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vor allen Dingen von seines Weibes Zustand benachrichtigt werden, und Adele beschloss, ihn brieflich in ihre eigene wohnung zu bestellen, um ihn dort erst auf das Grässliche vorzubereiten. Ein Bote sollte zu diesem Zweck augenblicklich nach Lively's Farm hinausgesandt werden, und während Adele die kurze Note schrieb, beriet sich Mrs. Dayton mit Mrs. Smart, wie und auf welche Weise Marie am besten in ihre eigene wohnung geschafft werden könne.

Das wollte nun die gute Frau im Anfang allerdings gar nicht zugeben. Da sie aber doch wohl einsehen musste, die Unglückliche würde sich, von der Freundin gewartet und gepflegt, viel schneller erholen, als das bei ihr möglich sei, so gab sie endlich nach, ja erbot sich sogar, die Kranke in ihrem eigenen Cabriolet hinüber zu schicken, damit sie nicht die Aufmerksamkeit des stets müssigen und gaffenden Volkes zu sehr errege.

Der Bote, der nach Lively's Farm hinausritt, sollte zu gleicher Zeit vor Dayton's Haus halten und Nancy davon benachrichtigen, das kleine Zimmer im oberen Stock herzurichten, damit sie, wenn sie dort ankämen, Alles bereit fänden. Scipio, der zu diesem Dienst erwählt war, hatte denn auch eben Squire Dayton's wohnung verlassen und den breiten, nach Lively's Farm hinausführenden Reitpfad eingeschlagen, als der Squire selbst zurückkehrte und von Nancy die hinterlassene Botschaft seiner Frau empfing.

"Eine kranke Freundin? Woher?" fragte er diese erstaunt.

"Missus sagte nichts davon," erwiderte das junge Mädchen, "aber Sip, der eben hier war und einen Brief nach Lively's Farm hinausbringen soll, meinte, es wäre die Schwester eines Bootsmanns, der sie mit dem Dampfschiff von New-Orleans gebracht hätte."

Squire Dayton ging, ohne hierauf etwas weiter zu erwidern, in sein Zimmer hinauf, schloss in den dort stehenden Secretär ein ziemlich grosses Paket Papiere, zog den Schlüssel wieder ab und schritt dann in tiefem Nachdenken und augenscheinlicher Unruhe rasch dem Union-Hotel zu.

Marie hatte sich indessen beinahe vollständig von ihrer ersten Aufregung erholt. Adele war nämlich eifrig bemüht gewesen, ihr das Ganze, was jetzt ihre Seele ängstige und quäle, als einen fürchterlichen Traum zu schildern, der aber auch weiter nichts als eben ein Traum sei, denn ihr Eduard lebe, sei gesund und werde sie noch heute Abend in seine arme schliessen. Das aber, was sie da immer von hohen Palmen, einer wunderschönen stolzen Frau und wilden Gestalten phantasire, die ihr Leben bedrohten, sei auch eben nur eine Phantasie, der sie sich nicht so macht- und willenlos hingeben, sondern die sie bekämpfen müsse.

Da wurden Schritte auf der Treppe gehört, und gleich darauf fragte, dicht vor ihrer Tür, Squire Dayton's stimme, in welchem Zimmer sich die Kranke befinde. Kaum aber hatte Marie diese Töne gehört, als sie, ein Bild starren Entsetzens, von ihrem Lager emporfuhr.

"Um Gottes willen, was ist Dir wieder, Marie?" fragte Adele erschreckt.

"Hier? gleich in dieser Tür?" sagte noch einmal der Squire draussen, als ihm dieselbe wahrscheinlich von unten herauf bezeichnet worden war.

"Heiland der Weltdas ist e r !" schrie Marie entsetzt – "das ist der Fürchterlicheschützt mich vor ihmer will mich wieder haben."

"Marieberuhige Dich doch nur," – bat sie Adele, "das ist ja Squire Dayton, hier dieser Dame Gatteein braver, wackerer Mann, der Dich vor jedem Schaden bewahren wird."

In diesem Augenblicke öffnete sich die Tür und der Squire trat ein. Marie heftete dabei fest und prüfend den blick auf ihn und schien mit peinlich ängstlicher Spannung in seinem inneren zu lesen; als aber dieser, nach einigen flüchtig mit seiner Frau gewechselten Worten, auf sie zuging, ihre Hand erfasste und sie mit seiner gewinnenden stimme, und zwar jetzt mit den sanftesten Tönen derselben, begrüsste, liess die Furcht in ihrem ganzen Wesen nachsie sank auf ihr Lager zurück und wurde ruhig. Nur noch manchmal, wenn sie die Augen schloss und dann nur den laut seiner Worte vernahm, fuhr sie wieder empor und sah sich scheu im Zimmer um, als ob sie sich überzeugen wolle, wo sie denn eigentlich, und was ihre Umgebung sei.

Der Wagen fuhr indessen vor und die Frauen geleiteten Marie die Treppe hinab. Tom aber, der mit dem Squire noch zurückblieb, erzählte diesem jetzt umständlich, was es eigentlich für eine Bewandtniss mit dem armen Mädchen habe, wie er sie gefunden und wie sein Verdacht durch alles Gehörte immer mehr verstärkt würde, hier irgend eine planmässige Büberei zu vermuten, wenn es auch jetzt noch nicht möglich sei, sie zu ergründen. Mr. Hawes' Gegenwart müsse indessen viel dazu beitragen, Licht auf die Sache zu werfen.

"Und Sie glauben, dass Sie die Unglückliche an einer Insel gefunden haben?" fragte ihn der Squire, der bis jetzt der Erzählung des jungen Mannes mit dem gespanntesten Interesse gefolgt war.

"Glauben?" sagte dieser – "das weiss ich gewisses ist die zweite von hier stromab und muss nach jenes Irländers Bericht Nr. Einundsechzig sein."

"Wessen Irländersjenes, der im Union-Hotel aus und ein geht?"

"Das weiss ich nicht, doch sprach ich ihn allerdings mit Mr. Smart am Ufer, und er ist jetzt stromab