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nicht mehr weiter stromab und von Helena fortgenommen werden könnte. Wo er sich aber befand, ob in Arkansas, Mississippi oder an einer der weiter unten gelegenen Inseln, vielleicht drei- oder Vierundsechzig, das war ihm unmöglich zu bestimmen, ja, so hatten sich seine Gedanken verirrt, dass es einer langen Zeit bedurfte, bis er mit sich überhaupt im Reinen war, er befinde sich noch im Mississippi und sei nicht etwa in irgend einen Fluss oder eine Bayo unversehens hinein-, und diese Gott weiss wie weit hinaufgerudert. Das einzige, worüber er vollkommen Gewissheit zu haben glaubte, war, dass er w e n i g s t e n s fünfzig bis sechzig Meilen von Helena entfernt sein müsse. –

Wo aber befand er sich? Im Anfange wollte er rufen, denn vielleicht befanden sich Menschen in seiner Nähe, die ihn hörten. Doch konnte es nicht eben so gut möglich sein, dass er gerade in jenes Nest geraten wäre, nach dem er suchte, und welchen Empfang durfte er von Denen hoffen, die ihm noch vor kurzer Zeit so unzweideutige Beweise ihres Hasses gegeben? Neinda heute nun doch einmal kein Gedanke daran war, Einundsechzig noch zu erreichen, und der Nebel auch auf jeden Fall den Morgenwinden weichen musste, so beschloss er, seinen Kahn an einer sichern Stelle zu befestigen und nachher ruhig darin ausgestreckt den Tag abzuwarten.

Das war nun freilich nicht so leicht, als er es anfangs erwartet hatte. Eine Masse Baumgewirr versperrte ihm überall den Eingang, und dort bleiben, wo er sich gerade befand, konnte er eben so wenig. Die Flut presste gerade dagegen, und brachte sie irgend einen fortgeschwemmten Baumstamm mit, so musste ihm dieser, mit der Gewalt solcher Wassermasse vereint, unfehlbar das leichte Fahrzeug zertrümmern und ihn selber unter das Treibholz schwemmen. – Er arbeitete sich jetzt also mit aller Anstrengung links hin, bis er zu einer Art Landspitze kam, denn die Strömung brach sich hier mit grosser Stärke am Ufer und schoss dann rasch und schäumend vorbei. Dort hatte auch augenscheinlich die Kraft des Wassers einen früher dagelegenen Baum zur Seite geschwemmt, so dass eine Art kleine Bucht dadurch entstanden war. In diese lief er ohne Zögern ein und richtete nun, gegen äussere Gefahr geschützt, sein Lager, so gut es gehen wollte, her, um wenigstens ein paar Stunden schlafen zu können.

Kurze Zeit mochte er so gelegen haben, und das gleichförmige Rauschen des Wassers begann, trotz des harten Lagers, seine wirkung auf ihn auszuüben, als es ihm, schon halb im Traume, vorkam, als ob er Stimmen höre, die in ziemlich lebhaftem Gespräch mit einander begriffen wären. Im Anfange horchte er halb bewusstlos den unverständlichen Tönen, er hatte schon geträumt, er sei in die See hinausgetrieben, und vom Ufer aus riefen sie hinter ihm her und warnten ihn vor den Gefahren des Golfes. Mehr und mehr aber wieder munter werdend, staunte er zuerst über den Ort, wo er sich befand, und konnte sich endlich nur mit vieler Mühe des Vorgefallenen erinnern.

Nun war O'Toole allerdings nicht Waldmann genug, ein solches Lager in dem feuchten Flussnebel einem warmen Bette vorzuziehen, dennoch aber hielt ihn eine gewisse Angst zurück, jene Sprechenden anzurufen, denn die Absicht schon, in der er ausgezogen war, liess ihn in jedem Menschen, den er traf, einen Räuber, Mörder und falschen Spieler erblicken. Er kroch also, um vor allen Dingen zu recognosciren, wo er eigentlich sei und in welcher Umgebung er sich befinde, aus seinem Boot heraus, über ein paar umgestürzte Stämme an's Ufer und schlich nun hier, so geräuschlos als es ihm die jetzt wirklich aussergewöhnliche Dunkelheit und die rauhe Wildniss erlaubten, vorwärts, dem Schalle nach.

Das Geräusch und Sprechen schien auf einem Orte zu bleiben, und O'Toole vermutete hier natürlich nichts weiter als eine Farmerwohnung, zu der er nur nicht den rechten Pfad getroffen habe, sondern in irgend eine neue Rodung geraten sei. Er hatte denn auch, obgleich mit entsetzlicher Anstrengung, schon einen ziemlichen teil des Dickichts durchdrungen, als plötzlich Alles wieder ruhig war, und jetzt nur noch das einförmige Quaken der Frösche und das Zirpen einzelner Locusts die Todtenstille unterbrach. Nichtsdestoweniger behielt er die Richtung bei, in der er früher die Laute gehört, und erreichte gerade einen kleinen, ziemlich freien Platz, als er aus dem Nebel, und zwar dicht vor sich, zwei Gestalten treten sah, so dass er nur noch eben Zeit genug behielt, hinter einem niedern Busch auf die Erde zu sinken.

"Und ich sage Euch, Jones, Ihr dürft die Insel bei Gott nicht verlassen, ohne den Schwur geleistet zu haben" beteuerte jetzt plötzlich der Eine von ihnen, während er stehen blieb und sich gegen seinen Begleiter umwandte. – "Es ist uns Allen streng befohlen worden, Euch nicht fortzulassen."

"Aber ich habe ja den Schwur leisten w o l l e n , " rief der Andere ärgerlich – "Höll' und Teufel, ich kann doch nicht mehr tun, als Euch sagen, ich will beschwören, was Ihr begehrt? Es ist schändlich, mich jetzt hier, g e g e n meinen Willen, zurückzuhalten, wo ich in Mississippi drüben die besten Geschäfte machen könnte."

"Auch das wisst Ihr, warum das jetzt nicht möglich ist," erwiderte ihm der Andere – "solcher Schwur muss seine gehörige Feierlichkeit