Euch übrigens einen Gefallen tun wollt, so erwähnt nichts gegen den kapitän, wenn er etwa kommen sollte."
Er verliess mit diesen Worten das Zimmer, Georgine aber, kaum von seiner Gegenwart befreit, warf sich auf die Ottomane, und machte ihrem gepressten und bis dahin nur gewaltsam bezwungenen Herzen Luft in einem wilden, lindernden Tränenstrom. Der Schmerz des schönen leidenschaftlichen Weibes konnte sich aber nicht auf solch' sanfte Art brechen; ihr Charakter wollte nicht leiden und dulden, er wollte ankämpfen gegen den Druck, der ihn beengte, und Rache üben an Dem, der es wagte, ihr feindselig gegenüber zu treten. Grenzenloser Liebe war sie fähig, aber auch grenzenlosen Hasses, und diese Leidenschaften wurden nur verstärkt, da Zweifel und Eifersucht die eine umnachtete, während noch immer die Gewissheit fehlte, der andern freien und ungehinderten Lauf zu lassen. Sie hatte Richard Kelly mit einer Stärke geliebt, die sie selbst erbeben machte – Alles – Alles hatte sie ihm geopfert, Gefahren mit ihm geteilt, Verfolgung und Not mit ihm getragen, in seinen letzten Schlupfwinkel war sie ihm gefolgt – unter dem Auswurf der Menschheit lebte sie m i t i h m – für ihn – jede Rückkehr in das gesellschaftliche Leben war ihr abgeschnitten – ihre einzige Hoffnung auf dieser Welt er; der einzige Stern, zu dem sie bis jetzt mit Vertrauen und Liebe emporblickte, e r ; der einzige Gott fast, zu dem sie gebetet, e r , und j e t z t – zum ersten Mal der fürchterliche Verdacht – nein, fast die Gewissheit schon, dass er f a l s c h s e i . Das Alles machte ihr Hirn schwindeln, jagte ihr das Blut in Fieberschnelle durch die Adern. Er war schuldig – wozu brauchte er denn auch sonst ihren Boten zu fürchten – wozu hätte er – grosser allmächtiger Gott – die Sinne vergingen ihr, wenn sie den Gedanken fassen wollte – das K i n d ermorden lassen.
"Gewissheit!" stöhnte sie mit krampfhaft gefalteten Händen – "Heiland der Welt, gieb mir G e w i ss h e i t , n u r Gewissheit, und überlass das Uebrige mir – Richard, Richard, wenn Du Dein Spiel mit mir getrieben –"
Ein Stimmengewirr wurde vor der Tür laut, und als sie diese öffnete, standen etwa ein halbes Dutzend der Insulaner davor, von denen einige fackeln trugen, andere den gebundenen Neger in der Mitte führten. Bolivar schritt trotzig zwischen ihnen einher; den Kopf umwand eine Binde, und das eine Auge war ihm, vom Kampfe mit der Uebermacht, angeschwollen. Des Messers hatten sie ihn beraubt, dass er nicht doch noch Unheil damit anrichte.
Georgine trat auf ihn zu, sah ihm erst einige Secunden lang fest und starr in das halb trotzig halb scheu zu ihr aufgeworfene Auge, und sagte dann, während sie ein kleines silberverziertes Terzerol spannte und in der Hand hielt, jetzt aber auch in kaum zwei Fuss Entfernung von dem Afrikaner stehen blieb:
"Bolivar – Deine Tat ist verraten – Du bist in meiner Macht, und kein Gott könnte Dich vor der verdienten Strafe retten, wäre nicht noch ein Anderer hineinverwickelt, dessen Entdeckung mir wichtiger ist als D e i n Leben, Sclave! Du hast den Knaben, der Deiner Obhut anvertraut wurde – e r m o r d e t , in jener Bucht drüben den Leichnam versenkt. Du siehst, ich weiss Alles, jetzt gestehe aber auch, so Dir Dein schwarzes Leben nur den Wert einer Glasperle hat, w a s und w e r Dich dazu bewogen. Der Knabe hatte Dir nie ein Leid getan – er war manchmal übermütig, nach der Knaben Art, aber sonst noch fast ein Kind – in Deinen Händen musste er wie die Taube in des Geiers Krallen sein. W e r hat Dich also gedungen, Mensch, oder wessen Befehlen hast Du dabei gehorcht? Sprich, denn ich weiss Alles, aber ich will nur erst durch Deinen Mund Gewissheit – s p r i c h ! "
"Ich weiss nicht, wer Euch all' den Unsinn in den Kopf gesetzt," knurrte Bolivar, "aber so viel ist gewiss, dass ich hier um nichts und wieder nichts niederträchtig behandelt werde. – Wäre Massa Kelly hier –"
"Der würde Dir beistehen, das glaube' ich," flüsterte die Frau – "doch Deine Ausflüchte helfen Dir nichts – gestehe, sag' ich, oder, beim ewigen Gott! ich jage Dir diese Kugel durch's Hirn – Du kennst mich, dass ich Wort halte, wenn es gilt, eine Drohung auch auszuführen."
"Ja, darin kenn' ich Euch!" trotzte der wilde Sohn der Wüste – "darin kenn' ich Euch nur zu gut, aber ich lache Eurer Drohungen. Dieses Leben, das ich in letzter Zeit hier geführt, ist doch kaum besser als das eines Hundes gewesen – drückt in drei Teufels Namen ab, aber glaubt nicht, dass ich mich vor solchem Kinderspielwerk fürchten soll – 's wäre lächerlich."
"Löst ihm die hände und bindet sie an jenen Baum," rief Georgine jetzt, die ihren Entschluss geändert hatte, während sie die kleine Unterlippe fast blutig mit ihren hellglänzenden Zähnen presste. – "Ich will doch sehen, ob ich die schwarze Bestie nicht zum Reden z w i n g e n kann. – Tusk, bringt die Peitsche