Strom allein reisst die zahlreichen Opfer in seine Tiefe."
"So haben auch Sie schon von jenen Fürchterlichen gehört, die hier auf dem Mississippi ihr Wesen treiben sollen?" flüsterte Mrs. Everett erschreckt und ängstlich – "vielleicht wissen Sie etwas Näheres über ihr Bestehen?"
"Ich verstehe nicht recht, wen Sie meinen, Madame," sagte Edgewort.
"Sie haben in Helena gehört, dass mein Bräutigam vor kurzer Zeit im Fluss verunglückte?" fragte die Frau dagegen.
"Ja, – Mrs. Smart sprach davon."
"Man sagt, das Boot sei auf einen Snag gerannt."
"Das ist wenigstens das Wahrscheinlichste. – Du lieber Gott, so mancher arme Bootsmann hat ja schon auf solche Art seinen Tod gefunden."
"Ich glaube es nicht," – flüsterte Mrs. Everett, – aber noch viel leiser als vorher.
"Was?" fragte Edgewort erstaunt.
"Dass Holk's Boot auf natürliche Weise untergegangen sei," erwiderte die junge Frau, wie früher flüsternd, – "ich habe einen fürchterlichen Verdacht, und will eben nach Victoria ziehen, wo sich ein Bruder von mir, ein wackerer advokat, niedergelassen hat. Der soll sehen, ob er die Täter nicht aufspüren kann."
"Wäre aber da nicht Holk's Sohn, der, wie ich höre, des Verstorbenen Land so schnell verauctioniren liess, eine viel passendere person gewesen?" meinte der alte Mann; "ich weiss doch nicht, ob eine F r a u im stand sein sollte, gegen dieses Volk aufzutreten – wenn es nämlich wirklich existirte."
"Holk hatte gar keinen Sohn," fuhr Mrs. Everett noch eben so leise als früher fort. – "Mein Leben setze ich zum Pfande, dass jener Mann, der sich für seinen Sohn ausgab, ein falsches Spiel spielte. Ich habe oft – oft mit dem armen Holk über seine Familie gesprochen, und er verbarg mir nichts. Ach, wie manchmal hat er mir versichert, er stehe ganz allein in der Welt, und habe nur mich, auf die er sein künftiges Lebensglück baue. Hätte er den S o h n verleugnen sollen? Nie!"
"Hm!" murmelte Edgewort und schaute eine ganze Weile sinnend vor sich nieder – er gedachte dessen, was ihm Smart noch vor seiner Abfahrt gesagt hatte. – Unwillkürlich schweifte dabei sein blick nach den beiden Männern hinüber, die jetzt in sehr angelegentlichem Gespräch begriffen schienen, – "hm – ich wollte, Tom wäre hier. Weiss auch der Henker, weshalb ich den Jungen allein voranfahren liess. Hör' einmal, Bob-Roy" – und er wandte sich damit zu Einem der Bootsleute, der ihm am nächsten stand, und zwar an denselben, der schon früher den Streit mit dem Steuermann gehabt, – "was hältst Du von dem Nebel? Du bist doch auch nicht das erste Mal auf dem Mississippi."
"Ich halte davon, dass wir sobald als möglich irgendwo an Land laufen oder den Notanker über Bord lassen," sagte der Mann unwillig, – "hier so in den Nebel hineinzusegeln, ist wahre Tollkühnheit. – Wenn uns ein Dampfboot begegnet, sind wir verloren, und begegnet uns keins, so bleibt uns doch noch immer die ziemlich sichere Aussicht, irgendwo fest zu rennen. Wenn i c h ein Boot zu befehligen hätte, so wüsste ich so viel, dass es bei solchem Nebel lieber Mississippisand als Mississippiwasser unter sich haben sollte – obgleich beides noch Manches zu wünschen übrig lässt."
"Also Ihr meint, wenn der Nebel dichter würde, sollte ich beilegen?"
"Gewiss meine ich das, wenn Ihr mich denn einmal drum fragt," sagte der Rudermann, "'s ist mir ohnedies ein unheimliches Gefühl, so gar nicht zu sehen, wohin man fährt, und dann d e m Burschen da –" und er wies rückwärts über die Schulter mit dem Daumen nach Bill hin – "anvertraut zu sein."
Edgewort folgte der Bewegung mit den Augen, brach aber jetzt, als Blackfoot langsam auf ihn zuschritt und bald darauf neben ihm Platz nahm, das Gespräch mit dem Mann ab.
"Es wird trüb'!" sagte der, während er dabei den Strom hinabdeutete, wo die Nebelmauer höher und höher zu steigen schien, – "es wird verdammt trüb'. – Wir können froh sein, dass wir einen so guten Lootsen an Bord haben."
"Ja, ja," erwiderte Edgewort und blickte unruhig umher, "es sieht bös dort unten aus – dauern diese Mississippi-Nebel lange?"
"Sehr verschieden, Sir, – sehr verschieden – manchmal treibt sie ein leichter Abendwind wie gar nichts vor sich hin, manchmal aber liegen sie so zäh auf dem Strom, als ob sie von Gummi elasticum wären und immer weiter und weiter sich ausbreiteten, je mehr der Wind daran zerrte und zöge. – Wahrscheinlich wird's aber, wenn der Mond aufgeht, besser; jedenfalls können wir noch ein oder zwei Stündchen ruhig fortfahren, bis wir einmal in die Nähe von Dreiundsechzig kommen. – Dort pflegen die Boote gewöhnlich beizulegen."
"So? Also nachher ratet Ihr mir selbst, das Boot irgendwo zu befestigen? Ich hatte Lust, schon früher anzulegen."
"Nein, ja nicht!" rief Blackfoot – "wozu die schöne Zeit versäumen, wenn es