1846_von_Hahn_Hahn_145_87.txt

"

Ich betrachtete ihn mit seltsamen Empfindungen. Er war immer derselbe schöne eitle Otbert, er wollte immer gefallen undmerkwürdiger Weise! er gefiel mir auch noch immer, jedoch so wie etwa ein Kunstwerk zweiter Ordnung, das in unsrer Seele Raum lässt für die Kritik, uns gefallen mag. Von warmen vibrirenden Lebensfibern so wie einst, regte sich nicht eine einzige für ihn.

"Otbert! sagte ich sehr gelassen, ich nehm' es Dir nicht übel, dass Du in Deine Schauspielerkünste verfällst! sie sind Dir genugsam zur zweiten natur geworden um Dich glauben zu machen i c h sei noch zu täuschenich! die einen tiefen blick in Deine Coulissenwelt getan. Ich habe nicht das geringste Talent und folglich auch nicht die geringste Lust zur Schauspielerei: Du bist zu klug um das nicht längst erkannt zu habenwas ist also Deine eigentliche Absicht? Nimm Dich zusammen und sprich die Wahrheit."

"Ich habe sie Dir gesagt: ich will Dich sehen und bei Dir leben."

"B e i mir und nicht m i t mir ist peinlich."

"Es lebt ja Deine ganze Hausgesellschaft nichts weniger als peinlich, sondern sehr ungenirt bei Dir, mit Dir – .... ich weiss nicht was Du da für spitzfindige Unterschiede machst!"

"Ich kann sie Dir erklären: meine Hausgenossen leben unbefangen und zufrieden b e i und m i t mir innerhalb der Verhältnisse in denen wir zu einander stehen sollen. Du und ich hingegenwir leben innerhalb eines schiefen, zerrissenen Verhältnisses. In der Ehe bedeutet m i t einanderdie Intimität der Liebealso Glück; b e i einanderSchein, Lüge, Rücksichten, Zwecke .... was weiss ich! alsoein äusserliches, unbefriedigendes und deshalb auf die Dauer peinliches Tun und Treiben. Spare es Dir und mir."

"Das heisst mit andern Worten: geh!" rief Otbert mit aufwallender Empfindlichkeit.

"Wenn Du das fühlstweshalb bist Du gekommen?"

Fast mit Hass im blick entgegnete er ruhig:

"Um meine Tochter zu holen."

"Deine Tochter? und bei mir?" fragte ich gedehnt.

"Nun ja, Astralis! wen sonst?"

"Astralis ist Arabellas Tochter und ich habe der heimgegangenen Mutter den Eid abgelegt Mutterstelle bei ihr zu vertreten, bei dem verwaisten kind, welches sie mir in ihrem Testament zu Erziehung und Versorgung anvertraut hat."

"Das Alles ist ganz gut .... allein der Vater hat nähere Rechteund ich nehme sie in Anspruch."

"Astralis Flowrence lautet der Taufschein meiner Pflegetochter. Arabella hat sie mir als ihr verwaistes Kind übergeben. Ob Du der Vater bist, ob ein Andrer es ist, kümmert mich nicht."

"Ah jetzt spielst D u Komödie! rief Otbert; Du weisst sehr gut dass ich und kein Andrer Astralis Vater bin."

"Ich habe gesagt: es kümmert mich nicht; und das ist mein voller Ernst."

"Wie? die Gattin hab' ich in Dir verloren und mein Kind soll ich durch Dich verlieren? das ist ja aber himmelschreiend."

"Ja es ist entsetzlich welch Unrecht Du zu erleiden hast!" sagte ich mit kaltem Spott, stand auf, schellte, und zu dem eintretenden Kammerdiener:

"Der Herr Graf befiehlt sein Zimmer, das grüne."

Astrau verbeugte sich kalt und förmlich und folgte dem Diener; ich ging todtmüde in mein Cabinet. Am andern Morgen liess er mich um ein Gespräch bitten. Heute hatte er die Taktik verändert. Nicht schauspielerisch sondern cynisch griff er mich an.

"Ich habe Dir einen Vorschlag zu machen, begann er. Ueberlass mir meine Tochter und ich lasse Dir den Herrn Sedlaczech."

Ich hatte mir vorgenommen von eiserner und eisiger Unbeweglichkeit zu sein und es wurde mir auch gar nicht schwer es durchzuführen. Ich erwiderte:

"Glaubst Du Rechte an Astralis beweisen zu können, so wende Dich an die Gerichte, welche ich alsdann zur Anerkennung der meinen auffodern werde. Was Herrn Sedlaczech betrift, so bedienst Du Dich eines unstattaften Ausdrucks. Er ist hier nach seinem Belieben."

"Das bezweifle ich nicht; – auch nicht, dass sein Belieben das Deine ist. Nur ich bin in diesem Bunde nicht der Dritte."

"Ich darf sagen, dass dies auch keinesweges mein Wunsch ist."

"Du trotzest mir?"

"Wer in seinem Recht zu sein glaubt, spricht sich dem gemäss aus, ohne dem andern teil trotzen oder ihn beleidigen zu wollen. Beides sind Waffen des uneingestandenen Unrechts."

"Wir kommen von unserm Tema ab. Du benimmst Dich hier wie eine Königin .... Deiner Scholle, was beiläufig gesagt einen Anstrich von landjunkerlicher Krähwinkelei hat, die mich sehr belustigt. Du hast Dir einen vollständigen Hofstaat organisirt; ich lasse das geltennur nicht den böhmischen Trabanten."

"Werde ich allendlich den Zweck Deines Kommens erfahren?" fragte ich unmässig gelangweilt.

"Eine wunderliche Frage in dem mund einer Gattin! freundlich und liebevoll, mit den teilnehmendsten Gesinnungen komme ich, und werde wie ein Fremder aufgenommen. Man empfängt mich nicht, man spaziert zwei Stunden im Mondschein mit dem Günstling, man lässt mich bei dem Hofstaat und der Langenweile, man kehrt endlich heim und begrüsst mich mit Verstörung und Ohnmacht und sucht zuletzt hinter hochmütigem Fremdetun innere Unruh zu verbergen. Ist das