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ich; o dreimal Glückseliger, der ewig im Tempelhain seiner Gotteiten geblieben ist. Die Unseligen sind nur die, Fidelis, welche einem ewigen Abfall unterliegen, und den Rubin, welcher nach jener Sage purpurflammend vom Himmel in die Kaaba fiel, vor ihren Augen in kohlenschwarz verwandeln sehen. Die sind unselig, denn sie können nicht lieben, nicht hoffen, nicht einmal leiden! sie wissen dass der Karfunkel der Liebe, der hoffnung, der heiligen Schmerzen, in eine tote Kohle sich verwandelt, weil etwas so Entzauberndes an ihrer Hand ist, dass dieselbe, wohin sie streift, Farben erbleichen, Blüten fallen, Licht erlöschen macht. Sie wissen dass das Ende kommt, die Harpye in deren Erwartung die Gegenwart zunicht wird so dass ein Chaos daraus entsteht worin nichts hausen mag und kann als Chimären. O Sie sind glücklich! was Sie auch bedrücken möge weil es ohne Anfang istes ist nicht so schwer als die Last der erkenntnis .... dass Alles ein Ende hat!"

Ich liess seinen Arm los, umschlang mit beiden Armen einen Baum und rief:

"Sehen Sie! der Baum erquickt mich! er hat keine Seeledrum weicht und wankt er nicht. Was Seele hat .... wankt! Irrtum, Täuschung, Wankelmut, Verlust, Todumspinnt uns von Aussen und Innendie ganze Masse dieses Gewebes heisst Leben, und mit demselben sollen wir uns befreunden indem wir Vernunft, Entschlossenheit, Resignation und Frömmigkeit zu unserm Trost herbeirufen. Aber es ist ja ein Elend sich zu trösten, Fidelis! es ist ja ein Elend abzufallen von unsrer Liebe, unsrer Zuversicht, unsrer Erinnerung, und dann mit gelassener Nüchternheit zu sprechen: Nun ja! ich hab' mich geirrt .... und irren ist menschlich! – Oder: Gott hat mir gnädig einen Ersatz meines Verlustes geschenkt! – Und so sprechen doch die Vernunft und die Frömmigkeit, und das wird von Andern sehr verehrtwährend es mir jämmerlich vorkommt! Ich' hab es ebenso gemacht, mich auch beruhigt, mich auch getröstetaber ich gehe an diesem Ersatz und diesem Trost zu grund .... denn jeder Wechsel ist ein Abfall .... und weiter nichts."

Ich presste meine Stirn an die Rinde des Baumes, als wolle ich mich durch äussern Schmerz gegen die Gedanken betäuben. Sedlaczech sprach langsamer:

"Eine immense Seele .... aber leer!"

"Das haben Sie schon einmal von mir gesagt! rief ich. Ich bin's ja nicht allein die so beschaffen ist wie ich es beklage! alle Anderen sind ja ebenso .... nur dass sie sich die Schmach zur Ehre rechnen, und die traurige Naturnotwendigkeit Product ihrer Vernunft, Philosophie oder Religiosität nennenzur Jämmerlichkeit die Lüge gesellend! Alle Anderen halten mir ja ebensowenig Farbe und Stich als ich mir selbst. Fände ich nur einen Menschen, einen Einzigen! der keinen Abfall begangen hätte, so würde mir der zum Eckstein werden an den ich meine Hütte lehnen könnte. Aber ich finde keinen in der ganzen Weltgeschichte von Adam andenn Christus ist unsers Gleichen nicht! vor Dem liegen wir auf den Knien! unsre eitle Armseligkeit ist denn doch nicht eitel genug um sich neben Den zu stellen. Also ich finde keinen Einzigen, Fidelis! wie Einer ist sind Alle. Ich las heute früh einen Ausspruch Luters: jeder Christ sei zum Priester berufen. S o hiess der Commentar den ich dazu machte: Und diese Priester haben auch ihren gemeinsamen charakter indelebilis: den Abfall. Welch ein Priestertum! welch eine Menschheit! – Es kommen nicht Alle zum Bewusstsein darüber, ich will es glaubenich sehe es sogar; doch ich kann nicht mein Auge willkürlich dagegen schliessen. Ich bin nun einmal in die Sphäre geraten, die von Licht, doch gewiss nicht vom himmlischen, beleuchtet ist. Ich stehe in deren Centrum, und die Welt, die wie immer nichts weiss und noch weniger ahnt, nennt mich einen Engel. Ja, ich bins! immer fragend und die Frage verneinendimmer gestaltend und die Gestaltung wieder zerstörendimmer isolirt, weil ichich weiss nicht durch welche Mächte aus dem Zusammenhang geschleudert bin und in dem gesammelten Stückwerk keine Einheit findebin ich so recht das Bild eines abgefallnen Engels: ich stelle mich Gott gegenüber und frage ihn und meistre ihn: Warum hast du mich so geschaffen? Sollte ich Tochter des Staubes seinwozu denn dieser Durst nach Ewigkeit? Ist aber Etwas in mir für die Ewigkeit bestimmtwozu diese Wirbel und Wolken von Staub, die mich so betäuben und verwirren, mich in solchen Strudel reissen, dass mich vor Zeit und Ewigkeit ein Ekel anwandelt."

"Sibylle!" rief Sedlaczech wie um mich zur Besinnung zu bringen; – "Sibylle!"

"O ich bin sehr besonnen! unterbrach ich ihn; – aber ich w i l l reden! ich w i l l einmal sagen wie mir zu Sinn ist, und diese Last meiner Gedanken in eine fremde Brust wälzen! Wir haben ja keine Priester zu denen wir beichten können. Unsre Geistlichen sprechen: das sei sündiger Missbrauch. Ich weiss es nicht! aber d a s weiss ich: ich bin in Euren Kirchen in solchen Stimmungen gewesen, dass wenn ich einen Priester im Beichtstuhl sah, ich mich hätte vor ihm niederstürzen und schreien können: "Rette mich .