, sei dahin gestellt. Aber er konnte einen Tag mit den religiösen Ceremonien der Jünger des Père Enfantin beginnen, ihn durch die Ateliers der Künstler, die Kammern und ein diplomatisches Diner führen, und ihn in den rococo Sälen des Faubourg St. Germain oder in dem Dachstübchen eines socialistischen Weltverbesserers beschliessen. Das unterhielt uns natürlich sehr, und auch ihn – so lange er davon erzählte und mit seiner person und durch seinen Vortrag dabei glänzte. Aber ein Magazin von Wissen, Studium und erkenntnis, das ihn in der Stille genährt – oder einen Heerd an dem er in der Stille sich gewärmt – hatte er sich nicht daraus gebildet. Von Schätzen umgeben lechzte er, wie ich, nach einem unbekannten noch höheren, noch erschöpfenderen Gut: und das war eben der Punkt in welchem ich mich noch jetzt ihm verwandt fühlte – ganz wie sonst. Jedoch nur in dem Punkt selbst! sein verlangen und streben, sein ringen und tun waren schnurstracks den meinen entgegen. Ich achtete seinen Charakter nicht, aber seine Seele flösste mir Teilnahme ein – und diese war mit im Spiel gewesen, nicht bloss die Eitelkeit! als ich mich von ihm fesseln liess. Diese Entdekkung gewährte mir einen grossen Trost. Es ist dem Menschen unendlich angenehm wider Erwarten in sich selbst bessere Motive seiner Handlungen zu finden! Er ist niemals so versöhnlich als wenn es gilt mit sich selbst sich zu versöhnen.
Astrau war aber nicht immer und nie lange in muntrer Laune: das Damen-Auditorium war ihm nicht glänzend genug. Der armen Matilde gab er zuweilen beissende Antworten.
"Welch ein Vorrat von Erinnerungen für's Leben!" rief sie bei einer seiner Erzählungen.
"Da haben Sie gleich Ihre Speisekammer im Sinn in die Sie täglich gehen und sich regelmässig ein Stück Brot, ein Stück Fleisch und ein Stück Kuchen holen würden; und an Sonn- und Festtagen gäb' es ein Glas Wein dazu: nicht wahr, fräulein Matilde?" fragte Astrau spöttisch.
Sie errötete und wurde verlegen; vergass es aber bald wieder in ihrer Harmlosigkeit. Benvenutas Gouvernante ging es übler! sie war eine vortrefliche person – jedoch sehr hässlich und sehr vielwissend – Beides ein Greuel für Astrau; umsomehr da sie von ihrer Hässlichkeit keine Ahnung hatte und auf das Wissen einen grossen Wert legte, wie alle Menschen bei denen es grösser ist als der Verstand. Bei Otbert war es grade umgekehrt, und daher der Disputationen kein Ende zwischen ihnen, obgleich sie ihm gegenüber beständig im Nachteil und er schonungslos war. Mit wahrer Todesverachtung kämpfte sie für Geist und Gaben, Herrlichkeit und Würde, Befähigung und Berechtigung ihres Geschlechts, welches Astrau angriff weil er sie nicht leiden konnte und mir dabei einige Nadelstiche zu versetzen hofte. Gott weiss wie er erfahren hatte dass Madame Schütz – (so hiess sie und sie war witwe) – Gedichte mache und zwar recht hübsche. Er bat ihm einige mitzuteilen und obzwar ich ihr dringend davon abriet, widerstand sie nicht der Lockung. Eines Abends gab er ihr das Heft höchst verbindlich zurück und sagte mit der grössten Freundlichkeit: er habe nur zwei kleine Fehler an diesen sämtlichen Gedichten entdeckt; der erste, dass sie überhaupt gemacht – der zweite, dass sie Gedichte genannt worden wären. Die arme Schütz war aus der Fassung. Ehe sie Zeit hatte etwas Ungeschicktes vorzubringen sagte ich geschwind und auch höchst freundlich:
"Und Deine Kritik, lieber Otbert, hat gar nur einen einzigen kleinen Fehler; nämlich den, dass ein Dichter sie macht." "Dieser Rivalität glaube ich ohne Unbescheidenheit überlegen zu sein!" rief er spöttisch. "Die wahre Ueberlegenheit ist nachsichtig, lieber Otbert, und reicht die Hand um weiter zu helfen. Die unächte – sucht in den Staub zu drücken." "Das ist excellent! sagte er lachend. Glaubst Du wirklich dass diese Gedichte den meinen gefährlich werden könnten?" "Ich sprach nicht von Deinen Gedichten, nur von Deiner Gesinnung." "Vermutlich trittst Du nächstens mit einem Bändchen Gedichte vors Publikum, und brandmarkst im Voraus jeden der sie nicht bewundert mit neidischer Gesinnung." "Darauf entgegne ich wie jener Gelehrte, den Johannes Falk fragte ob er dichte? – Nein! so gemein hab' ich mich Gottlob nie gemacht." "Vor Dir muss man die Waffen strecken! sagte Otbert verbindlich. Du bist wie gepanzert." "Man muss es sein wenn man mit Euch in die Schranken tritt." "Dann muss man aber auch noch mit Göttern und Dämonen in Verbindung sein, die einen solchen Panzer schmieden." "Ganz und gar nicht! man braucht nur seine Eitelkeit abzulegen. Da uns das eher möglich ist als Euch: so sind wir dann im Vorteil."
"Mit Dir ist auf keine Weise zu streiten! die Verblendung für Dein eigenes Geschlecht – hinter der sich natürlich die über Dich selbst verbirgt – ist allzu kolossal! der Mann soll eitler sein als das Weib! .... unerhörte Behauptung, da Ihr nur lebt, webt, atmet und denkt in Bezug auf Eure Eitelkeit oder in deren Genuss – da Ihr von der Schleife an, die Ihr an Euren Busen steckt, bis in Eure Leidenschaften, ja, Tugenden hinein, unter deren Scepter steht!"
"Ganz richtig! dies behaupten, mein lieber Otbert, heisst aber nicht das Gegenteil für den Mann beweisen. Nachdem ich also den Vorwurf dieser grossen Sünde für mein Geschlecht angenommen, nehme ich auch eine Tugend