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19.

Der Van Buren. – Mr. Smart fügt sich dem

Willen seiner Frau.

Tom Barnwell hatte, wie schon früher erwähnt, seinen unglücklichen Schützling an Bord des Van Buren gebracht, und gab ihn hier, um allen lästigen fragen überhoben zu sein, einfach für eine kranke Schwester aus, die er nach Helena zu Verwandten bringen wolle. Marie war dabei durch die gehabte Aufregung so erschöpft und angegriffen, dass sie, ohne auch nur die geringste Einwendung dagegen zu machen, Alles mit sich geschehen liess. Die Kammerfrau der Kajüte erstaunte allerdings, als sie das durch die Dornen und Zweige zerrissene Oberkleid sah, und mochte wohl nach dem stieren, an Nichts haftenden Auge der Unglücklichen ihren wahren Zustand ahnen. Doch was kümmerte sich die Mulattin um den Zustand der Weissen; sie hatte darauf zu sehen, dass ihre Kajüte, nicht das Hirn ihrer Passagiere in Ordnung sei, und sie bereitete ihr deshalb das Lager und überliess sie dann ihren eigenen wilden Phantasien und Traumgebilden.

Der Van Buren war ein wackeres Dampfschiff, eins der sogenannten Clipper, die nach St. Louis oder Louisville und Cincinnati einlaufen, gewöhnlich mit grossen, weitscheinenden Zahlen gemeldet wird. In der Tat grenzt auch die Schnelle, mit welcher diese Boote oft ungeheure Strecken, und zwar g e g e n die starke Strömung des Mississippizurücklegen, an's Unglaubliche. So rühmte sich der Van Buren, auf seiner letzten Fahrt von New-Orleans nach Louisville nur eine halbe Stunde länger gebraucht zu haben als die Dianawelche Zeit er auf einer Sandbank im Ohio festgesessen haben wollteund das war 5 Tage und 231/2 Stundeneine Entfernung von 1350 englischen Meilen s t r o m a u f .

Der Van Buren arbeitete denn auch diesmal gar wacker gegen die steigende Flut an, und hoch und gewaltig tanzten und schlugen die Wogen hinter ihm drein und brachen sich in trübem, gährendem Schaum. In wenigen Stunden hätten sie Helena erreichen müssen, gerade aber an jener, schon mehrmals erwähnten runden Weideninsel war der Lootse, der den Ohio vielleicht gut genug kannte, diesmal aber zuerst den Mississippi, und zwar nach seinem "Navigator" befuhr, zu nahe an die kleine Insel hinangeraten und aufgelaufen, und konnte, trotz dem gewaltigen und stundenlangen arbeiten der Maschine nach rückwärts, nicht wieder loskommen. Da sie nun endlich sahen, dass jeder weitere Versuch nutzlos, die Nacht dagegen eingebrochen war und der Fluss mit jeder Stunde stieg, so hofften sie, mit Tagesanbruch vielleicht schon selber flott zu werden, und versuchten deshalb mit der Jolle an's Ufer zu fahren und ein Springtau dort irgendwo zu befestigen. Es geschah das nur deshalb, damit sie, wenn sie wirklich loskämen, nicht wieder mit der Strömung hinabtrieben.

Die mit der Befestigung des Taues beauftragten Leute fanden indess ein schwereres Geschäft, als sie im Anfang vermutet haben mochten. Die ganze Insel war allerdings dicht mit Bäumen bewachsen, jedoch nur mit schwachen Baumwollenholzstämmen, die kaum ein Flatboot, viel weniger denn ein so schweres Fahrzeug gehalten hätten. An dem äussern rand der Insel stand dabei der junge Aufwuchs, lauter Schösslinge der Baumwollenholzbäume, und diese, die starr und dicht wie Schilf aus dem schon etwas angeschwellten Mississippi herauswuchsen, verweigerten dem breiten Bug der Jolle hartnäckig den Eingang. Die ersten bogen sich zwar, wenn die Matrosen mit allen Kräften dagegen ruderten, elastisch zur Seite, wie Stahlfedern pressten sie aber dann auch augenblicklich mit rückwirkendem Druck wieder gegen das Boot an, sobald die Ruder nur einen Moment aufhörten zu arbeiten.

Die Matrosen mussten den Versuch endlich aufgeben und hinein in das hier etwa drei Fuss tiefe wasser springen, was des Triebsandes wegen an und für sich schon mit grosser Gefahr verknüpft war. Mit vereinter Anstrengung zogen sie nachher das lange schwere Tau so weit inselwärts, als ihnen das möglich war, schlugen es hier, wo sie wieder trocknen, das heisst wenigstens nicht unter wasser stehenden Boden fanden, um eine Anzahl der schwachen Stämme herum, und kehrten dann an Bord zurück, um zu weiteren Operationen den anbrechenden Tag zu erwarten.

Nun waren allerdings zwei Wachen an Deck gelassen, die auch die Feuer unter den Kesseln unterhalten sollten. Wie das aber mit fast allen Wachen geht, so blieben sie im Anfange ungemein munterwarfen sorgsam Holz nach, und sahen nach dem Tau, ob es noch immer straff sei und festalte; sobald jedoch einmal Mitternacht vorüber und keine Ablösung für sie bestimmt war, legten sie sich auf das vor den Kesseln aufgeschichtete Holz, fingen an, sich Geschichten zu erzählen und suchten sich damit munter zu halten. Der Erzähler wurde aber auch endlich schläfrigder Zuhörer hatte schon lange aufgehört. Zuhörer zu sein, und tiefes Schweigen herrschte bald auf dem schlummernden Koloss.

Leise murmelnd brach sich die Flut an seinem Bug, und in der nicht fern gelegenen Weideninsel rauschte und brauste esdas vorn angeschwemmte Holz stemmte die Strömung, und dann und wann warfen sich mächtige losgeschwemmte Stämme dagegen und versuchten diesen natürlichen Damm zu durchbrechen. Rabenschwarze Nacht lag dabei auf dem dumpf grollenden Strom, und es war, als ob die Waldgeister von beiden Ufern wunderliche, unheimliche Weisen herüber und hinüber riefen, während der alte Mississippi die langgehaltenen Melodien dazu in seinen schäumenden Bart summte.

Auf dem Boote rührte sich nichts mehr. Nur die beiden. Wachen hoben noch dann und wann einmal müde, und schon halb bewusstlos, die Köpfe, und blickten nach den Sternen empor und nach den