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und Schwur an das Heiligste ihn nicht mehr binden. fest und bestimmt ging er seine verbrecherische Bahn, und wie auf dem Brett die Schachfiguren, so stellte und benutzte er die Menschen zu seinen Zwecken und Plänennur dann besorgt um sie, wenn ihr Verlust ihm selber schaden konnte.

Und jetzt, als er so dastand und wilde Scenen des Bluts und Entsetzens vor seinem inneren Auge vorüberglitten, schweiften seine Blicke, im Anfang fast bewusstlos, über den kleinen, freundlichen Raum hin, der ihn umschlossen hielt. Mehr und mehr aber hafteten sie an den einzelnen Gegenständen, die Gegenwart erzwang sich den Eintritt in sein Herz, und zum ersten Mal vielleicht seit langer Zeit durchzuckte ihn ein Gedanke an das, was er sein k ö n n t e , an das, was er w a r . – Hierhier wohnte Liebe und Treuehier schlug ein Herz für ihn, das ihm mit freudigem Lächeln in Not und Elend gefolgt wärehier atmete ein Wesen, das nur in ihm seine Seligkeit kannte, – und e r –?

Die Sonne schien warm und freundlich in das trauliche Gemach, die finsteren Nebelschatten hatte sie überwunden und spielte jetzt in funkelnder Luft mit den Staubkörnchen, die der Schritt des finstern Mannes aufgeregt hatte, legte sich über die bunten Farben des Teppichs hin, dem sie noch weit höhern Glanz verlieh, und drang wie ein neugieriges Kind in alle Winkel und Ecken. Dort aber, an dem einen Fenster, wo sich ihre Strahlen erst sanft und leise durch blühende Myrten- und Rosenstöcke stahlen, die Orangeblüte küssten und die sanfte Vanille, und einen purpurnen Schein zogen um die blauroten Glocken der prachtvollen Fuchsie, da ruhten sie auch um so friedlicher und lieber auf dem freundlichen Plätzchen der Herrin vom haus: auf dem weichgepolsterten Stuhl und dem kleinen zierlichen Mahagoni-Nähtisch, auf den Strick- und Arbeitskörbchen und dem kleinen eingespannten Stickrahmen. Selbst nach der zierlichen Fussbank blinzelte ein etwas gar zu geschäftiger Strahl hinab, und von Blumen und grünem Laub umgeben, auf dem noch die klaren Perlen des Frühtrunks blitzten und funkelten, lag ein Zauber über dem Ganzen, der nicht beschrieben, nur gefühlt und empfunden werden konnte.

Und in diesem Kreise häuslicher Glückseligkeit und Ruhe stand die dunkle ernste Gestalt d e s Mannes, der ihn zum Paradies hätte schaffen können, wie der vernichtende starre Todesengeldie Faust schon zum letzten fürchterlichen Schlage erhoben. Sein Auge aber, das immer wilder und ängstlicher den Raum überflog, haftete endlich, fast unwillkürlich, an dem Bilde seines Weibes, das neben dem seinigen dort drüben hing. Das waren die sanften Engelszüge des holden Angesichts, die mit freundlichem Lächeln zu ihm herüberblickten, das war das treue dunkle Auge, das ihm damals LiebeLiebe, wie sie nur das Weib gewähren k a n n , geschworen, und ihren Schwur nienicht einmal durch einen leisen Gedanken gebrochen hatte, – und e r ?

Starr und regungslos stand er dort, seine hände hatten sich krampfhaft geballt und Alles um ihn her schien sich plötzlich im tollen, wirren Kreise mit ihm zu drehen. Da rang sich das Herz noch einmal frei, einmal noch tauchte es auf aus Sünde und Verbrechen, die Zeit kehrte vor sein inneres Auge zurück, wo er zuerst die holde züchtige Jungfrau gesehen und um sie geworben hatte. Was hatte er ihr damals gelobt, welche Schwüre hatte er der hold Errötenden in das Ohr geflüstert, und jetztjetzt? War er nicht hierher gekommen, um diesen Raum auf immer zu meiden? War er nicht hierher gekommen, um Die zu verlassen, die kein Glück weiter kannte als das, welches sie an seiner Seite, in seiner Liebe fand? Wollte er nicht jetzt mit roher Hand das Band zerreissen, das in dem Herzen seiner Gattin die festen, unzerreissbaren Wurzeln geschlagen? Der Gedanke an Alles, Alles, was sie ihm bisher gewesen, so lange und gewaltsam zurückgehalten, stürmte da mit ganzer vernichtender Kraft auf ihn ein. –

"HedwigHedwig!" stöhnte er und barg das bleiche, starre Antlitz verzweifelnd in den Händen.

Da vernahm er auf der Treppe leichte Schritte, – sie war es selbst, und kräftig zwang er den Schmerz hinein in sein altes Bett. – Die Züge nahmen wieder ihren starren Ernst an, nur die Augen lagen noch hohl und glanzlos in ihren Höhlen, und seine Wangen waren bleich und gefurcht.

"Georg!" rief die junge schöne Frau, als sie in die Tür trat und freudig erstaunt den fern geglaubten Gatten erkannte – "GeorgGott sei gedankt, dass Du wieder bei mir bist. Ach, Georg, ich kann Dir gar nicht sagen, wie beengt mir das Herz war, als Du heute von mir gingst."

"Närrisches Kind," sagte der Squire, und ein mattes Lächeln zuckte um seine Lippen, "musst Dir nicht unnötige sorge um mich machen; es gibt Leid genug in der Weltwir sollten es nicht bei den Haaren herbeiziehen."

"Tu' ich denn das?" flüsterte Hedwig bittend – "sieh nur einmal, Georg, sieh nur, wie bleich und angegriffen Du aussiehsthabe ich da nicht Ursache, besorgt zu sein?"

Sie zog ihn mit leiser Hand vor den breiten Spiegel, der zwischen den beiden Fenstern befestigt war, und Dayton's blick fiel auf das Glas; rasch aber wandte er sich absein