, um durch die Wolken von Schmerz und den Schleier der Entsagung hindurch noch in solcher Majestät zu stralen. Ganz bewildert von extatischer Liebe rief ich:
"O Mutter wer bist Du? wo kommst Du her? bist Du eine Heilige oder eine Königin?" – –
"Ich bin eine grosse Sünderin, sagte sie mit gelassener heiliger Demut; allein ich vertraue Dem, der in die Welt gekommen ist um die Sünder zu erretten und nicht die Gerechten – zu Dem ich flehe Tag und Nacht in heissen Gebeten, dass er eine Leuchte sei auf Deinem Pfade, Dich zu sich ziehe in Israels ewige Hütten, und die Versuchung und den Fall von Dir abwende .... in die ich gestürzt bin. Ich lebe für dies Gebet und für dessen Erfüllung."
Ich verstand sie nicht recht; allein ich hörte nichts als Musik, und mein Herz pochte vor Freuden dass sie für mich bete.
"O meine Mutter! sagte ich, Dein Gebet ist wie der Schild des Erzengels über mir: er beschirmt mich in allen Gefahren der Welt."
"Törichtes Kind! erwiderte sie, Du weisst nicht, was Du sprichst! Du hast noch keine Vorstellung von den Gefahren, welche Dir drohen, grade Dir, mit Deiner .... ach, mit meiner Seele! – und vor denen es keine Rettung gibt als Flucht – Flucht zu den Altären des Heils. Wende Dich zu ihnen, Fidelis, und ab von der Welt! tritt in den Dienst der heiligen Kirche, weihe Dich den göttlichen Dingen und bringe Deine Seele dar im ununterbrochenen Opfer."
"Ich w i l l auch meine Seele im Opfer darbringen, rief ich, sie soll nicht verloren gehen! glaube mir, meine Mutter! aber ich muss frei bleiben! ich kann nicht studiren, kann nicht lernen und nicht lehren – ich mögte lieber sterben, als Priester werden."
"Törichtes Kind!" wiederholte sie kopfschüttelnd.
"Ja! rief ich in einem Paroxismus von Todesangst; ich werde sterben wenn man mich gegen meinen Willen zum Priesterstande zwingt. Ich will in die Welt .... in die schöne freie weite herrliche Gotteswelt! ich will mir mein Brot verdienen! ich will so brav, so rechtschaffen, so fromm werden, dass Dein Herz, meine Mutter, keine sorge um mich haben soll .... aber Priester kann ich nicht werden! ich kann nicht! ich kann nicht!"
"Niemand zwingt Dich zu Deinem Heil, Fidelis! entgegnete sie resignirt und melancholisch. Du bist noch nicht reif zur erkenntnis dessen was dem Menschen Not tut: da wünschte ich dass Gott durch meine schwache stimme Dich derselben entgegen führte. Aber Du willst sie nicht hören .... vielleicht kannst Du sie nicht hören .... Du bist noch so sehr jung! – – Wir wollen warten, Fidelis! die Gnade kommt zuweilen in einer Nacht, und ich bete dass Du derselben mögest würdig befunden werden. Der Herr sei mit Dir!" fügte sie mit unaussprechlicher Zärtlichkeit in blick und Ton hinzu, berührte wieder meine Stirn und verschwand hinter dem zusammenrauschenden Vorhang.
Ich blieb noch eine Zeitlang allein in einem Mittelzustand von Betäubung und Berauschung; dann erschien Pater Melchior, dem ich den Schluss meines Gesprächs mitteilte, welchen er seinerseits bestätigte; – und noch am Abend desselben Tages sassen wir wieder auf dem Postwagen von Aussig. Ich – selig! denn ich hatte meine Mutter gefunden und meine Unabhängigkeit gerettet. Schöner denn je kam mir die Erde vor, namenlos herrlich Prag, das mir aus lauter Kirchen und Palästen zu bestehen schien und das ich zu meinem Leid so schnell verlassen musste. Und dies war doch nur Prag! wie musste erst Wien sein, unsre Kaiserstadt, wo Beetoven lebte! oder gar London, wo Händel gelebt hatte und wo er sein Grabmal in der Westminster-Kirche zwischen Englands grössesten und höchsten Männern hatte – er, ein deutscher Musiker! – Tausend phantastische Bilder liefen mir durch den Kopf, und nur ein Gedanke stand unwandelbar fest in ihm: ich wollte tüchtig und gross werden! meine Mutter sollte nicht umsonst für mich beten! – –
Mit rührender Liebe empfingen mich meine Pflegeltern, hörten meine Erzählung und den Ausspruch Pater Melchiors:
"Wir warten auf die Vocation."
"Da wird gewartet bis in die Ewigkeit!" flüsterte ich ins Ohr der Pflegemutter und zog sie hinaus um sie mit fragen über meine Mutter zu bestürmen – zwischen denen mir denn auch einfiel, dass ich gleichfalls einen Vater haben müsse, und wer und was und wo der sei? Auf die ersten fragen entgegnete meine Pflegemutter nur liebes, Gutes, Schönes – aber stets ganz unbestimmt; auf die letzten sehr bestimmt, fast hart, wie ich sie nie gehört:
"Von dem weiss ich nichts, und Niemand weiss von ihm! – Armes Kind, Du lebst durch seine Sünde."
Einen furchtbaren Eindruck machten mir diese Worte und dieser Ton auf den Lippen meiner guten zärtlichen Pflegemutter.
"O! rief ich, was hab' ich für ein verfluchtes Dasein! der Vater sündhaft und unbekannt, die Mutter im Kloster büssend! könnt' ich doch lieber sterben als solchen Gram und solche Schmach mit mir herumtragen!" .... – –
"Sprich nicht so, Fidelis! unterbrach sie mich liebevoll. Wie Du geboren bist – dafür hast Du nicht Rechenschaft abzulegen. Wie Du lebst