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und sich geberden; und glaube dass im Zieraffen ebensowenig Grösse und Genius stecken. Ich glaube dass ein Engel nicht aussieht wie ein Teufeldass ein Teufel die Maske eines Engels vornehmen und Diejenigen täuschen kann die gedankenlos mit ihm umgehen und sich täuschen lassen wollenund dass der unbefangen beobachtende blick sie unterscheidet. Und ich glaube endlich dass unser in dieser Beziehung ursprünglich scharfer blick stumpf wird, weil er die allgemeine Sitte mitmacht den Menschen nach dem Rock zu beurteilen. Und Rock nenne ich nicht bloss seine Kleidersondern die ganze Form unter der er zur Erscheinung kommt, und die von den gekräuselten Haarspitzen bis zu den viereckigen Schuhspitzen conventionel ist."

"Wäre es nicht ein unerhörtes Unternehmen, entgegnete Sedlaczech, aus einem modernen Schuh auf das schöne Gebilde eines menschlichen Fusses mit seiner feinen und festen elastischen Gliederung schliessen zu wollen? Und wie der Schuster mit unserm Fuss, so verfährt der Mensch mit dem Menschenantlitz."

"Aber dem unbezwinglichen Herzens- Geistes- und Leidenschaftsleben bleiben dennoch immer Canäle geöfnet in denen es sich ausströmt und ausstralt. Und ich meine auch nur dass der Grundzug einer natur, die Hauptrichtung eines Characters erkennbar sindetwa so wie Beetovens Antlitz die sturmbewegten und durchfurchten Züge eines Titanen an Macht und Tiefsinn nicht verleugnen kannund Rafael nicht die liebende Anmut seiner Seele."

"Ich bin ganz Ihrer Meinung! sagte Sedlaczech, und da ich finde dass die Hauptrichtung eines Menschen die einzige ist, welche bei seiner Beurteilung von Wichtigkeit ist, so freut mich stets die Wahrnehmung, dass sie sich zwischen den kleinen verwickelten Zickzacklinien der Zufälligkeiten Platz macht."

"Wenn Sie mich nicht kennten, Fidelis, sprach ich gedankenvoll, was würden Sie über meine äussere Erscheinung sagen?"

"Das ist schwer .... fast unmöglich! .... Vielleicht würde ich sagen: eine schöne schicksalträumende Walkyre! – Vielleicht .... eine Somnambule, so ahnungsvoll, aber befangen und gebunden; eine immense Seeleaber leer."

fräulein Matilde hatte dem Gespräch zugehört in ihrer Weise, d.h. jedes meiner Worte als einen Orakelspruch bewundernd. Als ich jetzt ernst und sinnend schwieg, nahm sie gekränkt das Wort und rief lebhaft:

"Herr Sedlaczech! besinnen Sie sich! wie können Sie die Gräfin eine leere Seele nennen! sie ist ja so voll Güte und Wolwollen! Ich hätte gemeint dass Sie auf Ihren Reisen mehr Menschenkenntniss erworben haben müssten."

"So wird man verkanntund gar von seinen Freunden!" rief ich scherzhaft und abbrechend. Aber zu Sedlaczech sagte ich später:

"Sie hatten ganz Recht, Fidelis! statt zu lebenträume ich mir Schicksale, und ich suche die Seele durch Handlungen der Güte und des Wolwollens zu füllendenn sie ist leer."

Er schwieg. Ueberhaupt schwieg er viel, und ich hätte doch gewünscht er möge viel sprechen. Ich fragte ihn auch einmal weshalb er so wortkarg sei? er habe doch Gedanken vollauf.

"Worte sind nicht die eigentliche Sprache meiner Gedanken; antwortete er. Ich bin so daran gewöhnt die besten und tiefsten in Musik auszusprechen, dass ich, wenn ich reden soll immer jene Unbeholfenheit fühle mit der wir uns in einer fremden Sprache ausdrücken. Ueberdas habe ich nicht jene Gabe der Unterhaltung, die man nur im Verkehr mit der grossen Welt entwickeln kann."

"Ganz Recht, Fidelis: mit der g r o ss e n Welt, in der alle Menschenbildungen ihren Platz einnehmen, sich durch einander drängen und bewegen, und jede auf ihre Art die Sprache verstehen und handhaben. Da muss der Gedanke schnell und beweglich, der Ausdruck fein, schmiegsam und doch präcis sein, und immer wechseln je nach dem Verständniss Desjenigen mit dem man eben redet. Dazu gehört ein erstaunlicher Scharfblick und eben so erstaunliches Wolwollen. Die grosse Welt bietet zu diesen Uebungen einen vortreflichen Tummelplatz. Aber ihre Fractionen, diese Masse von kleinen Welten welche sich sämtlich nur darum gross finden und nennen, weil sie für die wirklich grosse weder Massstab noch Ahnung noch Verlangen haben: die sind recht eigentlich dazu geschaffen den Menschen um die edle Gabe der Sprache zu bringen. In der eleganten Weltwelch ein frivoles Gezwitscher! in der gelehrten Weltwelch ein pedantisches Dociren! in der literarischenwelch ein babylonisch verwirrter Wortschwall! Wer sich nur in einer derselben bewegt und mit ihrer Redeweise unwillkürlich auch ihre Gedankenrichtung annimmt, wird in den andern so unverstehend und unverständlich sein, wie ein Kamtschadale zwischen Hottentotten und Botokuden. Und es kann unsereinem wohl begegnen in eine derselben hinein zu geraten! .... aber Ihnen, Meister, Ihnen steht die ganze grosse Welt geöfnet."

"Was hilft das einem schüchternen Menschen? ich bin schüchternmeine Seele ist's! Das mag mit meinem Schicksal, mit meinen Fähigkeiten zusammenhängen. Meine Gedanken und Empfindungen kommen mir so beschränkt, alltäglich und armselig vor wie Nachtviolen, die unschönen grauen Blumen, die nur dann zu duften wagen, wenn die Nacht mit ihren ewigen Gestirnen heraufzieht; dann verschwinden sie unbemerkt unter den goldnen Sternen. M e i n e Nachtist die Musik. Sie breitet ihren Sternenmantel über mich und in ihrem Schutz öfnet sich unbefangen meine Seele."

"I h r inneres Leben mögt' ich kennen, Meister, sagte ich gedankenvoll. Es muss gleich dem Karfunkel sein: mystisch und licht."

"Ist nicht jedes innere Leben so?"