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die Welt ziehen und Alles suchen und sehen würden, was es Schönes unter der Sonne gibtund mit plötzlicher Rückkehr in meine Gegenwart rief ich traurig und halblaut: Ach wenn ich doch nicht so sehr und so ganz allein wäre!

Da hörte ich das Rollen eines Wagens im Schlosshof, und bald darauf erscholl der Ruf Hahoh! dreimal; das war ein Signal welches mich zur Heimkehr auffoderte und welches ich in den entferntesten Teilen des Parks bei abendlicher Stille hören konnte. Es war Montag, einer der Tage an denen der Arzt kam. Ich wunderte mich dass er mir so dringend etwas zu sagen habe, überflog im Geist die Reihe unsrer Kranken, schnallte geschwind die Schlittschuh ab und lief wie ein Pfeil dem Schloss zu.

"Was giebts, Herr Sedlaczech? was soll ich?" rief ich atemlos als ich ihn, dessen kräftige stimme den Wächterruf auszustossen pflegte, vor der Tür zu erkennen glaubte. Statt mir zu antworten kam er mir zu meinem höchsten Erstaunen schnell entgegen, und als eine andere liebere stimme rief: "Guten Abend Sibylle!" – da erkannte ich meinen Irrtumdenn es war Paul. Mir stockte der Atem vor Freude, Ueberraschung und vom schnellen Lauf. Sprachlos umarmte ich ihn, aber ganz flüchtig, denn ich zitterte vom Scheitel bis zur Sohle und wollte es mir nicht merken lassen. Als meine Lippen scheinbar gleichgültig seine Wange streiften und ich mit keiner Sylbe ihn begrüsste, fragte er verwundert:

"Meine kleine Sibylle, freust Du Dich denn zum ersten Mal in Deinem Leben nicht wenn der Paul kommt?"

"O ja ja!" stammelte ich.

"Nun so gieb mir doch einen Kuss wie sonst" sagte er herzlich.

"Ja ja! wiederholte ich, komm' nur hereines ist so dunkel dass ich Dich nicht erkennen kann."

War es ein Instinkt von Koketterie, der mich wünschen liess Paul möge sehen wer ihm einen Kuss gab und dass es nicht mehr die "kleine" Sibylle seiich weiss es nicht! ich zog ihn geschwind herein ins hellerleuchtete Teezimmer. Aber als wir eingetreten waren schwieg er vor Ueberraschung, und ich vor Verlegenheit über sein Verstummen, und es trat ein peinlicher Moment ein, bis Paul meine Hand nahm und leise sagte:

"Ich sehe schonDu bist ein grosses wunderschönes Mädchen geworden, Du machst Dir nichts mehr aus mir und wirst mir auch wohl keinen Kuss geben wollen."

Ich sah ihn anGott weiss wie, und ich entsinne mich auch nicht mehr wie es hernach Alles kam und wie ich mich in seinen Armen fand. Nur dass er ganz anders wie sonst vor mir stand, dass sein blick, seine stimme, sein Ausdruck, sein Kuss nicht mehr die früheren waren, dass er gleichsam in ein verklärendes Licht hinein gehoben war und dass ich diese Erscheinung in ihm bewirktedessen entsinne ich mich, weil kein Weib dergleichen vergisst sobald dies den Mann betrift den man zuerst geliebtoder zu lieben gewähnt hat. Also liebte ich Paul? – Ja, was ist die Liebe? man kann von ihr alles Gute und alles Böse sagen, und es wird ganz wahr und ganz passend sein, und sich nicht bloss n a c h einander oder in v e r s c h i e d e n e n Individuen, sondern zu gleicher Zeit und in demselben Menschen nachweisen lassen. Sie ist zugleich der bewusstlose Trieb, der das Individuum zur Vervollständigung seiner animalischen Bestimmung drängt und der erhabene Schwung, welcher den Märtyrerschritt und den Todesgang zwischen allen Verlockungen, Reizen und Bedrohungen der Sünde gibt. Sie ist die schwüle brodelnde Glut welche das Mark aus den Knochen, die Gedanken aus dem Hirn, den Atem von den Lippen, das Herz aus dem Busen aufsaugt, und die leichte zauberische Flamme welche die Gestalt in Schönheit, das Gehirn in Schöpferkraft, das Herz in eine Glorie, das ganze Wesen in ein erneutes geistiges Dasein taucht. Sie ist die Wiedergeburt und die Vernichtung des Menschen. Sie ist eine Bachantin die ihn in mysteriöse Extasen der Wollust schleudert und ein tiefsinniger Genius der ihn auf schneeweissen Flügeln in Regionen erhebt zu denen sich die Sinnenwelt verhält wie das Sandkorn zu den Gestirnen. Sie führt ihn zu Taten des Fluchs und zu Taten des Segens. Sie drückt ihm den Stempel der Tierähnlichkeit und das Gepräge des göttlichen Ebenbildes auf die Stirn. Sie schlägt ans Kreuz und reisst empor zur Himmelfahrt. Sie befleckt im Lasterpfuhl und reinigt in einem Element gegen welches die klarsten Gebirgswasser und die frischesten Frühlingslüfte unklar und dumpf sind. Sie macht elender als alles andre Leid, und seliger als alles andre Glück. Sie macht stupid und gibt Intuition. Sie ist so reich dass sie die Welt verschmäht und so bettelarm dass ein blick, ein Kuss sie wie mit Perlen und Demanten überrieselt. Sie ist allgenügsam und unbefriedigbar, seelisch und sinnlich, frohlockend und klagendund das Alles in einem und demselben Herzen, am Morgen so und am Abend anders. Sie bildet eine festverschlungene Kette von Gegensätzen, die augenblicklich untereinander zu Widersprüchen werden, sobald nicht ein unerhört tapferes und starkes Herz jedes einzelne Glied löst indem es dasselbe mit Geduld und Ausdauer trägt. Nur e i n e s übersprungen oder zerrissen, und die ganze Kette verwirrt sich! Wo aber wäre ein Herz stark genug um sich stets im Gleichgewicht zwischen diesen Stürmen und Schwankungen zu erhalten? von all dem Herumzerren und Hinundherwerfen wird es müde, matt,