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im ganzen Städtchen bekannten Redensarten der würdigen Dame citirend, während er mit dem rechten arme dazu gesticulirte, langsam die Strasse hinunter. Erst an der Ecke stiess er den schweren Stock, den er bis dahin im linken Arm getragen, auf die Steine nieder: ein Zeichen, das von anderen Teilen der Stadt beantwortet wurde, und hauptsächlich dazu diente, die Wachen gegenseitig zu überzeugen, ihre Kameraden seien munter und sie könnten im Notfall auf deren Schutz rechnen.

Die Schritte des Wächters waren lange verhallt, und noch immer standen die beiden Verbrecher lautund regungslos neben einander. Sander aber, der, sobald er den Laden geschlossen, die Mütze gleich abgeworfen hatte, brach zuerst das Schweigen und flüsterte:

"Wir sind gerettetden Wachen wird es jetzt nicht wieder einfallen, nachzufragen, und die ganze Nacht bleibt uns, das versteckte Geld zu suchen; vergraben kann es doch unmöglich sein."

"Wär' es nicht besser, wir flöhen jetzt, wo es noch Zeit ist," sagte ängstlich der Mörder – "mir graut es hier in dem haus."

"Ist Euch das Herz in die Schuhe gefallen, weil Ihr da unten den Zauberstab habt klopfen hören," lachte höhnisch Sander, der in der plötzlichen Angst des gefährten und durch die gelungene List neuen Mut gewann – "nein, nun wollen wir auch sehen, ob unsere blutige Saat nicht goldene Früchte tragen wird. Geld befindet sich hier im haus, davon bin ich überzeugt, nur den Platz brauchen wir zu finden."

Und rasch nahm er die vorhin auf den Tisch gestellte Lampe wieder auf und begann, von Cotton dabei eifrig unterstützt, seine Nachforschungen auf's Neue. Es blieb aber Alles vergebens, sie öffneten zwar mit den Schlüsseln alle Türen und Kästen und durchstöberten jeden Winkel, aber keine Spur von Geld konnten sie entdeckenWaaren und Güter genug, nur nicht das, was in diesem Augenblick für sie zehnfachen Wert gehabt hätteSilber oder Banknoten.

Der dämmernde Tag mahnte sie erst, ihre nutzlosen Bemühungen einzustellen und auf die eigene Rettung zu denken; – traf man sie in diesem haus, so konnte selbst Dayton sie nicht retten. Sie verschlossen also rasch wieder die Türen, um nicht gleich, beim ersten Betreten des Hauses, augenblicklichen Verdacht zu erregen, trugen dann den Leichnam der Unglücklichen auf ihr Bettlauschten vorher sorgfältig aus dem jetzt dunkeln Zimmer auf die Strasse hinaus, ob auch keiner der Wächter in der Nähe sei und sie aus dem haus der witwe kommen sähe, schlichen dann schnell die Treppe hinunter in's Freie, und eilten nun, als sie erst einmal die Stadt hinter sich hatten, schnellen Schrittes der Schenke zu, in welcher sie den kapitän zu sprechen und hülfe und Schutz zu erwarten hofften.

31.

Cook kommt nach Helena.

Der Tag dämmertedie Dunkelheit der Nacht wich unbestimmten grauen Schatten, die, Grabesschleiern gleich, das ganze düstere, noch immer von dichtem schwadigen Nebel erfüllte Land wie den leise gurgelnden Strom überhingen. Die massen aber, die bis dahin mit der Nacht verschmolzen gewesen, schienen sich jetzt erst wieder zu einem festeren, compacteren Ganzen auszuscheiden. Es sah fast so aus, als ob sie den Feind ahnten, der sich im Osten gegen sie rüste, denn immer drängten sie ineinander und bildeten bald einen förmlichen Schutz und Wall gegen den gefürchteten Gegner. Wolke türmte sich über Wolke, und links und rechts klammerte sich der wilde Nebelkreis mit den milchweissen Armen kräftig ein in Busch und Baum des waldigen Ufers; links und rechts stemmte er sich gegen die Landspitze, ja gegen jeden in den Strom hinausragenden Baum, als ob er selbst durch die kleinste hülfe und Stütze auch neue Kraft und Festigkeit gewinnen könnte. So matt und entkräftet aber auch gestern die Sonne, als sie der Uebermacht weichen musste, in ihr stilles Lager gestiegen war, so kampfesmutig und frisch erstand sie heute Morgen sandte, trieb die Plänkler des Feindes zu Paaren, und warf sie auf die Hauptmacht zurück. Das waren aber auch eben nur Plänkler, kleine naseweise Wölkchen, die in tollem Mutwillen hoch oben in freier Luft spielten, und die ersten sein wollten, die dem Vater Nebel das Nahen des Feindes verkündeten. Schon sein Anblick jagte sie wie Spreu vor sich her, und hoch errötend, von seinem rosigen Licht übergossen, flüchteten sie schnell in die arme des Vaters, der sie sich rasch in den Busen schob und nun dem anrückenden Kämpfer die Stirn bot.

Von Westen aus hatte gestern der Sonnengott umsonst gesucht, mit seinen Pfeilen den Schuppenpanzer des Alten zu durchbohren, heute griff er die Sache vom andern Ende an. Der scharfe Nord lieh ihm dazu die Hülfstruppenpausbäckige Gesellen, die sich rücksichtslos auf den Feind warfen; rohes Volk freilich, aber zu solchem Kampfe ganz geeignet. Die griffen denn auch ohne Zögern von allen Seiten zugleich an, und als sich der Kern der Bestürmten mehr und mehr in sich selbst zusammenzog, da demaskirte plötzlich Gott Phöbus seine gewaltigen Batterien. – Hellleuchtende Strahlen schoss er mitten hinein in die scheu Zurückweichendenwie glühende Keile trieb er die Licht- und Sonnenboten selbst in das Herz der nach allen Himmelsgegenden hin geformten Carrés, von oben herab kamen seine Streiche, das Haupt trafen sie, trotz Schild und Wehr, und zurückgeworfen von der fürchterlichen, unwiderstehlichen Gewalt, wichen die massen und gerieten in Schwanken.

Das aber hatten die leichten Bataillone der derben Nordwinde kaum bemerkt, als sie sich