nie begreifen und nur vermuten können, dass er irgend eine Schuldhaftigkeit bei mir voraussetzte, bei der er mich würde fassen und durch sie genug einschüchtern können um mir gleichsam meinen Ablass von ihm zu erkaufen. Da er seinen Verdacht nicht bestätigt – und mich in Betreff seiner Tochter entschlossen fand ihm nicht nachzugeben: so stand er von seinem anfänglichen Verfahren ab, und liess uns dafür sämtlich seine üble Laune empfinden. O wie oft dachte ich an Scheidung! Aber ich wusste vorher, dass er mir eine Komödie voll Verehrung u.s.w. vorspielen würde, hinter welcher sich sein Entschluss verbarg sich von einer reichen Frau nicht zu scheiden. Um meines Vermögens willen hatte er mich ja doch nur geheiratet: diese überzeugung stand fest in mir, und machte mich so kalt, dass ich beschloss unser verhältnis als ein kahles Geschäft zu behandeln.
Als ich ihn eines Tages in dieser Absicht zu mir bitten liess, bekam ich eine Staffette aus Hannover, die mich an das Sterbebett meines Schwiegervaters rief. Auf der Stelle war ich entschlossen dem Ruf zu folgen und befahl den Dienern die notwendigen Vorkehrungen zu treffen. Zu Astrau sagte ich: ich setzte voraus dass er mich nach Hannover begleiten würde. Er willigte sehr verbindlich ein. Alphonse hatte ihm bereits unser Gespräch mitgeteilt. In dem Augenblick wo mir eine grosse Erbschaft bevorstand hätte ich ihn mit mir nach Sibirien nehmen dürfen – dermassen abhängig war er vom Gelde, er! dem die geringste sittliche Fessel unerträglich war. Binnen zwei Stunden waren die Anordnungen gemacht, und ich nahm von den Kindern und Hausgenossen Abschied. Sedlaczech kam mir fürchterlich verändert vor, fast entstellt. Ich hatte es schon bemerkt in diesen letzten Wochen; aber nie so wie heute.
"Erkranken Sie nur nicht in meiner Abwesenheit, Meister!" sprach ich beklommen.
"Wann kehren Sie zurück?" fragte er hastig.
"Das kann ich nicht bestimmen."
"Können Sie bestimmen, dass Sie überhaupt zurückkehren werden?"
"Ja! wenn ich nicht sterbe."
"Halten Sie es nicht für besser sich mit Graf Astrau zu versöhnen?" sagte er noch hastiger, noch murmelnder, wie Jemand der sich mit Ueberwindung eines Auftrags entledigt.
"Hat Graf Astrau Sie um seine Fürsprache ersucht?" fragte ich und ein unbeschreibliches Gemisch von Zorn und Trauer quoll in meiner Brust auf.
"Nein," sagte er verlegen.
"Nun, lieber Meister, dann haben Sie eine Gehirnentzündung! lassen Sie mich bei meiner Heimkehr Sie genesen finden," sprach ich und gab ihm meine Hand, die er nach seiner Weise drückte und gefasst sagte:
"jetzt hoff' ich es."
Ich stieg in den Wagen und Astrau setzte sich zu mir. Sein erstes Wort war:
"Leugnest Du noch immer dass Herr Sedlaczech Dich anbetet?"
"Ich habe das nie geleugnet!" sagte ich gefasst; denn als ich diese Frage stellen hörte war es mir unmöglich eine andre Antwort zu geben.
"Und das rührt Dich nicht?" fragte er, immer in einem halbspöttelnden Ton, der mich verletzte.
"Lassen wir die Geheimnisse m e i n e s Herzens so unberührt als die des Deinen, entgegnete ich eiskalt, umsomehr da sie für Dich nur Nebensache sein können! die Hauptsache ist für Dich .... mein Vermögen."
"Ich finde Dich sehr undankbar, dass Du meine Entsagung nicht anerkennst."
Es wurde mir schwer nicht zu lächeln als ich sprach:
"Ich will glauben dass Du grossmütig sein kannst! – Uebrigens bin ich nur gerecht gegen Dich und mich wenn ich behaupte dass Du es in diesem Fall nicht bist. Ich bin Dir gänzlich gleichgültig! um mich zu gewinnen hattest Du Dich in eine künstliche Wärme hinein gearbeitet, die genau in dem Augenblick verdampft war, als Du Dein Ziel erreichtest. Meine Eitelkeit könnte sich dadurch verletzt fühlen – allein ich habe ja eine ähnliche Schuld gegen Dich begangen – so sind wir quitt. Es würde Dir ebenso unmöglich sein Liebe für mich zu erzwingen, als mir – sie zu erwiedern. Es gibt Frauen deren Widerstand lockend ist, weil Trotz, Scheu, Eigensinn, kurz etwas Positives ihn begründet. Aber meine unendliche Gleichgültigkeit ist ganz negativ und wirkt demnach nur lähmend auf Dich. Und jetzt lass uns von Deinen Geschäften reden."
"Meerweib! Amphibie! froide raisonneuse! rief Otbert mit künstlichem Zorn, Du machst einem Mann das Blut in den Adern gefrieren! mir graut vor Dir!"
"Da Du mir das Alles schon Einmal oder ein Paarmal gesagt hast, so begreif' ich nicht warum Du nach Engelau gekommen bist."
"Weil ich hofte Dich verändert zu finden."
In diesem Kreislauf bewegte er sich. Die Reise ging rasch durch Tag und Nacht vorwärts. Ich fand meinen Schwiegervater noch am Leben; ein Fieber zehrte ihn auf, aber er war bei voller Besinnung, und sagte mir den Inhalt seines Testamentes, das ganz zu Benvenutas Gunsten war und ihr für dies enorme Vermögen Vormünder bestimmte.
"Ich kenne Dich, und wusste dass ich Dir durch diese Bestimmung nur eine Last abnahm," sprach er freundlich.
Astrau zu sehen, was dieser sehr wünschte – Gott weiss warum! – kostete ihn Ueberwindung.
"Ein schlechter Nachfolger unsers guten Paul! sagte er später. Lass Dich scheiden, arme Sibylle."
Dieser Rat war fast sein letztes Wort. Er entschlief vor Erschöpfung. – –