– was mir, obgleich Beide blutarm waren, unendlich vernünftig und erfreulich vorkam. Ich fragte ihn lächelnd, ob er nicht fürchte dass sein Apostelamt der Gräcisirung in den Schatten treten würde neben den Pflichten des Hausvaters. Er entgegnete ebenfalls lächelnd: ihn wolle jetzt bedünken als sei die Familie eine eben so trefliche Schranke gegen Barbarei als das Griechentum, und er wolle es lieber auf beide Weisen versuchen – worin ich ihn mit Aufrichtigkeit und Teilnahme bestärkte.
Sogar Herr Müller hatte bei mir einen Fortschritt wenn nicht in der Wissenschaft doch so zu sagen im Menschentum gemacht, indem er sich ganz unsäglich für die polnische Revolution, ihre Anhänger, ihre Auswanderer, interessirte. Der Grund war nämlich – Copernicus! Er fand es nicht zu viel wenn ganz Europa diesen Mann in seinem Volk geehrt hätte, und aufgestanden wäre zu dessen Wiederherstellung. Mit dem unsterblichen und unvergleichlichen Verdienst dieses Mannes könne Keiner in die Schranken treten, denn er habe durch sein System, worin die Erde sich um die Sonne drehe, doch zuerst Ordnung in die Welt gebracht und diese gleichsam erst auf die Füsse gestellt. Er seines Teils könne nicht begreifen, dass die Menschen bei einem so grundfalschen Princip wie die Bewegung der Sonne um die Erde, nicht ihrerseits in die grössten Verkehrteiten verfallen, und etwa auf allen Vieren umhergewandelt oder auf den Köpfen umhergehüpft seien. Freilich wisse man auch nicht was in den germanischen, hercynischen und sonstigen Wäldern passirt sei! und daher sei es ein Greuel des Undanks nicht vor einem Volk auf den Knien zu liegen, das einen Copernicus geboren. Das System ging dem alten wunderlichen Mann über Alles, und von allen menschlichen Empfindungen war es nur die Dankbarkeit, welche seine mumificirte Seele vor gänzlicher Abtödtung rettete. Mit einiger Freude nahm ich wahr, dass dies Gefühl bei mir in ihm wach geworden sei. Sah ich mich überhaupt in meinem Kreise um, so konnte ich mir nicht verhehlen, dass mehr oder weniger alle Menschen die ihn bildeten sich in ihrer Weise entwickelt hatten; und nur ich selbst machte eine Ausnahme. Bei den günstigsten äussern Bedingungen fehlten mir nach wie vor Glück, Ruhe, Sammlung – Alles was notwendig ist um jene schätzen und geniessen zu können.
Der Gedanke dass meine drei Studienjahre zu Ende gingen mit dem nächsten November, bereitete mir einerseits ein unsägliches Wolbehagen; – wie erlöst kam ich mir vor! Jedoch auf der andern überschlich mich ebenso namenlose Angst womit dann – ich sagte nicht die Zeit, denn die blieb leer! aber die Stunden, aber die Tage, auszufüllen sein mögten. Nur nicht mehr lernen und lesen! – war e i n Hauptwunsch; nur nicht mich langweilen! war ein zweiter. Wohl fielen mir Reisen ein; doch wohin? mit unbesieglicher Bestimmteit lockte mich kein Ort und keine Stätte in der weiten Welt. Sollte ich mich selbst, und Benvenuta und Astralis mit mir ins Blaue herum schleppen? Darin lag für mich keine Erquickung, und vielleicht ein Nachteil für die Kinder; also war ich entschlossen in Engelau zu bleiben – nur hätte ich gern Menschen um mich gehabt, verschieden geartete, verschieden gebildete Menschen, die das L e b e n verstanden – nicht ihr Fach, ihre Wissenschaft, ihre Kunst, u. dgl. mehr. Ich setzte mich eines Tages plötzlich hin und schrieb:
"Meister Fidelis, wo sind Sie in der Welt? Wie oft seit Jahren tue ich Ihnen in Gedanken diese Frage, und wie traurig war mir's oft, dass Sie mir nie darauf geantwortet haben. Vielleicht haben Sie's getan in derselben Weise wie ich Sie fragte; aber die Geister, durch die Körper von einander abgesperrt, können sich nicht verständlich machen und in trauriger Einsamkeit schleicht Jeder dahin und wähnt sich vergessen. Sie haben es schlecht auf dieser Welt, die Geister! wie Sennen auf Bergeshöhen kommen sie mir vor; durch Klüfte und Abgründe sind sie unüberwindlich von einander getrennt, und von ihrem Dasein zeugt nichts als der schallende laut den sie zuweilen ausstossen wenn ihnen die Seele übervoll ist. Ob übervoll von Lust oder Leid, von Angst oder jubel, von Jammer oder Seligkeit – das hört man nicht heraus! O Fidelis, was ist das aber für eine unharmonische Welt in welcher die Frage ohne Antwort, und der Grundton ohne Terz bleibt. Statt in majestätischen Harmonien zu erklingen, verursacht sie uns eine Art von gellendem Ohrensausen, aus welchem Dissonanzen häufiger aufkreischen als Melodien emporschweben. Da bin ich ja bei der Musik angekommen, von der ich mit Ihnen zu reden habe. Ich bitte, schaffen Sie mir einen tüchtigen Musiklehrer für meine Tochter, der ausser den erfoderlichen Kenntnissen und Fertigkeiten eine musikalische Seele habe. Das ist selten, ich geb' es zu! Zum Handwerk und Broterwerb durch Musik braucht man weder eine musikalische noch sonstige Seele, nur gleisnerische Geschicklichkeit. Aber ich weiss nicht .... es ist etwas so Ausdörrendes, Saftloses in diesen Geschicklichkeiten, dass ich mich fürchte sie meiner Tochter quasi einimpfen zu lassen! Die mit ihnen behafteten Menschen kommen mir vor wie die Chinesen: petrificirt in ihrer wundersamen Geschicklichkeit, daher unerquicklich wie alle Curiositäten, welche stets einen linden Beischmack von Monstrosität haben. Also schaffen Sie mir einen Lehrer nach meinen Andeutungen, lieber Meister, und schreiben Sie mir einmal. Vielleicht ermuntert mich das. Meine vereinsamte Seele verfällt immer tiefer und tiefer in einen murmeltierartigen Winterschlaf, aus dem es nur für das Tier, nicht für den Menschen ein Erwachen gibt. Wird