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werde so schon mehr wie ein Dienstbote behandelt. Hier will ich denn aber doch einmal sehen, wer –"

Das Weitere wurde unhörbar, denn Madame arbeitete sich in gewaltigem Eifer die Treppe hinauf, und es war augenscheinlich, dass sich die Aussichten, diese Sache in Frieden und Freundschaft beizulegen, mit jeder Minute verringerten.

"Ich will hinauf und sie selbst darum bitten," sagte Tom jetzt rasch und griff nach seinem Hut – "sie kann und wird mir's nicht abschlagen. Sie muss auch wissen, was sie dem eigenen Geschlecht schuldig ist, und darf ihr Herz dem Mitgefühl nicht ganz verschliessen."

Er wollte hinaus, Smart aber, der sich bis jetzt das Kinn mit dem Zeigefinger und Daumen der rechten Hand sinnend gestrichen und starr dabei vor sich niedergesehen hatte, ergriff ihn rasch am arme und sagte schnell:

"Halt! Sie verderben die ganze geschichte. – Meine Frau ist herzensgut, wir haben aber einen Fehler gemacht: dem Mädchen ist nämlich eine stube angewiesen, ehe sie darum befragt wurde, und das vergäbe sie nie. – Gehen Sie jetzt n a c h t r ä g l i c h zu ihr und bitten Sie um etwas, was wir schon vorher als gestattet angenommen haben, so möchte ich Sie nur ersuchen, mich vorher etwa zweihundert Schritt fortzulassen, denn Sie bekämen das schönste Aufgebot, das man sich wünschen kann, und Ihre Bitte erfüllte sie nachher erst recht nicht. Darin kenn' ich –"

"Aber, um Gottes willen, was sollen wir denn da tun?" rief Tom in Verzweiflung – "Sie sind der einzige Mensch hier in ganz Helena, dem ich diese Unglückliche anvertrauen möchte, und gerade S i e verweigern es. Oh fürchten Sie ja nicht, dass ich etwa nicht wiederkäme und die Schuld abtrügeSie wissen nicht, w i e teuer mir jenes arme Wesen einst war –"

"– meine Alte zu gut," fuhr Smart fort. "Ein Mittel gibt es aber noch, und das wäre wenigstens eines Versuches wert."

"Und das ist?"

"Ruhiglassen Sie mich machenwarten Sie einmal," und er sah sich dabei rings im Zimmer um – "ja, das wird gehen. Springen Sie einmal zu dem Fenster da hinaus."

"Aber Mr. Smart!" sagte erstaunt der junge Bootsmann.

"Ja, ich kann Ihnen nicht helfen," lächelte der Yankee – "wir müssen heute ein bischen Komödie spielen. Springen Sie nur da zum Fenster hinaus und kommen Sie mir vor Abend nicht wieder in's Haus."

"Das geht unmöglich!" rief Tom – "ich kann die Unglückliche nicht eher verlassen, bis ich sie sicher untergebracht weiss; undund was sollte ihr denn das auch nützen? – ich muss erst wissen, wie es mit ihr wird."

"Ja, dann müssen wir's unterlassen," sagte der Yankee gleichgültig und schob die hände wieder in die Taschen. – "Das ist das einzige, was ich weiss; wenn Sie dafür keine Zeit haben, so tut's mir leid. – Vielleicht nähme sie Squire Dayton."

"Wer ist Squire Dayton?"

"Der Friedensrichter hier im Orteer ist verheiratet und hat auch noch ohnedies eine weitläufige Verwandte seiner Frau bei sich. – Vielleicht nimmt der sie in's Haus."

"Glauben Sie, dass ich ihn jetzt finden kann?" fragte Tom schnell.

"Nein," sagte der Yankee ruhig – "der ist fortgeritten, und die beiden Damen sind auch nicht daheim."

Tom ging unruhig ein paar Mal im Zimmer auf und ab.

"Und hoffen Sie wirklich, dass Sie Ihre Frau dazu überreden können, die Unglückliche aufzunehmen?" sagte er endlich, als er wie verzweifelt vor Smart stehen blieb.

"Ueberreden? Nein," erwiderte dieser. – "Es kann sich Niemand auf dieser Welt rühmen, meine Frau zu etwas ü b e r r e d e t zu haben, dochich b r i n g e sie dazuich hoffe es wenigstens, und das ist ja Alles, was Sie wollen. Alsowenn's Ihnen gefällig wäredort ist das Fenster –"

"Aber weshalb nur zum Fenster hinaus?"

"Weil Sie jetzt gerade meiner Frau nicht draussen begegnen sollenoh, Sie können wohl die fünf Fuss nicht hinunterspringen!"

Tom wollte noch etwas erwidernbezwang sich aber, öffnete den einen Fensterflügel und drehte sich dann noch einmal gegen den Wirt um.

"Sir," sagte er – "wenn Sie nur ahnen könnten –"

Ein Schritt wurde auf dem Gange gehört.

"Meine Frau," sagte der Yankee einfach, und machte dabei eine leise Verbeugung, als ob er dem jungen Mann Jemanden, der eben in die Tür trete, vorstellte. Dieser verstand den Wink, legte, ohne weiter ein Wort zu erwidern, die rechte Hand auf das Fensterbrett, und war mit einem Satz unten auf der Strasse.

Keine drei Secunden später ging die Tür auf, und Mrs. Smart trat, mit fast eben so erhitztem Gesicht, als wir ihr im Anfang unserer Erzählung begegneten, in's Zimmer, obgleich diesmal ihre Röte wohl einen andern, viel gefährlicheren Grund haben mochte.

Smart aber ging plötzlichdie hände auf dem rücken,