1847_Gerstcker_147_17.txt

eben weit genug niedergehauen waren, um nicht mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu können. Reinlich weiss angestrichen, stachen die hellgrünen Jalousien um so freundlicher dagegen ab, und der jetzt aufsteigende Mond schien gar hell und klar gegen die blitzenden Spiegelscheiben eines im ersten Stock offen gelassenen Fensters, ein Luxus, der in dem einfachen Westen gar selten angetroffen wurde.

Aber auch das Innere der kleinen wohnung entsprach vollkommen dem soliden, gemächlichen Ansehn seines Aeussern. Allerdings war es nicht prächtig und kostbar eingerichtet, aber die massiven Mahagoni-Möbel, die schneeweissen Vorhänge, die elastischen, mit dunklem Damast überzogenen Ruhesessel und Stühle verkündeten deutlich genug, dass hier Viele andere Kleinigkeitenwie z.B. zierliche Nippesfiguren auf den kleinen Seitentischen, angefangene weibliche arbeitender Nähtisch am linken Eckfenster mit dem sauber aus Korb geflochtenen Strickkörbchen an der Seite, gossen dabei jenen Zauber über das stille wohnliche Zimmer, den nur die Gegenwart holder Frauen einem Gemach, und sei es sonst das prächtigste, zu verleihen im stand ist.

Ein kleiner fröhlicher Kreis hatte sich aber auch um den runden, zum Sopha gerückten Tisch versammelt, auf dem die englischbronzene weitbauchige Teemaschine zischte und qualmte, und fröhliches lachen tönte dem jetzt eben an die Haustür pochenden Squire entgegen, der wunderbarer Weise einen gar ernsten, ja fast traurigen blick zu den hell erleuchteten Fenstern hinauswarf.

Da verstummte das lachen plötzlich, oder ward wenigstens von den rauschenden Tönen eines deutschen Walzers übertäubt, den geübte Finger einem wohlklingenden, kräftig besaiteten Flügel entlockten. Mr. Dayton musste auch wirklich zur Klingel seine Zuflucht nehmen, den Dienstboten, die oben auf der Treppe standen und den so gern gehörten Melodien lauschten, seine Gegenwart zu verkünden.

Einmal das Haus betreten, schien aber auch seine ganze frühere Heiterkeit zurückgekehrt zu sein, wenigstens blitzte sein Auge freier und fröhlicher. Er flog schnellen Schrittes die Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblicke bei den Seinen und von all' dem Lärmen und jubel umgeben.

"Endlichendlich!" rief die Clavierspielerin, sprang auf und eilte, als Mr. Dayton in der Tür erschien, diesem entgegen. "Der gestrenge Herr haben heute unverzeihlich lange auf sich warten lassen."

"Wirklich?" lächelte der Squire, während er die im Zimmer Befindlichen freundlich grüsste und dann seinem ihm entgegenkommenden weib einen leichten Kuss auf die Stirn drückte, "hat mich meine kleine wilde Schwägerin heute einmal vermisst?"

"Heute einmal," lachte das fröhliche Mädchen und warf sich mit schneller Kopfbewegung die langen dunkeln Locken aus der Stirn – "heute nur einmal? Ei, mein liebenswürdiger und gestrenger Friedensrichter muss seiner untertänigsten Dienerin einen sehr schlechten Geschmack zutrauen, wenn er glauben könnte, sie fühlte sich o h n e ihn nur einen Augenblick wohl und glücklich. Heute hat die Sache aber noch eine besondere Bewandtniss. – Hier wartet nun Mr. Lively schon eine volle Stunde auf Sie und trägt sicherlich ein schweres, fürchterliches geheimnis auf dem Herzen, denn keine Silbe ist ihm in dieser ganzen gesegneten Stunde über die Lippen gekommenauch Mrs. Breidelford –"

"Bitte um Verzeihung, mein liebwertestes fräulein," sagte die also Bezeichnete, die bis dahin auf Kohlen gesessen zu haben schien, das Wort zu nehmen, "keineswegs, denn ich glaube doch wirklich nicht, dass Sie sich bei mir über Zungenfaulheit beklagen können; eher vielleicht das Gegenteil. – Ich kenne meine Schwäche, mein fräulein, und wie der ehrwürdige Mr. Sotorpe so schön sagt, ist das schon ein Schritt zur Besserung, wenn man seine eigenen Schwächen wirklich kennt. Mein seliger Mann freilichein Engel von Geduld und Sanftmutbehauptete immer das Gegenteil. Glauben Sie wohl, Squire Dayton, dass das gute Herz mir einreden wollte, ich spräche wirklich nicht zu viel? – Breidelfordsagte ich aberBreidelford, versündige Dich nichtich weiss, wie ich binja, Breidelford, ich kenne meine Schwäche, und wenn ich Dir auch nicht zu viel rede, so fühle ich doch selbst recht gut, wie das ein Fehler von mir ist, den ich mir aber, da ich ihn einmal kenne, auch alle Mühe geben werde zu verbessern."

"Eine Tasse Tee, beste Mrs. Breidelford," unterbrach hier Mrs. Dayton den allem Anschein nach undämmbaren Zungenschwall – "bitte, langen Sie zu" – Adele aber, die augenblickliche Pause benutzend, warf sich wieder an's Clavier, und ein so rauschender Tanz dröhnte, von den starken saiten wiederfibrirend, durch das Gemach, dass jede Fortsetzung von Mrs. Breidelford's begonnener Selbstbiographie dadurch schon im Keime erstickt wurde.

"Ist der Mailrider noch nicht hier gewesen?" fragte Mr. Dayton endlich, als die Ruhe wieder ein wenig hergestellt war.

"Der Mailrider? Nein, aber Mr. Lively hier scheint seinen Auftrag gern ausrichten zu wollen," sagte Adele und blinzelte schelmisch zu dem sich allem Anschein nach höchst unbehaglich befindenden jungen Mann hinüber.

James Lively sass auch wirklich da, als ob er nicht drei zählen könnte. Alle Gliedmassen waren ihm im Wege oder auf irgend einer falschen Stelle. – Bald hatte er das rechte lange Bein hoch oben auf dem linken, dass es weit, bis mitten in die stube hineinragte, bald zog er die Füsse fest unter dem stuhl zusammen, faltete die hände und hetzte seine Daumen um ihre eigene Achse. – Dann griff er mit dem rechten Arm hinunter