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einzelner über die Stadt hinwegstreichender Nachtvögel. Träumend hingen seine Augen an dem Nebel, und er dachte der vergangenen Tageder vergangenen Liebe. Manche Träne war ihm dabei, so recht heiss aus dem Herzen kommend, über die gebräunte Wange geträuft, und er gab sich nicht einmal die Mühe, sie wegzuwischen, ja er fühlte sie vielleicht nicht einmal.

Alleinganz allein stand er in der Welt, keine Seele hatte er mehr, die ihn liebte, kein Herz, das an ihm hing; starb er jetzt, wer war da, der sich viel um ihn gekümmert, der s e i n e r vielleicht mit einer Träne gedacht hätte? – Niemand, Niemand, und als ihn der Gedanke durchbebte, barg er tief aufseufzend das Antlitz in den Händen und starrte in die wilden, wirren Bilder hinein, die an seinem inneren Auge vorüberstürmten.

Einmal fuhr er empores war ihm fast, als ob er über die Strasse herüber einen schwachen Schrei gehört hättesein blick traf auf das noch schimmernde Licht in dem geheimnissvollen haus, aber Alles war ruhig, kein laut störte die tiefe Stille, und ermüdet warf er sich endlich auf sein hartes Lager nieder, um ein paar Stunden zu schlafen und wenigstens für kurze Zeit alles das zu vergessen, was ihn jetzt mit so schmerzlichem Weh erfüllte.

* * *

Gar lebhaft ging es indessen in dem kaum zweihundert Schritt entfernten und noch erleuchteten haus zu, wo Mrs. Louise Breidelford ihre, wie sie oft äusserte, "bescheidene und anspruchslose wohnung" aufgeschlagen hatte. Allerdings hatte Tom Barnwell ganz recht gesehen, oder wenigstens recht vermutetjene Gestalt, die bald nach seiner Gefangennehmung vor das Haus zurückkehrte, war wirklich die des vermeintlichen Hawes gewesen, und lange musste er wieder klopfen, ehe er Einlass erhielt. Der junge Verbrecher war aber nicht so leicht abzuweisen, und viel zu schlau, als sich durch ein einfaches Ruhigverhalten der Inwohnenden gleich davon überzeugen zu lassen, das Haus sei wirklich für den Augenblick unbewohnt. Er kannte seine Leute besser und vermutete gar nicht mit Unrecht, dass Mrs. Breidelford, trotz ihrer sonst in der Tat ungewöhnlichen Schweigsamkeit, sicherlich hinter der Tür stehe und jede seiner Bewegungen belausche. Als sein klopfen deshalb immer noch erfolglos blieb, bog er sich zum Schlüsselloch nieder und flüsterte durch dieses:

"Meine verehrte Mrs. Breidelford, es tut mir zwar unendlich leid, dass Ihnen meine Gesellschaft nicht übermässig interessant oder wünschenswert zu sein scheint, ich m u ss aber nichtsdestoweniger Einlass haben, und wenn Sie die Tür nicht öffnen, so klopf' ich hier so lange, bis die ganze Nachbarschaft rebellisch wirddort unten hör' ich schon wieder Leute kommen." Und wiederum begann er mit beiden Fäusten an die Tür zu hämmern. Keine halbe Minute hatte er es diesmal fortgesetzt, als er von innen einen schweren Riegel zurückschieben hörtegleich darauf noch einen, dann war Alles wieder ruhig. Er versuchte jetzt die Tür zu öffnen, diese musste aber auf jeden Fall noch verschlossen sein, und ohne sich auf weitere Demonstrationen einzulassen, begann er sein klopfen auf's Neue.

"Herr Du mein Gott!" sagte da die entrüstete stimme der ehrsamen Mrs. Breidelford, während sie jedoch den Schlüssel im Schloss umdrehte und die Tür ein klein wenig aufmachte – "dass sich unser Herr Jesus erbarmewer in aller Welt –"

Sander schnitt ihr hier den Redeschwall kurz ab, denn kaum zeigte die Tür so viel Oeffnung, dass er einen Fuss dazwischenschieben konnte, so legte er sich rasch mit seinem ganzen Gewicht dagegen und befand sich im nächsten Augenblick im inneren Raum. Ohne jedoch hier den Ausruf des Schrecks wie die entfernte Andeutung unverweilt eintretender Krämpfe weiter zu beachten, warf er die Tür schnell hinter sich zu und verwahrte sie nun seinerseits eben so sorgfältig mit Schloss und Riegeln wieder, wie sie vorher verwahrt gewesen war.

"Aber ich bitte Sie um Gottes willen –" rief die bestürzte Frau.

"Ruhe, meine süsse Lady!" bat Sander lächelnd, "Ruhe, holde LouiseDeine Unschuld ist unbedroht, Deine freundlichen Augen sind nicht gefährdet, nur Deine herzigen Lippen musst Du verschliessen,

Und wenn Dir dann das Herz, zu voll,

Im wilden Drange überquillt,

Dann wirf Dich, Lieb', an diese Brust,

Und all' Dein Sehnen ist gestillt,

Dein Sehnen, das Dir –"

"Der Henker ist Euer Du!" unterbrach ihn jedoch hier Louise Breidelford auf nicht gerade freundliche Art; "was in des Teufels Namen vollführt Ihr für einen Lärm an einsamer Wittwen Türen, als ob Ihr Euch ein Gewerbe daraus gemacht hättet, die Füllungen einzuschlagen. Mensch, seid Ihr rasend, oder wollt Ihr mich und Euch selber unglücklich machen?"

"Keins von Beidem, holde Ariadne," sagte Sander und machte einen Versuch, seinen rechten Arm um ihre Taille zu legen, welche Bewegung sie aber auf geschickte und ärgerliche Weise parirte – "keins von Beidem, ich hatte nur Wichtiges mit Ihnen zu bereden, und da meine Zeit etwas beschränkt istaber, holdseligste der Krämerinnen Helenas, wollen Sie mich denn hier die ganze Nacht auf der Hausflur stehen lassen? Ich bin kalt, nass, hungrig, durstig, beraubt, verliebt und in GefahrEigenschaften, von denen jede einzelne hinreichend sein müsste, bei einer so liebenswürdigen entzündlichen Frau auch das grösste Interesse für den Eigentümer zu erwecken. Zuerst