auch zu einer sehr, sehr bittern Frucht, durch die man nichts gewinnt als – eine schmerzliche Warnung oder Erfahrung. Doch gleichviel! bei dieser inneren Arbeit ist der Boden so zergraben und gelokkert, dass er fähig ist ein neues Samenkorn zu empfangen. Wird aber die Frucht hastig und unreif abgerissen – wie Sie es tun – so ist die ganze entwicklung gewaltsam unterbrochen, und ringende Kräfte reagiren schädlich .... ja feindlich, weil sie nicht ihren natürlichen gang gehen durften. Sie stocken, und es wird daraus das Allertraurigste was den Menschen befallen kann und was ich versetztes Leid nenne: Bitterkeit. Hüten Sie sich davor, teure Sibylle."
"O Meister! rief ich bewegt und mit feuchten Augen, wie tun Sie mir wohl! bleiben Sie nur immer bei mir! bei Ihnen fühl' ich mich zu haus und bei meines Gleichen; denn Sie denken, empfinden und sprechen wie ein Mensch – während ich so lange! so lange! nur sprechen höre vom Standpunkt aus, den Beruf oder Gelehrsamkeit oder Verhältnisse zur Pflicht und zur Gewohnheit machen. Das ist natürlich .... ach, es mag sogar respectabel sein! aber .... ich kann's nicht aushalten – ich kann es nicht! All dies kluge Wissen, all dies brave Tun kommt mir vor wie der Teich Betesda, dessen Gewässer stagniren und ohne Leben und Wirksamkeit sind bis ein Engel über sie dahin rauscht und sie segensvoll macht. Nach diesem lebendig machenden Geist schmachte ich – und von Ihnen weht er mich an. Bleiben Sie hier."
"Und wenn Graf Astrau kommt?" .... – –
"Er wird nicht kommen! Käme er aber, so würde er ein Gast unter meinem Dach sein gleich Ihnen – und das Gastrecht meines Hauses geniessen wie ein Fremder – und nicht wie Sie, mein Freund."
"Ich werde bleiben so lange ich kann! entgegnete Sedlaczech nach einigem Schweigen und mit gepresster stimme. Kann ich nicht mehr so" .... –
"So sind Sie frei – das versteht sich! unterbrach ich ihn. Aber jetzt .... bleiben Sie bei mir. Und glauben Sie mir: es ist Ihre Pflicht! wo der Mensch die heilsamste Wirsamkeit übt – ist sein Platz. Es ist nicht Jedem gegeben woltätige Lebensluft um sich zu verbreiten. Trockne, dürre, harte Seelen hauchen Stickstoff aus, worin das Leben erlischt, das in ihre Atmosphäre gerät. Aber Sie entzünden das bereits halb erstorbene" .... –
"Wozu dies Alles! unterbrach er mich unruhig. Ich kenne ja Ihre Art: heute fanatisiren Sie sich für einen Menschen der Ihnen ein Prophet zu sein scheint, und binnen drei Wochen sind Sie seines falschen Prophetentums überdrüssig, klagen ihn der Täuschung, sich selbst des Irrtums an, und geben sich einer ebenso übertriebenen Schwermut hin als Ihre Freude übertrieben war."
"Mit Otbert war es allerdings so," antwortete ich beschämt.
"Und nicht mit ihm allein, sondern mit Allen und Allem was Sie je ergriffen haben."
"Wolan es ist so! rief ich entschlossen, denn meine Seele will Ruhe finden in dem was sie liebt, und findet statt dessen Unruh, Angst, Verzweiflung – weil die Gegenstände ihrer Liebe wesenlos an ihr vorüber und in das Nichts hinein schweben dem sie angehören. Ich kann das nicht ändern, weder meine sehnsucht noch meinen Schmerz kämpfen. Beide sind gleich gross, gleich gewaltig. Wie jene Halb-Verdammten des Dante befinde ich mich in einem beständigen Wirbelwind. Das Unbekannte lockt mich mit den süssesten Verheissungen, die in dem Bekannten ebenso sicher untergehen, wie eine gewisse flammende Morgenröte einen Tag voll Regen bringt. Zwischen jenen Chimären und dieser Nichtigkeit stehe ich auf einem so ungewissen Punkt wie der Krater eines Vulkanes ist! ich habe ihn nicht gewählt, nicht gesucht! ich bin durch meine angeborne Richtung zu ihm hingeführt worden .... und Sie machen mir Vorwürfe! ist das gerecht?"
"Ja, ich mache Ihnen Vorwürfe, Sibylle! Wer klar genug über sich selbst ist um die Richtung zu erkennen in welche seine natur ihn drängt – wer dieselbe unablässig verfolgt: dem ziemt keine Klage wenn deren letzte Consequenzen ihm begegnen – denn er sollte auch über sie allmälig klar werden und sie als Bedingungen der Existenz annehmen. Ein Ringen aus der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit – das ist das Leben; das ist das Ziel des Menschen; dahin muss er streben durch Licht und Schatten, in Sieg und Niederlage, durch handeln und denken, mit Kreuz und Schwert; darin muss er seine Seligkeit suchen – denn seine Bestimmung i s t Seligkeit. Nur muss zuvor mancher herbe Kelch geleert werden, der auf ewig geheiligt ist weil ihn der Allerheiligste nicht verschmäht hat. Aber Sie .... lassen ihn fallen! Aber Sie .... mögten in der Vollkommenheit geboren sein und bequem die Seligkeit als Hausmannskost geniessen in Ihrer olympischen Trägheit!"
"Ja! denn ich bin mir bewusst sie nimmermehr verdienen zu können!"
"Verdienen? Wer spricht von verdienen .... ich gewiss nicht, Sibylle! die Seligkeit kann nicht verdient – sie muss errungen werden. Sie verdienen wollen wäre Knechtes- und Mietlingswerk, von denen geschrieben steht: "sie haben ihren Lohn dahin." Der Freie ringt. Das braucht kein sichtbarer Kampf zu sein voll Getümmel und Geschrei; – er kann