"O nein! s o ist es! statt der Mystik – Verwirrung, und statt des Lichtes – farblose Wässrigkeit!" rief ich.
"Sie sind sehr hart, Gräfin Sibylle!" sprach er.
"Nur gegen mich, Fidelis! meine Bemerkung galt hauptsächlich mir! .... aber freilich nebenbei manchen Anderen. Denken Sie doch nur: der b e w u ss t e Geist, der die Persönlichkeit genau bestimmt und ausprägt – der macht licht. Und die Inspiration, die Begeisterung, die Gefühlsströmungen von Andacht und Liebe, welche jene Persönlichkeit durch- und umfliessen und sie im u n b e w u ss t e n Zusammenhang mit dem Ganzen, mit dem All zeigen – die sind mystisch. Glauben Sie wirklich dass dieser hochheilige Tag und diese tiefheilige Nacht eine alltägliche Erscheinung in unsern verschrumpften, verfinsterten, engen, matten Seelen sei?"
"Ich glaube' es nicht, erwiderte er sanft, und daher glaube' ich auch nicht dass sie in mir zu finden sind. Aber ich denke so Einer wie Sie ihn meinen muss Beetoven gewesen sein! frei im Geist, wie ein ächtes Kind Gottes; und im Einklang mit den Gestirnen, den Elementen, seinen Geschwistern! In der Symphonie seines Daseins, welche unter der Hand Gottes dahin gerauscht ist, bildet sein Geist die ewig lichte, sonnenschöne Melodie, die auf dem Zusammenbrausen unirdischer Ströme – auf dem Zusammenklingen unirdischer Glocken – auf einer Unendlichkeit von Harmonien ruht, die alle in der Urtiefe seines Wesens wiederhallen und neugestaltet aus ihr empor quellen."
Wenn Sedlaczech durch den Gegenstand hingerissen sprach – wenn er gleichsam das Wehr öfnete und die Flut der Empfindung nicht länger hemmte – wie veränderte sich dann sein Gesicht, sein Ausdruck, seine stimme! Die Stirn wurde so transparent, dass man meinte hinter ihr die Gedanken weben und walten zu sehen; – das hagre bleiche Antlitz war erfüllt und erwärmt von der Ueberfülle der Seele; – die kalte monotone stimme klang und vibrirte wie ein tonreiches Instrument das erst jetzt seinen Meister gefunden. Ebenso war es auch wenn er spielte. Ich würde geglaubt haben, dass jene Veränderung nur für m e i n Auge mit ihm vorgehe, wenn nicht fräulein Matilde mich überrascht und neugierig gefragt hätte, ob ich dieselbe bei vielen Menschen ausser bei Sedlaczech wahrgenommen habe; was ich verneinte.
"Welch ein herrlicher Schauspieler hätte er werden müssen, setzte sie hinzu, da er im stand ist seine Mienen und Bewegungen so in Uebereinstimmung mit seinen Worten zu bringen."
Sie war mir immer ziemlich einfältig vorgekommen, die gute Matilde! jetzt fand ich sie gradezu dumm: sie konnte wähnen dass er absichtlich diesen und jenen studirten Ausdruck annahm! – Und wenn ich es recht bedachte machte sie keine Ausnahme von der Regel; denn in der Regel betrachtet die Gewöhnlichkeit die Zeichen und Gepräge des Aussergewöhnlichen wie Jonglerie, Kömödie und Maskenspiel, welche aufgeführt werden um Staunen und Aufmerksamkeit zu fesseln. Das kann sie nun einmal durchaus nicht begreifen – abgesehen von allem Uebrigen was sie ebenfalls nicht begreift! – dass der Aussergewöhnliche sich gehen lässt in der Sorglosigkeit seiner natur, statt zu schwimmen in ihren bodenlosen Ansprüchen von Bemerkt- und Begafftwerden.
Zwischen Sedlaczech und Mezzoni entwickelte sich Matildens bis dahin etwas seelenloses Talent. Letzterer spielte wunderschön das Violoncello, Ersterer die Geige, Matilde den Flügel; damit wurden herrliche Sachen von Haydn, Mozart und Beetoven ausgeführt. Oder Mezzoni und Sedlaczech spielten auf zwei Flügeln – oder endlich dieser allein! Ich liebe nicht das Piano; Holz bleibt Holz! hat das Holz eine Seele, so ist sie darin eingesargt, während sie um die saiten vom Bogen berührt, mit Schmetterlingsflügeln schwirrt und wirbelt. Aber wenn er spielte so war es kein Holz, überhaupt kein Piano mehr, sondern ein niegehörtes Instrument, das er nach eigener Erfindung behandelte. Ich Ungeschickte musste immer zuhören! ich hatte es auf dem Piano nie bis zur Mittelmässigkeit, und auf der Harfe nur so weit gebracht um meinen Gesang zu begleiten. jetzt wurde ich zuweilen meiner passiven Teilnahme überdrüssig und begann meine stimme wieder zu üben, woran ich stets Vergnügen gefunden hatte. Dadurch kamen wir auf die Vocalmusik und nun in Sedlaczechs geliebtes Fach – den Kirchengesang. Er verstand es seine Liebe, seine Bewunderung, seine Andacht uns Andern einzuflössen, und ohne dass Einer von uns eine wahrhaft schöne oder glänzend ausgebildete stimme gehabt hätte, wurde es uns doch möglich durch Fleiss, Ausdauer und Ernst von den altitalienischen Kirchenmusiken Manches vierstimmig auszuführen. Mit ihren Worten voll übermenschlicher Klage und sehnsucht – voll göttlicher Verheissung und Barmherzigkeit – den Psalmen und Propheten entnommen – von Palestrinas, Leos und Durantes glaubensstarken Seelen in die mächtige Sprache ihres Genius übertragen, der sich von allen Qualen, Sünden und Leidenschaften der Welt in dem geweihten Born eines unantastbaren Glaubens frischbadete: machte diese Musik mir einen ganz unerhörten Eindruck. Ich kam mir wie geadelt vor indem sie über meine Lippen ging. Die dumpfen Aengste meiner Seele lösten sich auf in dieser Ruhe welche das Leben und den Tod überwunden hat und von den Wonnen des Paradieses nichts erwartet – als dessen unzerstörbaren Frieden. Immer war mir dabei zu Mut wie einem sterbensmüden Pilger, der erschöpft im Schlaf gefallen ist und der in seines Traumes seligen Visionen nicht merkt, dass sein Leib auf steinigem Boden liegt und seine Füsse von Dornen bluten. Ich begann nie anders als mit Andacht; ich schloss nie anders als in Extase. Dieses Ringen zwischen Körper und Seele –