1846_von_Hahn_Hahn_145_86.txt

... denn ich verderbe." Möglich dass er mich nicht gerettet, nicht beschwichtigt hätte! – aber schon diesen Schrei auszustossen an geweihter Stätte im Schutz und Schirm des Altars, wäre eine halbe Seligkeit gewesen. Es kann eine unerhörte Erlösung und Befreiung, eine wahre Seligsprechung in einem solchen Wort liegen, und jeder Mensch bedarf derselben wenigstens Einmal in seinem Leben; – denn Einmal wenigstens türmen sich um Jeden die Schrecknisse dermassen auf, dass er schreien muss: rette mich, denn ich verderbe! – Wir haben keine Priester; wir müssen diesen Jammerzustand allein abmachen, in uns selbst, mit uns selbst .... eine geschlagene, gequälte, verzweifelnde Seele und ganz allein! wer im stand wäre dies Alleinsein im vollen Umfang zu ermessenmüsste wahnsinnig werden! aber wir sind nun einmal von vollkommner Unvollkommenheit und können ihn daher nicht ermessen. Und dann hängt die Seele auch an einem Faden, nur von Seide und über einem Abgrundund das ist ihr Instinct von Gott; das ist grade genug um sie in ihrem Leid zu erhalten .... ganz allein! Freunde sollen wir um Rat ansprechen: das soll uns stärken, anfeuern, erfrischenso sagt man. Hat die verzweifelnde Seele Freunde? gewiss nicht! es wäre dann nie so weit mit ihr gekommen. Sie ist und bleibt allein! Wendet sie sich einmal in ihrer tiefsten Not an Einen, dem Friede, Kraft und klarheit die Weihe des Priesters gegeben haben, so wendet der sich entsetzt und schaudernd von ihr abwie Sie es tun, Fidelis! .... so mögte er ihre Klagen ersticken, weil er nicht helfen kann und nicht mit ihr leiden magwie Sie, Fidelis."

Ich hatte mit fieberhafter Glut und Hast geredet. Meine verschlossene natur, durch die erschütternde Musik aufgewühlt, zugleich für und wider die Gewohnheit des Schweigens ringend, hatte diesen Ausbruch nicht unterdrücken können. Es mag ergreifend sein Zeuge einer solchen Haltungslosigkeit zu werden, wo man sonst immer gefasste Sammlung gesehen. Sedlaczech wenigstens stand mit einem ganz unbeschreiblichen Ausdruck von Desolation vor mir; und als ich sein früheres Wort nachsprach:

"Dies sind die stillen Unsinnigkeiten einer edlen Seele vor denen Sie so grosse Furcht haben!" – –

Da sank er wie zerbrochen auf seine Knie und flüsterte leise:

"Aber sehen Sie denn nicht dass Sie mich vernichten?"

Als ich ihn so erblickte, im stillen kühlen Mondlicht, auf den Knien und doch nicht vor mir kniendnahmen meine Gedanken eine andere Wendung und ich fragte:

"Können Sie noch beten, Fidelis? so wie damalsSie wissen was ich meine."

"Noch kann ich es!" sprach er ganz, ganz leise und erhob sich langsam.

Ich nahm wieder seinen Arm, und wir gingen schweigend dem haus zu. Als wir uns näherten ging auf der Terrasse eine Männergestalt auf und nieder, die mich frappirte, weil das vor den Fenstern meiner Zimmer nie zu geschehen pflegte; und als wir ganz nah waren ging sie in den erleuchteten Salon wie um uns dort zu empfangen. Ich ging hastig die Stufen zur Terrasse hinauf, trat einund stand vor Otbert. Diese unangenehmste aller Ueberraschungen, so plötzlich folgend auf die heftigsten Emotionen, traf mich wie ein eiskalter Luftzug an einem glühend heissen Sommertage. Jener Schlag auf das Herz, den ich vor Arabellas Fenster empfunden, berührte mich abermals aufs Heftigste und ich sank leblos in Sedlaczechs arme. Alles geriet in Aufruhr: – aber es währte nicht fünf Minuten, so hatte ich meine Besinnung und folglich auch meine Kräfte wieder, und ich grüsste Otbert höflich und befremdet. Er beobachtete mich mit scharfen fast lauernden Blicken, suchte aber sehr ungenirt, vertraulich, ganz wie zu haus zu sein, und sagte mir die grössten Schmeicheleien über mein gutes Aussehen. Es muss für meine Hausgesellschaft ein merkwürdiges Schauspiel gewesen sein dies Wiedersehen von zwei Eheleuten, die nach mehr denn fünfjähriger Trennung in den ersten Stunden von nichts sprachen als von Fieschis Attentat gegen König Louis Philipp, das im Lauf des Sommers statt gefunden hatte. Die gewohnte Abendstunde hatte sie Alle versammelt und ich merkte ihnenSedlaczech ausgenommenihr Unbehagen an. Astralis war nicht wohl und kam daher nicht zum Vorschein. Benvenuta hatte Otbert gänzlich vergessen, und hielt sich in scheuer Ferne von ihm.

Gleich nach dem Tee verschwand Einer nach dem Andern. Da wandte ich mich freundlich aber eisig an Otbert und fragte ihn welcher Umstand ihn nach Engelau führe. Er sprang auf, ergriff meine Hand und rief lebhaft:

"Die sehnsucht Dich zu sehen, Sibylle!"

Ich liess ihm meine Hand mit tödtender Gleichgültigkeit und erwiderte:

"Lieber Otbert, Eines merke Dir: Komödie wird nicht mehr gespieltund jetzt wollen wir schlicht und verständig über den Zweck Deines Kommens reden; – denn Du hast einen Zweck."

"Traust Du Dir wirklich so wenig Attractionskraft zu, Sibylle?"

"Du selbst hast mich gelehrt wie wenig Veranlassung ich habe mir die geringste zuzutrauen."

"Erinnere mich nicht an meine Torheiten, teure Sibylle! ein Weib mit allen Tugenden und Grazien so reich geschmückt wie Du, bleibt auf die Dauer der einzige Magnet für einen Mann. Nimm mich auf! rief er mit einem Gemisch von Zärtlichkeit und Unterwürfigkeit; – nimm mich wenn auch nicht gleich zu Gnaden auf! lass mich ein Noviziat bestehen .... aber hier, bei Dir!