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einem Accord die Sonne mir aufging und mein Schöpfungstag anbrach."

"Und keine Erinnerung aus der Kindheit senkte ihren balsamischen Tau in dieses flammende, dürstende Herz, mein armer Fidelis?"

"O, rief er mit wildem Schmerz, wozu dies Zerwühlen der Vergangenheit, Sibylle!"

"Ich bin eifersüchtig, Fidelis."

"So wahr Gott über uns ist: in meiner Vergangenheit war nur das Weib das auch in meiner Gegenwart ist, und kein andres, Sibylle."

"Kein andres Weib und keine andre Liebe?"

Das Feuer in seinen Augen, die Farbe auf seinen Wangen, die Bewegung in seinen Zügen verschwand. Er legte die arme auf die Lehne des Sophas und den Kopf auf die arme indem er langsam die Worte der Apokalypse sprach:

"Ich habe wider dich dass du verlässest deine erste Liebe."

Bei dieser Bewegung schob sein Aermel sich zurück und ich sah dass er einen Goldreif über dem linken Handgelenk trug.

"Was für ein Amulet tragen Sie da?" fragte ich und berührte mit dem Finger den Reif.

Statt zu antworten reichte er mir die linke Hand; ich betrachtete den Reif. Zwei Steine bildeten sein Schloss: ein Rubin, warm und glühend wie ein Tropfen Bluts, und ein wunderschöner Saphir, der wie ein Stern oder wie ein Auge beruhigend daneben lag. Ich weiss nicht was für eine melancholische Symbolik aus diesen schönen Steinen mich ansprach! ich fragte traurig:

"Also doch ein Abfall, Fidelis?"

Immer noch schweigend richtete er sich auf, zog aus dem Busen an einem schwarzen Bande ein goldnes Medaillon auf dem jene apokalyptischen Worte eingegraben waren, und drückte es auf nachdem ich sie gelesen hatte. Ein liebliches Miniaturbildchen kam zum Vorschein, ein süsses Köpfchen überflutet von blonden Locken und einem schwarzen Schleier, unter welchem zwei göttlich schöne dunkelblaue Augen, tief und stralend wie Saphire mit einem Ausdruck hervorblickten, der zittern machtesolch eine Glut und solche Schwärmerei schmolzen in ihrem Feuer zusammen. Ich fand eine unbestimmte Aehnlichkeit mit Fidelis, ungefähr wie eine Tochter ihrem Vater ähnlich sieht.

"Ah Fidelis! es ist also doch ein Weib in Ihrer Vergangenheit!" rief ich mit Schmerz.

"Eine Mutter ist kein Weib," entgegnete er und legte die Hand beruhigend auf mein Haupt.

Ich drückte sie dafür an meine Lippen und sagte:

"Ich weiss es ja längst dass Du anders bist als wir übrigen Menschen, und dennoch erfüllt es mich immer wieder mit Andacht und Rührung! – Aber erzähle mir von Deiner Mutter."

Fidelis verwahrte wieder das Bild im Busen, knöpfte sorgsam den Hemdärmel über dem Goldreif zu, damit kein profanes Auge seine Reliquien entweihe, und sagte:

"Von meiner Mutter! .... Ich kannte sie nicht; ich wusste nichts von ihr; ich wuchs auf in dem kleinen Städtchen Aussig in Böhmen bei meinem Pflegevater der für meinen Oheim galt und der Organist an der dortigen Kirche und ein tüchtiger Musiker war. Ich hatte eine wilde selige Kindheit. Ich verbrachte sie mit Musik und mit Wanderungen durch die romantischliebliche Gegend. Die Kunst und die natur, und deren gemeinsame Mutter die Schönheit, teilten seit meinen frühsten Jahren den Cultus meiner Seele. Es war etwas in mir das Tränen in mein Auge trieb und mich auf die Knie warf, wenn ich ergreifende Musik hörte, einem Sonnenuntergang oder einem Gewitter zusah, oder einen Frühlingsmorgen auf den grünen, nussbaumbeschatteten Abhängen der Ruine Schrekkenstein verlebte. Denn immer trug die Schönheit, welcher Art sie sei, für mein Auge eine Glorie; sie war mir heilig. Nie vergesse ich den Moment als ich zum ersten Mal das Kleinod und den Stolz von Aussig, das Altargemälde von Carlin Dolce sah! Ein kleiner Madonnenkopf ist es im dunkelblauen Schleier. Eine Tür schliesst sich sorgsam über dem Gemälde, das in einem Schrein von weissem Alabaster wie in einem Wandschränkchen über dem Altar verborgen ist und nur bei grossen Festen oder wenn Reisende und Fremde es begehren, zum Vorschein kommt. Eine fremde Gesellschaft liess sich das Bild zeigen; ich war aus Neugier ihr gefolgt. Als sich die Tür auftat, sank ich auf die Knie, und murmelte andächtig mein Ave Maria! Als ich fertig war bemerkte ich zu meinem Erstaunen dass ich allein kniete, und dass eine lange dürre blonde Dame aus der Gesellschaft mich streng und missbilligend ansah. Ich stand auf und schlich errötend bei Seite, hörte aber wie die Dame mit scharfer stimme sagte:

"Bemerktet Ihr den fanatischen Ausdruck des Knaben? ist es nicht unerhört dass solcher heidnische Götzendienst in unsrer aufgeklärten Zeit und in unsrer Nähe noch existirt!"

"Es ist sündhaft Kinder für die Heiligenverehrung dermassen zu fanatisiren," bemerkte ein fetter Herr mit grosser Salbung.

Obwol ich nur die Worte, nicht den Sinn verstand, machten sie mir einen starken Eindruck. Später sind sie mir oft eingefallen. Götzendienst ist: wenn die Form statt der idee angebetet wird, wenn die Formel mehr gilt als der Inhalt, wenn die verknöcherte Gestalt ohne Geist jene Huldigungen empfängt, welche ihm gebühren. Demnach trieb ich damals keinen Götzendienst.

Meine Pflegemutter, eine sanfte zärtliche Seele, und mein Pflegevater ein rechtschaffner warmherziger Mann, waren beide wahrhaft fromm und erzogen mich in wahrer, inniger Andacht und Liebe zu unsrer heiligen Kirche. Was in ihnen milde erquickende Frömmigkeit war, wurde in mir, zufolge meiner wilden schwärmerischen natur, flammender Glaube, inbrünstige Andacht. Dies religiöse Element entsprach vollkommen der Richtung und dem