Dunmore!" bat Tom, ohne die letzte Frage zu beantworten, ja ohne sie vielleicht zu hören – "Sie waren stets Marien eine treue, liebende Freundin – verlassen Sie jetzt nicht die Unglückliche in ihrer grössten, fürchterlichsten Not –"
"Um aller Lebendigen willen, was ist geschehen?" rief Adele und erfasste krampfhaft den Arm des Unglücksboten. Dieser aber erzählte der atemlos Zuhörenden die Erlebnisse des gestrigen Abends, und wie und wo er das arme Wesen getroffen, teilte ihr seine Befürchtungen mit und bat sie nochmals, sich der Schutzlosen hier in der fremden Stadt anzunehmen.
Mrs. Dayton, die teilnehmend dem Bericht zugehört hatte, fiel hier, als sie das trostlose Entsetzen in Adelens Angesicht bemerkte, dem jungen Mann in die Rede und versicherte ihm, die Freundin ihrer Adele solle in ihrem eigenen haus ein Asyl finden.
Das Mädchen fasste dankend ihre Hand.
"Wie aber teilen wir Hawes die Schreckensbotschaft mit?" rief sie ängstlich, "und wie kommt Marie gestern Abend auf den Fluss, da er sie doch erst gegen Morgen auf seiner Plantage verlassen haben kann?"
"Wer – Hawes?" fragte Tom erstaunt – "Eduard Hawes? Der muss mit auf dem Boote gewesen sein. Mariens Phantasien kehren immer wieder zu ihrem Gatten zurück, den sie wie ihre Eltern tot sagt."
"Was ist das?" rief Adele entsetzt – "sie wahnsinnig – ihre Eltern tot – und Hawes hier – gesund und wohl? grosser Gott, wie kann das zusammenhängen – waren wenige Stunden im stand, solch' fürchterliche Veränderungen hervorzubringen – oder – ich weiss nicht, mir schwindelt selbst der Kopf, wenn ich nur so Entsetzliches denken soll, es kann ja wahrhaftig nicht sein."
"Fasse Dich, liebes Kind," beruhigte sie Mrs. Dayton – "gewiss herrscht hier noch irgendwo ein Missverständniss vor. Marie Hawes, die Mr. Hawes erst gestern Morgen auf seiner Plantage verlassen hat –"
"Liegt jetzt krank, halb wahnsinnig in Mr. Smart's Hotel in Helena," unterbrach sie Tom erschüttert – "wollte Gott, ich hätte mich wirklich geirrt – doch das Alles ist nur zu wahr – zu fürchterlich wahr."
"Ich muss hin – ich muss sie sehen," rief Adele – "komm, Hedwig – nicht wahr, Du begleitest mich?"
"Gewiss, Adele; es wäre mir sogar lieb, wenn uns auch Georg dort aufsuchen wollte. – Er ist Arzt wie Friedensrichter, und ich fürchte fast, das arme Wesen wird die hülfe des Einen wie des Andern gebrauchen."
"Oh, so lass uns eilen," bat Adele – "jeder Augenblick Verzögerung könnte der Tod der Unglücklichen sein – komm, Hedwig, komm."
Rasch setzte sie das erst abgelegte Bonnet wieder auf, half Mrs. Dayton ein Tuch umhängen und schritt hastig voran zur Tür; Hedwig aber blieb hier noch einmal stehen und hinterliess bei Nancy, die ihnen öffnete: Mr. Dayton, sobald er nach haus kommen sollte, zu sagen, sie seien in das Union-Hotel gegangen, eine Kranke zu besuchen, und liessen ihn bitten, doch auf jeden Fall dort, sobald ihm das nur irgend möglich wäre, vorzusprechen.
Unten im Hotel trafen sie weiter Niemanden, als den Neger, der ihnen auf ihre Frage mitteilte, Mrs. Smart sei oben bei der kranken jungen Frau, Mr. Smart aber abwesend, und ihm selber wäre befohlen worden, keine menschliche Seele, die hinauf wollte, passiren zu lassen, den Doctor ausgenommen.
"Schon gut, Scipio, schon gut," sagte Adele und drückte ihm aus ihrer kleinen Börse einen halben Dollar in die rauhe schwielige Hand – "wir m ü s s e n die junge Dame sprechen, hörst Du?"
"Ja, Missus, wenn Sie m ü s s e n , da ist's 'was Anderes," lachte der Neger mit breitem Grinsen – "meine Missus hat mir nur ausdrücklich gesagt, alle Die abzuweisen, die hinauf w o l l t e n – selbst Massa; – aber wenn Sie m ü s s e n ," und er machte eine etwas ungeschickte Verbeugung, während die Damen an ihm vorüber die Treppe hinaufstiegen. Nur erst als Tom ihnen folgen wollte, fasste er dessen Arm und erklärte, er würde i h n unter keiner Bedingung hinauf lassen. Tom aber, darauf wohl vorbereitet, flüsterte ihm, mit einem ähnlichen Geschenk, rasch zu – "es ist meine Schwester, Bursche, und ich m u ss ebenfalls hinauf," wonach er auch schon dadurch allen Bedenklichkeiten des Aetiopiers ein Ende machte, dass er diesen ohne Weiteres mit riesenstarker Faust zur Seite schob und den Damen in raschen Sätzen treppauf folgte. Scipio aber steckte die beiden halben Dollarstücke in die tasche und murmelte, während er sich mit breitem, innig vergnügtem lachen abwandte:
"Es war doch ein Glück, dass Missus den Posten hierher gestellt hat – hätte sonst das grösste Unglück passiren können."
Im nächsten Augenbick standen die beiden Damen mit Tom an der Tür der Kranken, und auf ihr leises klopfen öffnete Mrs. Smart dieselbe, das heisst nur so weit, als nötig war, die Aussenstehenden zu erkennen, wobei sie schon mit scharfer Zunge, aber sehr gedämpfter stimme eine grimmige Zornrede von innen heraus begann. Kaum erkannte sie jedoch Mrs. Dayton und die muntere Miss