. Wenn er Alles liest was über das Glück geschrieben ist – Alles tut was Andre getan haben um glücklich zu sein – Alles studirt und bewundert, wodurch Andre das Glück erstrebt oder erlangt haben: so hilft das gar nichts, sobald er nicht seine volle ganze Seele mit in den Kauf gibt und daran setzt. Es ist mit dem Glück wie mit dem Reich Gottes von dem geschrieben steht: "Siehe, es ist inwendig in Euch." Und eben darum verhilft uns die ganze majestätische Erscheinung einer vieltausendjährigen Weltgeschichte nicht dazu.
Bei der Matematik war mir nun vollends zu Mut wie dem fisch auf dem Trocknen! Ich, die immer auf den Grund der Dinge losging, die sich nicht abfertigen liess mit der äussern Erscheinung sondern den Lebenspunkt in ihr suchte – ich hatte mir von der Matematik ich weiss nicht welche Grunderkenntniss alles Daseins versprochen – ich weiss nicht welche Wissenschaft, die mir das Rätsel der natur, den Zusammenhang zwischen dem Endlichen und Unendlichen, offenbaren würde; – und statt dessen fand ich eine Metode, welche die Auffindung der quantitativen Verhältnisse der Dinge erleichtert. Indessen – ich hatte mir vorgenommen drei Jahr lang Matematik zu treiben; und ich tat es – aber immer matter und matter. Hätte mein guter alter Müller nicht seine Bewunderung und Freude der ersten Zeit allmälig in Wolwollen für mich verwandelt, so vermute ich, dass er sich mit gänzlicher Nichtachtung von seiner ignoranten und oberflächlichen Schülerin abgewendet haben würde.
Die Tage vergingen; mit ihnen die Zeit sehr schnell, zu schnell. Ich habe nie begreifen können warum die Menschen so oft freudig sagen: Schon wieder sechs monat vorüber! man merkt gar nicht wo die Zeit bleibt! – – Ist denn das ein Vorzug dass sechs monat wie sechs Stunden vergangen sind? Im Gegenteil! ein Mangel ist es, eine Leere! – Nichts hat Epoche gemacht, nichts ist geleistet, nichts erstrebt worden; keine ernste Mühe, kein hoher Genuss bezeichnet die Tage. Ein Winter ist durchgemacht, etwa wie die Pflanzen im Gewächshause, in gemütlicher Ungestörteit. Ist es das was den Menschen erfreuen soll? – Wohl gibt es Perioden, die einen merkwürdigen Anstrich von Monotonie haben; aber unter ihrer stillen Hülle ist die Menschenseele in grosser, rastloser Tätigkeit, und hören sie auf, so zeugen die Resultate von derselben – wie die wegschmelzende Schneedecke das grüne Saatfeld zum Vorschein bringt, das während der kalten starren Winterruhe sich festgewurzelt hat. Eine Zeit die uns nichts bringt, nichts gewährt, oder die wir so wenig zu nützen und auszufüllen verstehen, dass weder ihre Gegenwart noch ihre Erinnerung anders in unsrer Seele zählt, als eine Aneinanderreihung von Tagen – ist mir immer als eine verlorne erschienen. Und so kamen mir jene Jahre vor. Das wollte ich zuweilen nicht in mir aufkommen lassen. Ich rechnete mir vor, was ich gelernt, was ich getan; dann zog ich die Summe und die war: Nun ja! aber was geht das m i c h , meine innerlichste Bedürftigkeit, an? – Ich trieb Spiegelfechterei mit der Annehmlichkeit so Manches zu wissen, was Anderen viel Kopfbrechens koste, und was ich Alles so hübsch zu lesen, zu begreifen, zu erklären verstände; und wenn ich mir Mühe gab so recht damit einher zu stolziren, verfiel ich in ein bittres trauriges lachen, das mich fragte: Also ist es mit Dir schon zu dem letzten Stadium bettelhaften Dünkels gekommen, dass Du zu Papierfetzen greifst um Dir daraus einen Staatsrock zu schneidern? – Oder ich überdachte das sogenannt Gute was ich geleistet, woran die Menschen so viel Vergnügen zu finden pflegen. Nun ja! ich hatte mich der Glücklichen und Unglücklichen, der Verabsäumten und Verwahrlosten angenommen; ich hatte in meinem Kreise Keinem das Leben schwer – Manchem es leichter gemacht; ich hatte vielleicht einige Veranlassung mit mir zufrieden zu sein; o mein Gott! das machte mich erst recht traurig – denn wo lag die Befriedigung wenn nicht in jenem Bewusstsein? – Ich verfiel in einen fürchterlichen Zwiespalt, weil sich mir die Frage aufdrängte: Ob nicht das Böse und das Unrecht einen grösseren Reiz gewähren indem sie in eine Spannung versetzen, welche man bei Verfolgung des Guten nicht findet? und ob die Stürme welche Kampf und Widerstand mit sich führen, nicht einen grösseren Aufschwung des inneren Lebens erzeugen, als so ein negativer Friede; – denn Schwung, der war es doch hauptsächlich, der Trank der Begeisterung! nach dem ich lechzte; und war der zu teuer erkauft durch die Region der Gewitter in welche sein Rausch uns zu schleudern pflegt? – – –
Und während dies Alles in mir tobte, wühlte, grollte, arbeitete – nahm ich Lectionen der Matematik und andrer vortreflicher Dinge, die mir ein Greuel waren! und gab meiner armen Benvenuta Lectionen der englischen Sprache, die ihr wiederum ein Greuel waren. Die Schulmeisterei riss dermassen in meinem haus ein, durch mein Beispiel angespornt war Jeder so eifrig zu lehren und zu lernen, dass mir Astralis als die einzige von uns welche noch nicht den Wissenschaften oblag, beneidenswert erschien; und dass ich dem Himmel dankte mich nur auf drei Jahr und nicht auf drei Jahr und drei Tage den Studien angelobt zu haben. Denn in diesen drei Tagen hätte ich ohne Zweifel närrisch werden müssen und meine Umgebung mit mir, meinte ich.
Letzteres war aber mit nichten der Fall. Herr Bekker und meine Gesellschafterin fräulein Matilde hatten sich durch Philologie und Musik die Seele nicht absorbiren lassen, sondern sich mit einander verlobt