war es unmöglich, ihn zu verfolgen. – Der nächste monat schon sah ihn frei, auf offenem Meere, Tod und Verderben lag hinter ihm – er war gerettet!
"Hedwig," flüsterte er, und die Erregung dieser neuen mächtigen Gefühle drohte fast ihn zu ersticken, seine Lippen zitterten, als sie die flüsternden Worte sprachen – "Hedwig, ich bin Deiner unwert, ein Sünder bin ich, den Du reiner Engel zu Dir emporziehen sollst – aber ich muss fort – fort von hier, oder ich bin verloren – für immer und ewig verloren. – Doch jetzt, jetzt ist es noch Zeit – noch ist Rettung möglich. – Hörst Du den laut jener Glocke? Nur Minuten noch, und das stolze Boot, das sie trägt, braust in gewaltiger Kraft dem Norden zu. Jetzt – jetzt ist es mir noch möglich, mich loszureissen von Allem, was mich bindet – in der nächsten Stunde wäre es vielleicht zu spät. – Willst