man in der Stadt ziemlich bestimmt wissen, es werde, besonders auf jenem Flatboote, Nachts, und zwar um bedeutende Summen, gespielt. Der Richter hatte aber schon mehrere Male mit dem Constabler selbst, und zwar ganz unerwartet, Nachsuchung gehalten, ohne auch nur das mindeste Verdächtige zu bemerken, und da das Haus ziemlich getrennt von der Stadt lag und man das nächtliche Singen und Zechen dort nicht hören konnte, so bekümmerte sich bald Niemand mehr darum. Der Wirt, der seine Bedürfnisse ebenfalls nur von Flat- oder Dampfbooten bezog, kam überdies selten oder nie nach Helena hinein, so dass ihn viele Bewohner desselben nicht einmal von Ansehen kannten.
Der Nachmittag war jetzt ziemlich weit vorgerückt, trübe und düster lag er aber auf der niedern Sumpfstrecke, die sich fast nach allen Himmelsgegenden hin in weiter, ununterbrochener, trostloser Fläche ausdehnte. Der Nebel, der bis dahin in einzelnen noch zerrissenen Wolken bald hier bald da hinüberdrängte, und dann und wann kleine Strecken des Flusses, ja manchmal sogar, bei einem etwas stärkeren Luftzug, das gegenüberliegende Ufer sichtbar werden liess, hatte sich jetzt zu einer festen Masse verdichtet und lagerte ruhig auf der unheimlich unter ihm dahinschiessenden Flut. Selbst der leise, noch nicht ganz erstorbene Wind vermochte nicht mehr auf ihn einzuwirken, und konnte nur dann und wann einen wehenden Streifen von ihm losreissen und über das feste Land hinauspressen. Dieser durchzog es dann in weissen durchsichtigen Wolken, um später, mit den Schwaden der Niederung vermischt, nur neue Kräfte in seinen rötlich ungesunden Dünsten zu sammeln und in das nebelgefüllte Strombett zurückzuführen.
Die Sonne selbst vermochte nicht durch die in ihrem Lichte trotzenden massen zu dringen, und ihre blutrote Scheibe stand strahlenlos und düster am Firmament. – Die ganze Mittagszeit hindurch hatte sie den Titanenkampf gegen die ineinander gepressten Schwaden gekämpft, doch vergebens, und jetzt schien es fast, als ob sie voll zornigen Unwillens das unerfreuliche Ringen aufgebe, und ernst und mürrisch in ihr waldumschlossenes Lager niedersteige. Brach sich dann die Abendluft nicht Bahn, und zerstreute diese nicht mit starkem Hauch den stämmigen Feind, dann konnte die Nacht wohl schwerlich seine massen bewältigen. Feuchter Nachttau und der Atem der schlummernden Erde nährten ihn mehr und mehr, so dass er sich noch nach allen Seiten ausbreitete und zuletzt sogar den Wald, was ihm am Tage nicht möglich gewesen, bis zum Rand mit milchweissem Schaum erfüllte.
Das dicht am Ufer stehende kleine Haus befand sich ebenfalls im Bereich dieser Schwaden, oder doch wenigstens so dicht an der Grenze derselben, dass bei jedem nur leise herüberwehenden Luftzug der ganze Drang des Nebels sich über dasselbe hinwälzte und es förmlich umhüllte. Wenig schien das aber die darin versammelte lustige Schaar von Bootsleuten zu kümmern, deren Lärmen und Jauchzen nur einmal, und selbst da nur auf Secunden, unterbrochen werden konnte, als ein augenscheinlich nicht zu ihnen gehörender, sehr modern und selbst elegant gekleideter Mann eintrat, und rasch, ohne links oder rechts zu sehen, den menschengedrängten Raum durchschritt, und gleich darauf in einer zu dem hinteren teil des Gebäudes führenden Tür verschwand.
Als er das auf den Strom hinaussehende niedere Gemach betrat, wollte sich eine andere person, wie es schien, leise und unbemerkt zur gegenüberliegenden Tür hinausstehlen, des Fremden scharfes Auge vereitelte aber den Versuch.
"Waterford!" rief er ernst – "bleibt hier! – ich will jetzt nicht untersuchen, weshalb Ihr Euren Posten verlassen habt – ich bedarf Eurer – später werdet Ihr vielleicht darüber Rechenschaft zu geben wissen. Ist Toby eingetroffen?"
"Nein, kapitän Kelly!" lautete die demütig gegebene Antwort des sonst wild und trotzig genug aussehenden Burschen, der mit dem einen funkelnden Auge – das andere hatte er in einem Gouchkampf1 verloren – scheu unter den grauen buschigen Augenbrauen hervorblinzelte.
"Nein?" rief Kelly und stampfte unmutig den Boden, "dass die Pest seine faulen Sohlen treffe. – Schick' ihm rasch Jemanden entgegen – er m u ss unterwegs sein und noch heute Nacht auf der Insel eintreffen – rasch – sende Belwy, der ist leicht und kann dem Rappen eher etwas zumuten. Er soll sich gleich übersetzen lassen und reiten, bis ihm das Ross unter dem leib zusammenbricht, und halt – noch Eins. Sobald Ihr drüben das Raketenzeichen seht, braucht Ihr keine weiteren Befehle von mir abzuwarten. Ihr wisst dann, was Ihr zu tun habt. Seid aber schnell und sendet A l l e , die Ihr auftreiben könnt, und zwar A l l e auch zu augenblicklicher Flucht gerüstet."
Der Einäugige verschwand durch die Tür, und der kapitän schritt, mit fest verschlungenen Armen und schweigend, wohl mehrere Minuten lang rasch im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er vor Torby, dem Wirt dieser Diebesspelunke, stehen, der ihm ehrfurchtsvoll, mit der Mütze in der Hand, zuhörte und sagte mit leiser, aber schneller stimme:
"Es wird – hoffentlich in kurzer Zeit – ein Bote von dem See hier sein – der soll mir augenblicklich auf die Insel folgen, auch dann, wenn es Sander selbst ist – ich muss ihn sprechen. Im Uebrigen haltet Euch heute und morgen ruhig – entfernt Alles, was bei einer etwaigen Hausuntersuchung Verdacht erregen könnte, und – seid wachsam. Dass mir die Burschen an den Raketen ihre Plätze nicht verlassen; vielleicht ist die Vorsicht nur noch –"
Kelly horchte hoch auf, denn heftiges und rasches Pferdegetrappel liess sich im nächsten Moment hören und hielt, wenn ihn sein Ohr nicht