Dabei kam es für mich zum ersten Mal klar und deutlich zur Sprache, dass meine geliebten und geehrten Pflegeltern eigentlich gar nicht mit mir verwandt waren. Ich weiss nicht welche von diesen beiden Nachrichten mich tiefer erschütterte. Nur das weiss ich, dass ich auf der Stelle in mir selbst sprach: Beides gilt mir nichts! ich werde nicht Geistlicher und ich bleibe ihr Kind! – Mit herzzerreissendem Schmerz stürzte ich zu meiner Pflegemutter. Ich schrie, ich weinte, ich schluchzte: ich sei ihr Sohn, ich wolle es bleiben; sie solle nicht leiden dass man mich ihr raube! und Geistlicher wolle ich nicht werden, sondern Musiker. Sie suchte mich zu beschwichtigen indem sie mit mir weinte und mit Liebkosungen mich tröstete: ich sei ihr Fidelis; wenn nicht ihr Sohn .... doch immer und ewig ihr herzeigener Fidelis! sie habe mich gross gezogen an ihrer Brust! Gott habe ihren Sohn zu sich genommen und dafür mich in ihre arme gelegt, und so viel Tränen habe sie geweint um seinen Tod und um mein Leben, dass etwas ebenso Heiliges als die Mutterliebe für mich daraus zusammengeschmolzen sei.
"Nun so rette mich, Mutter, rette mich von dem geistlichen stand!" flehte ich.
"Deine Mutter hat es so bestimmt, Fidelis!" entgegnete sie sanft und traurig.
Ich war wie wahnsinnig. "Was ist das für eine Mutter die mich erst ins Leben gestossen hat und mich nun in den Tod .... in mehr als den Tod! stossen will. Ich weiss von keiner Mutter!" schrie ich.
Mein Pflegevater sprach mir mit Ernst zu; Pater Melchior mit linder Güte. Ich liess mir auch all ihre Ermahnungen und Tröstungen gefallen; gingen sie aber auf den fraglichen Gegenstand über, so geberdete ich mich wie ein junges Pferd auf den Steppen der Ukraine, das eingefangen werden soll. Ich, lernen? ich, studiren? ich, ein heiliges Amt regelmässig verwalten und es nie verlassen? ich, im geistlichen Gehorsam meinen Obern mich unterwerfen? tun, treiben, denken, lehren, wie sie gebieten? – Nimmermehr! Ich wollte in die Welt.
"Ich will ja nichts Böses und nichts Verbotenes in der Welt tun! – aber ich will und muss in die Welt, sagte ich so recht in kindischer Weise; – und wenn mir das nicht erlaubt wird, so laufe ich heimlich fort."
Mein Entschluss schien so fest, dass man mir Ruhe gönnte. Allein nach kurzer Zeit kündigte Pater Melchior mir an ich solle ihn nach Prag begleiten, wo man mich zu sehen und zu sprechen wünsche. Abermaliger, heftiger Widerstand, der doch zulezt überwunden ward! während dieses Kampfes bildete sich mein Entschluss fest aus die Flucht zu ergreifen, wenn mir keine andre Rettung übrig bliebe. Das machte mich ruhig, und ich fuhr mit Pater Melchior nach Prag, erwartungsvoll aber gewappnet.
Dort geleitete er mich in ein ernstes stilles altertümliches Gebäude, dessen Pforte sich uns geheimnissvoll öfnete; dann über einen einsamen Hof, durch lange hallende öde Gänge, in ein düstres, unschönes Gemach: ich stand im Sprachzimmer eines Klosters. Ich fühlte mich einer Ohnmacht nah: die Luft war so beklommen .... die Wände so dunkel .... und das Gitter, das fürchterliche Gitter und der braune Vorhang hinter demselben erfüllten mich mit Vorstellungen von Kerker und Grab.
"Wenn ich hier eingesperrt werden soll, so renne ich mit dem Kopf gegen die Mauer!" sagte ich fassungslos zum frommen Pater Melchior, der sanft entgegnete:
"Was fällt Dir ein, Fidelis! Hier lebt Deine Mutter und sie wünscht Dich zu sehen."
Indem rauschten schleppende Gewänder jenseits des Gitters, der Vorhang wurde zurückgezogen, und eine Klosterfrau in der Ordenstracht der Karmeliterinnen stand mir gegenüber.
"Hier ist Fidelis," sagte der Pater.
Sie neigte ihr Haupt zum Gruss, zum Dank, und er verliess das Sprachzimmer. So wie ich diese Frau sah flog meine Seele ihr entgegen und ich liebte sie. Ich stürzte wie zerschmettert am Sprachgitter nieder, ich rang die hände, ich breitete meine arme gegen die starren Eisenstäbe aus und stammelte schluchzend, atemlos:
"O meine Mutter .... Du meine wahre, meine wirkliche Mutter – wie lieb' ich Dich!"
Welch ein Antlitz schaute auf mich herab! Sibylle, dies holde kleine Gemälde entzückt Sie und spricht Sie an wie ein verkörperter Sonnenstral. Nun stellen Sie sich vor dass dies himmlische Wesen durch ein Läuterungsfeuer nach dem andern hindurch gewandelt, nicht verzehrt sondern verklärt davon geworden ist, und endlich wie von einem andern Gestirn, und aus einem andern Licht auf uns herabschaut: so war sie.
"Fidelis!" sagte sie und immer wieder und wieder: "Fidelis!" – und mit ihrem zarten Finger durch das Gitter schlüpfend berührte sie segnend meine Stirn, und zärtlich meine Wange, mein Haar; und dann faltete sie ihre hände, die aus den dunkelbraunen weiten Aermeln ihres Ordenskleides weiss heilig und rein wie Taubenflügel hervor leuchteten und sagte: "In Deine hände, o Herr! befehl' ich ihn."
O Sibylle! ganz unirdisch sah sie dazu aus! solche Augen hat man nicht in der Welt! solche Augen sind der Spiegel einer höheren – und höhere Gestalten wandeln stralend an ihnen vorüber, und ihr Wiederschein wirft noch eine Verklärung auf uns herab. Und diese Stirn! sie musste Kronen getragen haben