"Nil inultum remanebit;" – und erfüllte mich mit unsäglichem Verzagen. Ströme von Traurigkeit ergossen sich um mich; schwarze Schaalen voll Schwermut leerten sich über meinem Haupt. Für die Sünde für die Tugend hatte die göttliche Gerechtigkeit Strafe und Lohn; allein was konnte sie mit einem Wesen machen, das ihre höchste Gabe, das Leben! nicht gebraucht, und eigentlich nicht gelebt hatte? – Es vergessen! weiter nichts. "Quid sum miser tunc dicturus?" klagte die Orgel. Ja, ich war die Elende, die nichts zu sagen wusste, als das eine Wort, welches schon jetzt der Fluch und das Schreckbild meines Daseins war: Nichts! und abermals: Nichts! Schwer mogte es sein mit Sünden und Verbrechen belastet zu erscheinen; jedoch aus dem mund dieser Beladenen wie inbrünstig ertönte es: "Recordare, Jesu pie!" Fleisch und Blut und ihre Sünden konnten nicht strenger gerächt werden, als ein Schattenleben, das in Nichts Verlockung und Genuss gefunden – in Nichts seine Rechtfertigung zu suchen hatte. Wer wird mich erlösen! ächzte ich in der schauerlichen Finsterniss welche sich in der Kirche verbreitet hatte.
"Salva me, fons pietatis!" klang es von der Orgel herab; und darin liess Sedlaczech wie in ewiger Wonne die Töne verhallen. Wir verliessen Alle tief ergriffen die Kirche. Keiner sprach ein Wort. Der Mond ging langsam auf. Ich nahm Sedlaczechs Arm und schlug mit ihm den längern Rückweg durch den Garten ein; die Uebrigen gingen gradesweges nach haus. Ich teilte ihm den gewaltigen Eindruck des Requiems auf mich mit:
"Wie ein Donnerruf des Gewissens klang es."
"Ich denke nicht dass das Ihre mit so fürchterlicher stimme zu Ihnen spricht," sagte er mit seinem gewissen kalten Ton, der mir häufig das Wort auf den Lippen tödtete, weil er mehr zum Schweigen als zum Reden auffoderte.
Allein es war Sturm in mir gewesen; da gingen die Wellen noch hoch! ich fragte kurz:
"Wie kommt es, Meister, dass Sie, ein so innerlicher Mensch, so wenig lieben von inneren Zuständen zu sprechen?"
"Das dächte ich nicht! ich spreche darüber wenn ich grade in der Stimmung bin; aber ich habe sie freilich nicht immer und ich setze sie noch seltner bei Andern voraus. Was in uns vorgeht hat doch eigentlich nur für uns selbst Wichtigkeit, sobald es sich nicht durch das Organ der Kunst oder der menschenfreundlichen und gemeinnützigen Tat an den Tag legen lässt. Ich meide gern das Unnütze, am Meisten das unnütze Wort."
"Wer sagt Ihnen dass jedes gesprochene Wort ein unnützes sei? es kann nicht Jeder grosse Taten tun, nicht Jeder Kunstwerke schaffen, der doch ein hohes Streben und einen Schatz von Poesie in seiner Seele trägt: mir ist es ebenso wichtig wenn das im Wort zum Vorschein kommt als durch Handlungen."
"Sie setzen innere Herrlichkeiten voraus – Perlen und Korallen unter den Wellen des Busens; ich leugne sie nicht! nur sind sie umschlungen von wüsten wirren Tier- und Pflanzengebilden, und abschreckende Ungeheuer verdecken sie oft gänzlich. Wenn der Mensch genau wüsste, wie es in der Seele seines Geliebtesten aussieht – so würde er sich von unüberwindlichem Schauer ergriffen fühlen. Nicht von Abscheu, Entsetzen oder Verachtung – obgleich auch das vorkommen könnte! Nein! nur von Schauer über die masslosen Zerrüttungen und Verwilderungen, über die stillen Unsinnigkeiten einer sogenannt schönen, edlen, reinen Seele. Es ist sehr gut dass die Brust mit ihrem gleichmässigen stummen Wellenschlage die schauerlichen Geheimnisse der Tiefe zudeckt, und sehr verwegen sie durch irgend eine magische Beschwörung hervorlocken zu wollen."
"Und doch glauben wir dass Gott die dunkeln Abgründe unsers Wesens kenne ohne sich von uns abzuwenden."
"Gott ist barmherzig und gnädig: das ist die Essenz seiner Liebe. Bei dem Menschen aber geht in Gnade und Barmherzigkeit häufig die Liebe unter – d i e Liebe welche ihn beseligt hat."
"Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Ich habe diesen Ausdruck der bilderreichen Sprache des Orients nie anders verstehen können, als dass ein Hauch seines Wesens auch uns beseele – auch uns befähigen solle den Reflex der göttlichen Liebe warm und licht in uns zu bewahren; folglich kann unsre Liebe in der Barmherzigkeit nicht untergehen, Meister Fidelis."
"Gott ist barmherzig, der Mensch nur mitleidig, teure Sibylle! nämlich der gewöhnliche Mensch von dem wir sprechen, der seine Selbstsucht mit sich herumschleppt, welche das Bild nach welchem er geschaffen ist in ihm verdunkelt. Der Heilige, der unselbstische Mensch, kann allerdings auch barmherzig sein, weil in ihm jene Flut göttlicher Liebe wogt, die ohne Anfang, ohne Steigerung, ohne Ende ist."
"Ohne Ende! ja Fidelis, das ist das Wort des Geheimnisses unsrer Qual."
"Es könnte auch das Wort: ohne Anfang! sein."
Ich sah ihn befremdet an. Er hatte mit einem seltsamen Ausdruck gesprochen, wie bebend von zurückgehaltenem Schmerz.
"Ohne Anfang .... wie das Keimen und Aufblühen unsrer Gedanken, wie die Manifestation unsers Willens, wie die entwicklung unsrer Neigungen – was Alles schon im Wiegenkinde zum Vorschein kommt! – fuhr er fort. Und so finden wir auch in uns Richtungen, Bestimmungen, Schicksale, die fertig und mächtig in uns aufstehen, und die – wenn wir zitternd fragen: Woher kommst du? – gelassen entgegnen: wir waren immer bei dir! –
"Glückseliger! rief