"Wie soll ich wissen, wo sie ihr Geld hat," sagte Sander – "doch wohl dort, wo sie schläft –"
"Dann kommt," entgegnete Cotton – "der Platz muss gleich hier nebenan sein – ich sah die Tür offen stehen, als ich eintrat. – Nun? – Fürchtet Ihr Euch etwa, über den Cadaver zu treten? Ihr habt wohl noch keine Leiche gesehen?"
Cotton hatte die Lampe ergriffen und war über den Körper weggestiegen – Sander folgte ihm, doch die Schlafkammertür fanden sie verschlossen, und der Mörder drehte sich noch einmal gegen sein Opfer um.
"Ach beste Mrs. Breidelford," sagte er höhnisch, und sein Gesicht verzog ein in diesem Augenblick wirklich teuflisches Lächeln -"dürft' ich Sie wohl einmal um Ihre Schlüssel ersuchen?"
Er bog sich rasch zu dem Körper nieder und hakte das Schlüsselbund auf; Sander hatte ihm die Lampe aus der Hand genommen, und Beide betraten nun das Schlafzimmer der witwe. Vergebens durchstöberten sie aber hier alle Winkel und Kasten, vergebens wühlten sie selbst das Bett auf und suchten jede einzelne Schieblade aus. Es war Alles umsonst, keinen Cent an Geld fanden sie, nur einzelne Schmucksachen, die sie zu sich steckten, die ihnen aber doch für den Augenblick das nicht waren, was sie bedurften. Wer kannte in dieser Wildniss den Wert solcher Sachen, und musste nicht allein schon der Besitz derselben den Verdacht noch mehr auf sie lenken? –
"Schöne geschichte das," knirschte Sander endlich, als er eine Masse wertlosen Plunders mit wildem Fluch neben sich auf die Erde schleuderte – "das kommt von Eurem verdammten gleich mit Fäusten Dreinschlagen. Hättet Ihr mich gewähren lassen –"
"So war Madame jetzt auf der Strasse und schrie Zeter und Mord!" erwiderte Cotton unwillig. "Sie hatte gemerkt, was wir wollten, und wäre auf jeden Fall geflohen."
"Und jetzt?"
"Verrät sie wenigstens nicht mehr, wen sie beherbergt," brummte der Mörder. "Doch ich dächte, wir beeilten uns ein wenig; – wo nur die alte Hexe ihre Schätze stecken hat? – Hol's der Teufel, mir wird's unheimlich hier, und je eher wir den Mississippi zwischen uns und –"
Ein lautes donnerndes Pochen an die Tür machte, dass er entsetzt emporfuhr und fast krampfhaft den Arm seines Kameraden fasste.
"Pest," zischte er dabei und sah sich wild nach allen Seiten um – "wir sind verloren! Können wir nicht hinten hinaus entfliehen?"
"Ich weiss nicht," flüsterte Sander – "der Teufel traue aber, der Platz hier ist mir völlig unbekannt, und sprängen wir in einen fremden Hof und würden von Hunden angefallen und gestellt, so wär' es um uns geschehen."
"Hallo da drinnen!" rief jetzt eine rauhe stimme von aussen, und der schwere Hickorystock schlug gegen die Tür an – "Mrs. Breidelford, was gibt's da? Sind Sie noch munter?"
Cotton stand wie vom Schlage gerührt, Sander aber, dem die Nähe der Gefahr auch wieder seinen ganzen kecken Uebermut gab, riss schnell eine der vielen im Zimmer umhergestreuten Hauben der Ermordeten vom Boden auf, zog sie sich über den Kopf und schritt nun rasch damit zum Fenster.
"Was wollt Ihr tun?" fragte Cotton erschreckt.
Sander gab ihm gar keine Antwort, schob die Gardinen von innen zurück, öffnete das Fenster ein wenig, so dass sein Kopf von unten herauf nur etwas sichtbar blieb, und fragte, die kreischende stimme der Mrs. Breidelford auf das Treffendste nachahmend, anscheinend ärgerlich und rasch:
"Nun, was gibt's da wieder? Hat man denn in diesem unseligen Neste nicht einmal des Nachts Ruhe, dass sich eine arme alleinstehende Frau –"
"Hallo – nichts für ungut," rief da eine rauhe stimme von unten, die, wie Sander augenblicklich hörte, von einem der in den Strassen postirten Wachmänner oder sogenannten Watchmen herrührte – "mir war's, als ob ich hier im haus einen Schrei gehört hätte, und da ich durch die Fensterspalten noch Licht sah –"
"Schrei – Fensterspalten!" rief unwillig die vermeintliche Mrs. Breidelford und zog sich vom Fenster zurück – "wer weiss, wo Ihr die Ohren gehabt habt. Geht zum Teufel und lasst arme alleinstehende Frauen –" das Andere wurde dem Nachtwächter draussen durch das Zuschlagen des Fensters unverständlich.
"Nu, nu," sagte der Mann lachend, als er hörte, mit welcher Heftigkeit sich Madame zurückzog – "wieder einmal nicht richtig im Oberstübchen? – der Stew muss heute Abend absonderlich gut geschmeckt haben – hahahaha, das hat mein Seliger tausend und tausendmal gesagt; – Louise, sagte er immer, ich weiss, Du verabscheust geistige Getränke, und mit Recht – sie passen auch nicht für das zarte Geschlecht; aber Du musst das auch nicht übertreiben – sagte er, ach, ich sehe ihn noch vor mir, das liebe, gute Herz, das jetzt kalt in seinem grab liegt – es gibt zeiten, wo ein Tröpfchen Rum, mit Mässigkeit genossen, Arznei werden kann, und Du bist eine zu verständige Frau, Louise – das waren seine eigenen Worte, Ladies – als dass Du nicht wissen solltest, wann Dir ein Tröpfchen nützen und wann es schaden könnte – hahahaha!"
Und der Mann ging, halblaut dabei die