stillen See herumfahre, und wo Ost, Nord, Süd oder West sein könnte, wurde ihm jetzt zu einem vollständigen Rätsel. Der Fluss lag in spiegelglatter Ruhe um ihn her, und nur die Nebel schwebten in dichten, fest in einander gedrängten und wie es schien vollständig mit einander verbundenen Wölkchen darüber hin und wichen und wankten nicht. Was hätte er jetzt für einen einzigen, noch so fernen blick des Ufers gegeben, um nur eine idee zu bekommen, wo er sich eigentlich befinde. Der Wunsch schien aber nicht in Erfüllung zu gehen, ja die Dämmerung fing sogar an deutlich merkbar zu werden, und er verzweifelte nun fast daran, nicht allein die Insel, sondern sogar in vielen Meilen Entfernung ein Ufer zu erreichen.
Nun gibt es allerdings ein Mittel, selbst in solchem verhältnis und o h n e Compass eine gerade Richtung beizubehalten; ist man nämlich gänzlich in Zweifel, woher die Strömung kommt oder wohin sie geht, so braucht man nur so lange im Kreise herumzurudern, bis man die Flut vorn unter dem Bug rauschen hört. Dann kann man überzeugt sein, dass man gegen die Strömung anhält, und ist nun im stand, die zu nehmende Richtung zu bestimmen. Allerdings würden aber selbst dann nur wenige Ruderschläge den Rudernden wieder auf den alten Fleck bringen, denn weil die seitwärts gegen das Fahrzeug andrängende Wassermasse auch den Bug bald stärker, bald schwächer niederdrückt, je nachdem man ein ganz klein wenig mehr auf- oder abhält, so wäre es unmöglich, die Richtung so genau im Gefühl der Hand zu haben. Das einzige Mittel in diesem Falle ist – da man doch in einem zweirudrigen Boot mit dem Rükken nach vorn sitzt – die Augen fest auf das Fahrwasser seines Kahns zu halten, d.h. auf den Streifen, den das Boot beim schnellen Durchschneiden des Wassers hinter sich lässt. So lange dieser eine durchaus gerade Linie beschreibt – denn eine kurze Strecke kann man selbst beim stärksten Nebel sehen – so lange behielt auch das Boot dieselbe bei, denn die geringste Abweichung würde es gleich hinter dem Stern durch eine krumme Linie verraten. Man darf aber während dieser Zeit natürlich keinen Augenblick mit Rudern aufhören oder nachlassen, denn eine gleichmässige Fortbewegung ist zu solcher Bestimmung unumgänglich nötig.
Davon hatte jedoch O'Toole, der sich sonst wenig mit Wasserfahrten beschäftigte, keine Ahnung; er wusste nur, dass er noch nicht weit genug vom Land entfernt sein könne, um sich schon oberhalb der Insel zu befinden. Trieb er also jetzt mit der Strömung abwärts, so führte ihn diese an seinem Ziele vorbei, und rasch griff er daher wieder zu den Rudern. Nur einmal noch betrachtete er mit prüfendem blick die ruhige Nebelfläche um sich her, drehte dann den Bug dortin, wo er die Mitte des Stromes glaubte, und zeigte in Handhabung der elastischen Ruder bald so guten Willen, dass das wasser an seinem Buge rauschend schäumte und hoch aufspritzte. So arbeitete er wohl eine volle Stunde lang, dass ihm der Schweiss in grossen perlenden Tropfen auf der Stirn stand und er bei richtiger Führung den Mississippi schon zweimal gekreuzt haben konnte, aber kein Land bekam er zu sehen, weder rechts noch links, weder vor noch hinter sich, und er fühlte nun wohl, dass er die falsche Richtung gefahren sei.
Einen Augenblick liess er die Ruder sinken und wischte sich den Schweiss von der Stirn, dann aber ergriff er sie wieder und legte sich von Neuem mit aller Kraft und bestem Willen hinein, bis er endlich einsah, dass alle seine Anstrengungen vergeblich sein mussten. Das Beste also, was er jetzt tun konnte, war, nach Arkansas zurückzukehren, um den Versuch ein anderes Mal unter günstigeren Verhältnissen zu erneuen. – Aber guter O'Toole, es erwies sich als eben so schwer, nach Arkansas, wie nach Mississippi hinüberzuhalten. Nacht und Nebel umgab ihn bald mit undurchdringlichem Schleier, keinen laut hörte er, nicht einmal das Gequake von Fröschen, das ihm die Nähe des Landes – gleichviel nun welchen Ufers – verraten hätte. Er musste sich inmitten des gewaltigen Stromes befinden.
Da hielt er endlich, nachdem er sich noch eine ganze Zeit lang bis zu tödtlicher Ermattung abgemüht, mit Rudern ein, warf die Ruder in den Kahn und streckte sich selbst – gleichgültig gegen Alles, was ihn befallen könnte, in dem Stern des Bootes aus. – Einmal musste er ja doch irgendwo antreiben, oder doch wenigstens Geräusch von irgend einem Boot oder dem Ufer, in dessen Nähe ihn die Strömung zuerst bringen würde, hören, und er hatte eingesehen, dass er selbst nicht im stand sein würde, das Mindeste dafür oder dagegen zu tun. Er war förmlich verirrt und wusste in der Tat nicht mehr, wo er sich befand, ob er irgendwo festänge, oder immer stromab, der Mündung des Arkansas zutreibe.
In dumpfem Brüten lag er in seinem Boot ausgestreckt und schaute schweigend zu der grauen Masse hinauf, die ihn in fast fühlbarer Schwere und Feuchtigkeit umgab – da war es ihm plötzlich, als ob er das Quaken eines Frosches höre – er horchte hoch auf. Fast in demselben Augenblick vernahm er ein dumpfes Rauschen, und ehe er sich noch recht umschauen konnte, von welcher Richtung dies eigentlich komme – da er es natürlich auf der ganz entgegengesetzten Seite erwartet hatte – trieb auch sein schwankendes Boot schon in den starren Wipfel einer Eiche hinein.
Land hatte er jetzt – Bäume wenigstens – und er wusste doch nun, dass er