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mit erneuter Kraft auf den einmal in Unordnung gebrachten Feind stürzten. Hier und da sonderten sie einzelne schwache Schwärme von dem Hauptcorps ab und trieben sie rasch hinaus in alle Weitemehr und mehr drangen sie nach dem Centrum vor, wo noch der trotzige Alte in voller Stärke die weisse wehende Fahne schwang, immer näher rückten sie dem Panier, immer näher und näher, und jetztjetzt hatten sie es erreicht, jetzt trieben sie die um dieses geschaarten Kerntruppen erst langsam und schwerfällig, dann immer rascher vor sich hin, und nun, – einmal zum Weichen gebracht, zeigte das ganze Gefilde bald nichts als flüchtige massen, die sich links und rechts in wilder, unordentlicher Eile durch die wehenden Wipfel des Urwalds jagten. Hinterdrein aber, dass die alten Bäume gar bedenklich dazu mit den wehenden Zweigen schüttelten, die jungen schlanken Weiden aber den Flüchtigen sehnend die arme nachbreiteten, stürmten die kecken Nordbrisen immer toller, immer mutwilliger, und drangen durch den rauschenden Hain und sprangen über die leichtgekräuselte Flut. Droben am Himmel indess, in all' ihrer siegreichen Herrlichkeit, stieg die glühende, funkelnde Sonnenscheibe empor, zu stolz, den Feind zu verfolgen, den sie geschlagen, zu rein aber auch, um sich ihr helles Himmelslicht durch seinen giftigen Hauch verhüllen zu lassen.

Adele stand in Hedwig's Zimmer an dem Eckfenster und blickte sinnend nach dem aufsteigenden Tagesgestirn hinüber, dessen Strahlen eben die Nebel teilten und ihr holdes Antlitz mit zartem rosigen Hauch übergossen.

"Sieh, Hedwig," sagte sie jetzt plötzlich und wandte sich nach der Freundin um – "sieh nur, wie die Sonne jetzt auch den letzten Zwang abzuwerfen scheint und frei und rein aus den hässlichen Schatten heraustritt; man sieht fast, wie sie hoch aufatmet und ordentlich froh ist, all' den Zwang und Dunst überwunden zu haben. – Ach, ist mir's doch gerade so, wenn ich aus der Stadt komme und den Fuss in den freien, herrlichen Wald mit seinen Blüten und Blumen setze."

Mrs. Dayton war neben sie getreten und schlug das grosse treue Auge zu dem reinen, von keinem Wölkchen getrübten Firmament empor. Zwei klare Tränen hingen aber an ihren Wimpern, und sie wandte sich ab, sie zu verbergen.

"Hedwig," sagte Adele leise und ergriff die Hand der Freundin – "was fehlt Dir? Du bist seit gestern Abend so ernst gewordenhat Dich Mariens Zustand –?"

Mrs. Dayton schüttelte leicht mit dem Kopf und sagte seufzend:

"Weiss ich's denn selbst, was mich drückt? Seit gestern, ja seit wir von Livelys zurückritten, ist mir das Herz so beklemmt, dass ich in einem fort weinen möchte und doch nicht sagen kann warum."

"Jener Vorfall dort hat Dich so angegriffen," beruhigte sie die Freundin, "liegt mir's doch selber seit der Zeit ordentlich in den Gliedern. Es war recht hässlich, dass wir auch gerade draussen sein mussten."

"Ach neindas ist es nicht allein," erwiderte Mrs. Dayton unruhig – "auch hierdas ganze verhältnis in Helena wird mir von Tag zu Tag drückender. Dayton lebt jetzt mehr ausser dem haus als bei uns, und ist seit kurzer Zeit total verändert."

"Ja, das sei Gott geklagt," beteuerte Adele, "sonst war er froh und heiter, oft sogar selbst ausgelassen lustigweisst Du noch, wie Du über mich lachtest, als ich mich deshalb vor ihm gefürchtet hatteund jetzt ist er ernst wie ein Metodist, spricht wenig, raucht viel, und fährt vom Stuhl auf, wenn nur irgend Jemand unten vorbeigeht."

"Er hat davon gesprochen, dass wir Helena verlassen wollen," sagte Mrs. Dayton – "wollte Gott, das könnte heute geschehen. – Helena wird mir mit jedem Tag verhasster, je mehr die Einwohner wilder und roher zu werden scheinen."

"Das sind die Einwohner nicht," entgegnete Adele, "die verhalten sich ziemlich ruhig, nur die vielen fremden Bootsleute, welche hier fortwährend kommen und gehen, werden die Ursache des ewigen Haders und Unfriedens; ach, ich wollte ja auch froh sein, wenn ich Helena verlassen könnte. Ist denn Mr. Dayton die Nacht noch nach haus gekommen? Ich hörte die Tür öffnen."

"Ja, er kehrte etwas nach zwei Uhr und todtmatt zurückdas ewige Reiten, und noch dazu in Nacht und Nebel und in der feuchten Sumpfluft, muss ihn ja endlich aufreiben. – Aber es wird bald Zeit, dass ich ihn wecken lasse, er wollte um acht Uhr aufstehen."

"Wer war denn der fremde Neger, dem ich heute Morgen hier unten im haus begegnete?" fragte jetzt Adele – "er schaute ganz entsetzlich wild und verstört dreinich erschrak ordentlich, als er mich ansah."

"Den hat Dayton, wie er mir nur flüchtig sagte, gestern von durchziehenden Auswanderern billig gekaufter ist wohl unterwegs krank geworden. Morgen oder übermorgen will er ihn auf eine Plantage nach Mississippi hinüberschicken. Aber wie geht es denn Marie?"

"Hoffentlich besserich sah heute Morgen einen Augenblick in ihre kammer hinein, und sie schlief sanft und süss; Nancy soll mich rufen, wenn sie erwacht. Vorher werde ich auch noch auf einen Augenblick nach Mrs. Smart hinübergehen müssen; sie hat mich darum gebeten, ihr Nachricht von