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ihm den Arzt; der empfahl ihm Ruhe, calmirende Mittel, Bewegung, Zerstreuungim grund .... nichts! denn es sei keine Gefahr vorhanden nicht einmal Krankheit. Mezzoni sprach aber immer vom nordischen Winter, der einen schwächlichen Menschen tödten könne. Ich versicherte ihn Sedlaczech sei durchaus nicht schwächlich. Er meinte man könne es werden. Das war richtig. Ich verbrachte einen qualvollen Tag.

Am nächsten Morgen liess ich Sedlaczech zu mir bitten, wenn's ihm möglich sei. Er kam; aber er sah geisterhaft aus. Entschlossen fragte ich sogleich das was ich ahnte:

"Ist's wahr, dass Sie nach Italien wollen?"

"Ich denke das wird am Besten für mich sein" – entgegnete er nach einer Pause in der er sich zu dieser Antwort Kraft gesammelt hatte.

"Warten Sie bis zum Frühling, Fidelis, dann wollen wir Alle fortnach der Schweiz, nach Italien .... wohin Sie wünschen, bat ich mit Tränen.

"Mein Wunsch kann keine Richtschnur für Sie abgeben, teure Gräfin!" sprach er sanft.

"O doch! doch! lassen Sie mir die seltne Freude, dass ich Ihren Wunsch erfüllen darf! ich habe wenig Menschen, Fidelis, ach! ich mögte sagen keinewenigstens keine Freunde, deren Wünsche mein Leben bestimmten. Gönnen Sie mir doch dies Glück."

"Mein Wunsch ist .... jetzt und allein zu gehen!" entgegnete er noch sanfter.

"Und fühlen Sie nicht dass ich fürchterlich allein sein werde, wenn Sie gehen?"

"Nicht so wie ich."

"Dass mir ein belebendes und beseelendes Princip fehlen wird, welches die Nähe eines treuen und verständnissvollen Freundes, der Ihr Herz und Ihren Charakter hat, in mein hinfälliges Wesen bringt?"

"Nicht so wie mir."

Mir war als bräche er mit entschlossner Hand mein Herz entzwei. Ich wurde kalt und starr, mein Blut wie Eis, und so sagte ich:

"Wolan, Meister, gehen Sie und .... beten Sie."

"Wenn ich kann," sprach er tonlos.

"O Sie können! – beten können Sie .... aber nicht lieben, Fidelis!"

Er wich einige Schritte zurück, sah mich fest an und fragte mit einem furchtbaren Ernst:

"Sie wissen also wirklich nicht dass ich Sie liebe?"

"Wer beten und glauben kannder kann auch lieben! – ich wusste es, Fidelis!" rief ich und sank auf die Knie, überwältigt von ich weiss nicht welcher Macht, welcher Freude, welcher Angst, welchem innerlichen Jauchzen und Weinen, das mich mit heissem Dank in den Staub warf.

"Heiliger Gott! was nun?" sagte er und presste die gerungenen hände gegen seine Stirn.

"Nun bleiben Sie hier, Fidelis! nun bleiben Sie bei mir, immer – o immer! immer!" sagte ich, stand auf, und ergriff sanft seine hände, die ich auseinander löste indem ich hinzu setzte: "Nicht mehr in Qual dürfen sie gerungen sein, nur gefaltet in liebender Andacht, wie sich das für Sie geziemt."

"Und Sie verzeihen mir? fragte er ganz, ganz leise. Sie kennen meine Gefühle und nennen sie nicht Torheit .... nicht Vermessenheit .... nicht Wahnsinn? – wie ich selbst so viel tausendmal sie genannt! – Sie verbannen mich nicht von Ihrem Angesicht .... darf ich es glauben?"

"Warum wollten Sie zum ersten Mal in Ihrem Leben zweifeln?" sagte ich.

"Weil dies eine Gewissheit sein würde, welche mich weit .... weit über alle Grenzen und Schranken des Daseins hinweg in die Seligkeit heben würde! .... Weil es eine Himmelfahrt bei lebendigem leib wäre! .... – O Sie sehen wohl, Sibylle, dass man daran zweifeln m u ss , so lange man nicht rasend ist."

"Bleiben Sie immer bei mir, Fidelis! entgegnete ich mit unbeschreiblicher Rührung. Ich kann's Ihnen nicht sagen wie glücklich Sie mich machen!"

Er sank vor mir nieder mit der nämlichen extatischen Geberde mit der ich einst im Dom zu Würzburg ihn auf den Knien gesehen, und dieselbe Ueberfülle der Empfindung stralte von seinem Antlitz aus. Und wie damals meine kindische Seeleso ward jetzt die bewusste Seele gleichsam angedonnert von der Ueberlegenheit, welche die seine über sie hatte, bloss darum .... weil er liebte. Klein und unwürdig erschien ich mir selbst, und mit unsäglicher Trauer sprach ich:

"Fidelis! ich bin Ihrer nicht wert."

Er hörte nicht auf mich; er blieb in seiner Stellung, nahm meine hände und sagte:

"Ja, ich liebe Sie mit einer Liebe von der ich nicht weiss ob sie mir den Himmel ob die Hölle bringt .... aber ich liebe Sie! – nicht jetzt nicht früher, nicht seit dieser oder jener Zeit .... nein, immer! eingeschreint in meiner Seele, wortlos, masslos, grenzenlos, wie Sie es nie verstehen noch begreifen können, weil Sie nur den Massstab der andern Männer haben, welche Sie zur Abwechselung liebten! ich, ohne Wechsel, nur Sie! nur Sie!"

Er sprach beinah flüsternd, wie man eben ein geständnis macht, und doch mit einem solchen vibrirenden Nachdruck