1847_Gerstcker_147_118.txt

den sonst so kräftigen und offenen Charakter der Amerikaner wahrhaft schändende Sitte, und wird überhaupt nur in einem sehr kleinen teil der Union, vorzüglich aber in Kentucky ausgeübt. Hat nämlich beim Boxen oder Ringen der eine Kämpfer den andern niedergeworfen, und will dieser sich durch Treten oder Beissen befreiendenn bis der Besiegte nicht sein "enough" – genugruft, wird der Kampf nicht für beendet angesehenso sucht der Obenliegende den schon so weit Ueberwundenen zu gautschendas heisst, er drängt ihm einen oder auch beide Daumen in die Augenhöhlen hinein, aus denen er, wenn nicht daran verhindert, die Augäpfel herauspresst. Nicht selten wickelt er dabei mit raschem geschickten Griff die an den Schläfen wachsenden Haare des Opfers um seine Zeigefinger, um dadurch in seinem fürchterlichen Geschäft nicht allein mehr Sicherheit zu gewinnen, sondern auch den Niedergeworfenen zu verhindern, sich die ihm Blindheit drohenden Daumen in den eigenen Mund zu ziehen und mit verzweifelter Wut abzubeissen. Hunderte können bei solchem Kampfe gegenwärtig sein, Keinem wird es einfallen, das grässliche Resultat zu verhindern, ausgenommen, der Eine gesteht mit dem Ruf "genug" seinem Gegner den Sieg zu. Dann müssen augenblicklich alle Feindseligkeiten eingestellt werden. Das Gouchen bedingt übrigens nicht jedesmalige Blindheit, zu zeiten können die Augen wieder in ihre Höhlen, ohne ihre Sehkraft zu verlieren, zurückgeschoben werden; nur zu oft zieht es jedoch seine entsetzlichen Folgen nach sich, und Hunderte sind, die so, teils halb, teils ganz erblindet, die wirkung eines natürlichen Kampfes durch's ganze Leben schleppen. Der Verlust eines Auges gilt auch dabei als vollkommen hinreichende Entschuldigung, einen angebotenen Kampf auszuschlagen, ohne dabei in den Verdacht der Feigheit zu geraten, da man es erklärlich findet, der also Verkrüppelte wolle nicht gern auch sein zweites Auge gleicher Gefahr aussetzen.

23.

Die unerwartete Verhaftung.

Tom schritt ungeduldig in Frontstreet auf und ab. Dem Richter hatte er versprechen müssen, auf ihn zu warten, und der kam jetzt nicht zurück. Seine Jolle befand sich zur Abfahrt bereit, dicht neben dem dort noch immer vor Spring- und Sterntau liegenden Dampfboot Van Buren, das seine Schäden so weit ausgebessert hatte, um am nächsten Morgen elf Uhr wieder abfahren zu können, und zweimal schon war er die vom Fluss abführende Wallnutstreet in aller Ungeduld hinauf und herunter gelaufen, und immer noch wollte sich der Squire nicht sehen lassen. Der Abend brach dabei mehr und mehr herein, und Tom blieb plötzlich mitten in seinem Marsch stehen, stampfte ärgerlich mit dem fuss und rief:

"Ei so hol' ihn der Henker, ich gehe wieder zum Fluss hinunter, und lässt er dann noch nichts von sich sehen, dann fahr' ich ohne seinen Wisch ab. Wetter noch einmal, der Constabler in Victoria muss mir überdies beistehen, wenn ich gerechte Sache habe, und wenn ich die n i c h t habe, kann mir auch die Empfehlung nichts helfen!"

Er schritt Wallnutstreet wieder hinab und bog eben wartet ein Mann entgegenkam, der, den Fremden kaum bemerkend, sein Taschentuch schnell vor das Gesicht hielt, als ob er Zahnschmerzen habe, und dann rasch, aber den Kopf gesenkt, an ihm vorüberschritt.

Nebel und Abenddämmerung vergönnten dem scheidenden Tageslicht nur noch einen schwachen Strahl. Dennoch war er dem Scharfblick des jungen Mannes hinreichend, in dem schnell verhüllten Antlitz des Fremden die Züge eines Mannes zu entdecken, die sich, ausser ihren ganzen Eigentümlichkeiten, ihm auch noch mit einer Schärfe in Herz und Gedächtniss eingegraben hatten, um ein Vergessen unmöglich zu machen.

Es war Eduard Hawesdie blonden, flatternden Locken liessen ihm keinen Zweifel, wenn auch der grobe Farmersrock den für einen Moment erweckt haben mochte. – Es war der Mann, der ihn damals, als er in der Nähe der reizenden Marie Morris sein ganzes irdisches Glück zu finden glaubte und wirklich fand, aus all' seinen süssen, seligen Träumen riss und wieder in die kalte Welt hinausstiess. Ach, Marie hatte ja nicht einmal geahnt, mit welcher Glut und leidenschaft der rauhe Jäger an ihr hing! – Wie einen Bruder hatte sie ihn geliebt, und als Hawes, mit Reichtum, Schönheit und dem einfachen kind imponirenden Geist dazwischentrat, reichte sie ihm, des Schrittes kaum sich bewusst, den sie tat, die Hand. Erst als Tom jetzt in Verzweiflung floh und sie beim Abschied seinen tiefen, kaum bezwungenen Schmerz erkannte, mochte ihr eine Ahnung seiner Gefühle dämmern. Da war es aber zu spätschon am andern Tage legte der alte Friedensrichter Morris, der Onkel der Braut, der Tom Barnwell wie einen Sohn liebte und auf dessen Verbindung mit seiner Nichte schon als auf den Trost seines Alters gehofft hatte, die hände der beiden Verlobten in einander und drückte dann die weinende zitternde Braut, selbst mit Tränen im Auge, an sein Herz.

Dieser Hawes, dessen Bild sich Tom Barnwell's Seele mit unauslöschlichen Zügen eingeprägt hatte, stand plötzlich vor ihm, und das ganze Wesen und Benehmen desselben musste in Tom den fast unwillkürlichen Gedanken erwecken, Jener wolle nicht gesehen sein. Mit Blitzesschnelle stiegen da all' die wirren und fürchterlichen Vermutungen wieder in ihm auf, die er, seit er Marie gefunden, oft hatte fast gewaltsam zurückdrängen müssen. Hawes hier, wo ein Brief an ihn auf das Land hinausgeschickt war, in einem ganz andern Teile der Stadt, als in dem sich Marie befand! – Wollte er wirklich unerkannt sein, oder war