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Adele Dunmore, ihren Liebling, als sich ihr eben noch so finsteres Angesicht auch aufklärte und sie zurücktretend die Frauen und ihren auf dem fuss folgenden Begleiter eintreten liess, Stillschweigen übrigens durch alle nur möglichen Zeichen und Geberden als etwas unumgänglich Nötiges anempfahl und zur Pflicht machte.

Marie schlief, und noch immer trug sie das weisse, dornzerrissene Oberkleid. Die langen Locken hingen ihr wirr und unordentlich um die fast leichenbleichen Schläfen, die rechte Hand hielt sie fest auf das Herz gepresst, und die linke stützte die blutleere Wange, gegen welche die langen dunklen geschlossenen Wimpern nur noch mehr abstachen und ihre Blässe hervorhoben. Ihre Brust hob sich ängstlich und die Lippen bewegten sich leiseihr zerrütteter Geist liess ihr selbst im Schlafe keine Ruhe.

Adele blickte starr und entsetzt auf die Freundin hinüber, und die grossen hellen Tränen liefen ihr an den Wangen herab. –

"Marie, o Du arme, unglückliche Marie!" stöhnte sie.

Leise, fast unhörbar waren diese Worte gelispelt worden, dennoch hatten sie das Ohr der Schlummernden erreicht. – Sie öffnete die grossen blauen Augen, und ihre Blicke hafteten im ersten Moment erstaunt auf ihrer Umgebung. Dann richtete sie sich halb auf dem Lager empor, strich sich das wirre Haar aus der Stirn und streckte Adelen lächelnd die Hand entgegen. Sie schien gar nichts Ausserordentliches darin zu finden, die Freundin, die sie doch weit von da entfernt glauben musste, so plötzlich hier zu sehen.

"Marie!" rief aber diese und warf sich schluchzend über sie – "Mariearmesarmes unglückliches Kindwo bist Du gewesen, was ist Dir widerfahren?"

"Das ist schön von Dir, dass Du mich zu besuchen kommst," sagte die Frau, schob ihr leise mit beiden Händen die Locken zurück und küsste ihre Stirn – "auch Tom Barnwell ist daarmer Tom" – und sie bot ihm mit mitleidigem blick die eine kleine Hand, die er schweigend nahm und leise drückte.

"Mariewillst Du mir eine Frage beantworten?" flüsterte endlich Adele und suchte sich soviel als möglich zu sammeln, "willst Du mir über Einiges, was uns Beide angeht, Auskunft geben?"

"Ei ja wohlrecht gern" – lächelte die Kranke – "gewiss will ich das, warum nicht?" – Sie war ganz ruhig und gefasst, nur der unstete, umherschweifende blick verkündete noch die wilde Richtung, die ihr Geist genommen.

"Gut" – sagte Adele und hielt gewaltsam die Tränen zurück, die ihr fortwährend die stimme zu erstikken drohten – "wannwann hast Du Sinkville verlassen?"

"S i n k v i l l e ?" wiederholte Marie erstaunt – "Sinkville? Den Namen habe ich nie gehörtin Indiana liegt doch kein Sinkville?"

"Ich meine Deine Plantage drüben in Mississippi."

"Plantage? In Mississippi?" sagte Marie noch eben so verwundert und halb lächelnd – "Du träumst wohl, närrisches Kindwie sollte ich denn zu einer Plantage in Mississippi kommen? – Ich kenne den Staat gar nicht, und habe ihn nie betreten."

"Hat sich denn nicht Eduard bei Sinkville angekauft?" fragte Adele verwundert.

Marie war bis jetzt vollkommen ruhig gewesen, und augenscheinlich musste sie die letzten fürchterlichen Vorgänge ganz vergessen haben. Der fremde Ort, an dem sie sich befand, die Personen, von denen keine eine Erinnerung an das Geschehene zurückriefdie Erwähnung fremder, ihr unbekannter Namen lenkte sie mehr und mehr von den Erlebnissen jener Nacht ab, oder mochte ihr diese wenigstens, wenn sie in düsteren Bildern dennoch wieder vor ihrer Seele aufsteigen wollten, wie irgend einen wilden, fürchterlichen Traum erscheinen lassen.

Eduard's Name aber, ihr so plötzlich entgegengerufen, war das Zauberwort, das diesen glücklichen Schleier zerriss. Krampfhaft fuhr sie empordie hände presste sie gegen die Stirn, und die stieren Blikke heftete sie wild auf die zurückbebende Freundin. Dann aber sprang sie rasch von ihrem Lager auf und rief, während sie mit ausgestrecktem Finger, dem ihr blick in glanzloser Leere folgte nach dem Fenster deutete:

"Dortdort steigt er hinauf! – Seine Locken sind nassaber sein helles lachen schallt über das Verdeck. Eduard! – Heiland der WeltEduard, schütze Dein Weib! – Hahaha, Kinderdas ging vortrefflichüber Bord mit dem Aasgebt ihnen nur die Steine mitEduardschütze Dein Weib – E d u a r d ! – hahahahaha!" und mit krampfhaftem lachen sank sie bewusstlos auf ihr Bett zurück.

Die Frauen hatten ihr schaudernd zugehört, und selbst Tom's Herz erbebte, als er den markdurchschneidenden Schmerzensschrei der einstach der n o c h Geliebten hörte. Mrs. Smart war die Erste, die sich wenigstens so weit sammelte, dem armen kind alle nur mögliche äusserliche hülfe zu leisten. Marie kam bald wieder zu sich, und die wilde Angst, die sie bis dahin erfasst, schien jetzt einem sanfteren Schmerze Raum geben zu wollen. – Sie weinte sich an Adelens Brust recht herzlich aus und horchte wenigstens ruhig den Trostworten der Freunde. Alles aber, was diese versuchten, Aufklärung über das entsetzliche geheimnis von ihr zu bekommen, blieb fruchtlos, denn was sie darüber äusserte, verwirrte, da es mit Eduard Hawes' Worten so gar nicht zusammen stimmte, nur immer noch mehr.

Dieser musste nun