Bedürfniss meiner Seele, und die Pflegeeltern nährten es sorgsam in mir. Sie hatten keine Kinder und liebten mich zärtlich, verwöhnten mich weit über meinen Stand, hatten unbegreifliche Nachsicht mit mir. Ich sollte in die Schule gehen; ich tat es nicht, es langweilte mich so sehr – der pedantische Lehrer, die gedankenlose Bubenschaar, die kahlen Wände der Schulstube, diese grässlichen braunen Bänke und Tische! – Menschen und Dinge kamen mir so unerhört hässlich vor, und draussen die Sonne, die Berge, der Fluss, die Vögel, die Schmetterlinge – ach Alles! so schön, so wunderschön! – Lesen hatte ich früh bei der Pflegemutter gelernt, der Legenden wegen die ich zu lesen wünschte, weil sie nicht immer Zeit hatte sie mir zu erzählen. Auch rechnen lernte ich bei ihr um ihr behülflich zu sein bei den Wirtschaftsrechnungen, die der Vater nicht immer correct finden wollte. Bis zum schreiben bracht' ich es endlich auch noch – hauptsächlich durch den Gedanken angefeuert, Noten copiren und den Text darunter setzen zu können. Weiter nichts! freilich auch Clavier- Orgel- und Geigenspiel und den Generalbass; aber in der Schule galt das nichts, sondern ich für einen dummen und trägen Buben. Es liefen Klagen über mich ein; doch die Eltern meinten das müsse Schuld der Lehrer sein, denn Alles was sie mich lehrten lerne ich mit Fleiss, Ausdauer und Geschick. Es machte sich endlich so, dass ich im Winter mit leidenschaft die Musik trieb, so dass ich ganz mager und abgezehrt wurde, und im Sommer mich davon erholte, meine Kräfte übte und meine Nerven stählte, indem ich wiederum mit leidenschaft in Berg und Tal, stromauf, stromab umherschweifte. Tagelang blieb ich fort! nach Tetschen pilgerte ich, und nach Teplitz. Einmal durchwanderte ich die sächsische Schweiz; auf Prebisch-Tor hatte ich ein furchtbares Gewitter; – in Schandau gesellte ich mich zu böhmischen Musikanten und setzte die ganze Bande durch mein Geigenspiel in Erstaunen. Liebe Erinnerungen – das! Geld hatte ich nicht viel auf meinen Wanderungen. Der Vater schenkte mir nie Geld: ich musste es mir mit Notenschreiben verdienen; aber die Mutter gab mir zuweilen ein blankes Fünfkreuzerstück. Damit zog ich ins Weite. Sie sorgten auch nie um mich! sie hatten Vertrauen zu mir und ich rechtfertigte es. Ich kehrte heim an dem Tage, zu der Stunde, die ich ihnen vorher bestimmt hatte. Aber ich selbst liess mir nichts vorschreiben! es musste Alles nach meinem Willen gehen, jedoch blieb ich meinem einmal gegebenen Wort mit einer unerschütterlichen Festigkeit treu. Die Freunde und Nachbarn sprachen zuweilen ihr Erstaunen gegen meine Pflegeltern über meine seltsame Art aus, und fragten was aus mir werden solle. Dann sagte die Mutter immer mit unbeschreiblicher Zärtlichkeit: "Was Gott will!" und der Vater meinte: "Ein tüchtiger Musiker."
Zu Letzterem war ich fest entschlossen. Musik! Musik! ich begriff nichts Anderes, und begriff auch sie wiederum in meiner Weise. Die Seele welche ich der natur und dem Weltall lieh, sprach zu mir in Musik. Ich hörte Musik auf den Wellen der Elbe, im Rauschen der Bäume, im Summen der Insecten – Musik am hohen heissen Sommermittag wenn tiefe Stille und Schwüle über der natur brütete – Musik an Winterabenden wenn der Sturm pfeifend und sausend wie ein ungestümer Eroberer daher tobte – Musik in lauen Frühlingsnächten wenn ein süsser wilder Schauer wie ein träumerisches Erwachen der leidenschaft, wie ein äterischer, entzündender Kuss, die natur durchrieselte. Die Berge hatten eine stimme für mich; sie hiess Musik. Ja die Sterne wandelten für mich am Firmament im harmonischen Reigen einher, und ich hörte Musik wenn ich zu ihnen emporsah. Aber gleichsam nach Innen musste ich lauschen um all jene Musik zu verstehen. Meine Seele musste jene ungeheuern Harmonien in sich aufnehmen und verarbeiten, und sie mir dann in ihre Sprache übersetzt mitteilen. Mein Pflegevater riet mir meine musikalischen Gedanken aufzuschreiben; ich tat es auch nach den Regeln der Composition, die ich fleissig bei ihm studirte. Doch das waren schwache, matte Exercitien, und fand sich einmal eine musikalische idee dazwischen, so war sie nichts als eine Reminiscenz. Die kleine kindische Seele hörte nur die gewaltigen Schwingen des Genius der Musik um sich rauschen und klingen; sie zeigte nur Verständniss, nur Befähigung. Die Schöpferkraft liegt nicht in der Sphäre der Kindheit. Unsinn ist es sie von ihr zu erwarten, Missetat – sie erzwingen zu wollen. Wer nicht mit sich selbst gerungen hat, kann auch nicht mit dem Genius ringen, ihn bannen, ihn zu rede' und Antwort zwingen, ihm das Zauberwort ablocken wodurch er seinen Gebilden die Weihe erteilt, und welches er nicht auf die erste Bitte und an den ersten Besten verschwendet. Wer bestimmt ist die Weihe zu empfangen muss andre Wege gehen als die Talentvollen, die Begabten, welche bei ihrem ersten erscheinen ein Paar Rosen um sich her streuen und dann mit leeren Händen weiter ziehen. Ihn muss eine Göttin, die einzige, die ewige Göttin alles Lebens und alles Seins, die Liebe, in ihre arme nehmen und an ihrem Busen muss sie ihn gross ziehen und nähren mit zwei Quellen die ewig strömen: mit Schmerzen und mit Meditationen. – – Ich lebte bis zu meinem fünfzehnten Jahr unbändig, seelig und phantastisch dahin.
Da trat eine vollständige Revolution ein. Mein Pflegevater und mein Beichtvater, Pater Melchior, verkündeten mir: ich sei für den geistlichen Stand bestimmt.