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an der Treppe stehen – "hmwunderbarHenry Cotton jetzt h i e r , und heute Morgendochwas tut's? Vielleicht ist es sogar gut, dass ich ihn hier treffe." Und mit flüchtigen Sätzen folgte er der schon vorangeschrittenen Lady, die jetzt ein Seitenzimmer öffnete und dem späten, wenig willkommenen Gast hineinleuchtete.

Es war ein kleines, düsteres Gemach, von innen und nach der Strasse zu mit Gardinen verhangen; die Wände nicht tapeziert, doch die Spalten der Stämme, aus denen sie bestanden, wohlverklebt und das Ganze übertüncht; der Fussboden auch ziemlich rein und sauber gehalten. Die Möbel schienen übrigens, wenn auch einfach, doch bequem, und das im Kamin lodernde Feuer, über dem ein breitbauchiger kupferner Kessel zischte, gab dem Ganzen etwas Heimliches und Gemütliches. Dies aber schien besonders dem hier schon früher eingetroffenen gast wohlzutun. Er lag, die hände auf der Brust gefaltet, in einem grossen Sorgenstuhl, dem sonstigen Leibsitz der Eigentümerin, behaglich zurückgelehnt und musste so ganz in die Betrachtung des vor ihm stehenden halbgeleerten Glases vertieft sein, dessen purpurroter funkelnder Inhalt von einer hellbrennenden Studirlampe beleuchtet wurde, dass er den jetzt Eintretenden kaum eines Blikkes würdigte. Er tat auch wirklich, als ob er hier Herr im haus und nicht ein Flüchtling und vogelfreier Verbrecher wäre, auf dessen Einlieferung sogar schon bedeutende Prämien gesetzt worden. Uebrigens wusste er recht gut, dass ihm seine Wirtin Niemand bringen würde, der ihm gefährlich war, und es freute ihn sogar, Gesellschaft zu bekommen, da er in der alleinigen Gegenwart von Mrs. Breidelford wohl nicht mit Unrecht einen höchst langweiligen Abend befürchtete. Madame hatte nämlich, um selbst nicht in die Gefahr zu kommen, dass ihr Dienstmädchen ahnen konnte, wer ihr Gast sei, dieses heute Nachmittag, und noch ehe Cotton ihr Haus betrat, unter irgend einem Vorwande zu ihren Eltern geschickt, von wo sie vor morgen früh auf keinen Fall zurückkehren würde.

Sander schritt auf den Tisch zu, an dem der Flüchtling sass, und sagte lachend:

"Nun wie geht's, Sir? Die Bewegung gut bekommen?"

Cotton sah staunend zu ihm auf, und es dauerte wohl eine halbe Minute, ehe er den früheren Kameraden und Gehülfen erkannte, dann aber streckte er ihm rasch und freudig die Hand entgegen und sagte schnell:

"Ach, Sander, bei Gottdas ist kostbar, dass ich E u c h hier findehaben uns verdammt lange nicht gesehen."

"Nun, so v e r d a m m t lange ist das eigentlich nicht," meinte der junge Verbrecher, die dargebotene Hand ergreifend – "es müsste denn sein, dass Ihr einen so ausgedehnten Begriff von zehn oder zwölf Stunden hättet."

"Von zehn oder zwölf Stunden?" fragte Cotton verwundert, und Sander erzählte ihm jetzt lachend, wie und auf welche Art er einer seiner Verfolger geworden sei, und sehr wahrscheinlich, vielleicht auch etwas unfreiwillig, das Leben des mit dem Pferde gestürzten Cook gerettet habe.

"Ei, zum Teufel, das hätte ich wissen sollen!" rief Cotton erstaunt und schlug mit der Hand auf den Tisch – "die Pest noch einmal, wie hätte ich dem vermaledeiten Hund den Ritt versalzen wollen! Doch – 's ist vielleicht so eben so gut; es hätte das County nur noch rebellischer gemacht, das mir überdies gerade genug auf den Hacken sitzt."

Die beiden Männer unterhielten sich jetzt von seiner Flucht und den am Fourche la fave vorgefallenen Szenen, über die Sander wenig Bestimmtes wusste, während Mrs. Breidelford geschäftig das Abendbrot auftrug, das sie für ihre Gäste reichlich und schmackhaft bereitet hatte. Diese liessen sich denn auch nicht lange dazu nötigen. Cotton, obgleich er schon zu Mittag wirklich fabelhafte Portionen zu sich genommen, fing noch einmal an zu essen, als ob er Wochen lang gefastet habe, und Sander, der ebenfalls seit diesem Morgen gehungert hatte, unterstützte ihn hierin mit einem Eifer, der die würdige Wittib bald für ihre Speisekammer besorgt machte. Während des Essens wurde denn auch, nach amerikanischer Sitte, fast kein Wort zwischen den Männern gewechselt. Jeder schien zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um an irgend etwas Anderes zu denken, und erst als die Mahlzeit beendet und die Bowle mit dem dampfenden Gebräu gefüllt war, lösten sich wieder ihre Zungen, und Cotton fing nun anein Gegenstand, den sie bis dahin Alle vermiedenvon der Insel zu reden, über die er von dem gefährten Auskunft verlangte.

"Hol's der Henker," rief er dabei – "ich sehe ein, dass ich's am Ende doch nicht umgehen kann. Die Pest über die Schufte, aber sie hetzen mich wie einen Wolf, und es ist ordentlich, als ob sie mir nur mit Willen den einen Schlupfwinkel offen gelassen hätten. Gutsie treiben mich zum Aeussersten, so mögen sie's denn haben. – Wer dick aufstreicht, darf sich nachher nicht wundern, wenn ihm das Brod zu fett wirdes wäre möglich, dass ich der Brut auch noch einmal z u f e t t würde. Sander, ich bin Euer Mannnehmt mich morgen, oder meinetwegen noch heute Nacht, mit auf die Insel hinunteraber nein, heute und morgen muss ich mich erst einmal ordentlich ausruhenich bin halbtodt gehetzt, und abgemattet mag ich mich da unten