. Sie starb im Späterbst desselben Jahres. Das Leben hatte ihre Kräfte zu sehr aufgeregt um sie nicht zu verzehren, als sie keinen Gegenstand fanden an dem sie sich üben konnten. Sie starb an Erschöpfung in ihrem achtundzwanzigsten Jahr. Zu der Zeit wusste Astralis schon nicht mehr, dass sie eine andre Mutter gehabt als mich. Sie wuchs zwischen uns auf als mein italienisches Pflegekind – wie meine Hausgenossen sie nannten.
Ereignisse gab es in jener Zeit gar nicht, also keine äussere Veranlassung zu Glück oder Unglück. Mein Schwiegervater brachte alljährlich im hohen Sommer vier Wochen bei mir zu. Dann gab ich zu seinem Empfang und zu seinem Abschied zwei grosse steife langweilige Diners, zu denen sich meine wenigen Nachbarn zwei bis drei Meilen weit herbemühten. Ab und an musste ich auch ihre Einladungen annehmen, was denn freilich eine grosse Plage war; denn zwei Stunden brauchte ich zur Hinfahrt, zwei Stunden sass man an der Tafel, eine Stunde trank man Kaffee und ging man im Garten spazieren, und zwei Stunden währte die Heimkehr. Das gesellschaftliche Landleben in Norddeutschland ist auf einen ceremoniösen, steifen Fuss gesetzt, der Alles erdrückt was man Vergnügen nennen könnte. Da man sich nie anders als in Galla und bei Tafel sieht, so tritt man nie aus einer förm- und feierlichen Stimmung zu einander heraus. Möge man zehn Jahr im sogenannten nachbarlichen Verkehr gelebt haben – dennoch kommt man immer wie Fremde zusammen. Das Familienleben wird dadurch gehegt, spricht man, und das ist gewiss ein grosser Vorzug. Ich leugne es nicht! ich sage nur dass jene Geselligkeit mir schwerfällig erschienen ist und höchst reizlos.
Mein Verkehr war lebhafter mit den Personen zu denen ich als Herrin von Engelau in Beziehung stand. Wie das zur Zeit meines Vaters gewesen war, so richtete ich es wieder ein: an jedem Sonntag speisten meine beiden Pfarrer, mein Arzt, mein Gerichtshalter, und etwa ein oder zwei Pächter mit ihren Frauen und Töchtern bei mir. Das war kein eleganter und kein geistreicher Zirkel; aber er war hausbacken praktisch. Ich lernte durch ihn Verhältnisse, Zustände, Ansichten und Bedürfnisse kennen, die mir sonst fremd geblieben wären – was immer ein Mangel ist; und hauptsächlich lernte ich Teilnahme gewinnen für das Leben im kleinen Zuschnitt, an welchem man, wenn man es grösser und weiter gekannt hat, so leicht wie an etwas Geringem und Kleinlichen vorübergeht – und das ist ein grosser Gewinn. Man kommt durch ihn zur erkenntnis der einzigen Gleichheit, welche zwischen den Menschen etwas Andres als ein Phantom ist: zu derjenigen, dass, welchen Platz der Mensch auf der socialen Leiter einnehmen möge, Licht und Schatten wird ihn immer umgeben, und immer werden sich Licht und Schatten ungefähr die Waage halten. Das soll nicht heissen, man dürfe nun gleichgültigen Auges auf Leid und Elend und Armseligkeit blicken. Nein, im Gegenteil! es ist eine dringende Auffoderung, so viel an uns ist den Mangel an gleicher Verteilung von Licht und Schatten zurecht zu rücken, damit dieser nicht jenes überwuchere – denn der Schatten wird ohnehin nimmer fehlen.
Was ging mir ab um mich in diesen friedlichen Verhältnissen glücklich zu fühlen: freiwillige Beschränkung – denn ich war nicht vernünftig! Resignation – denn ich war nicht fromm! Ich sprach zu mir selbst: Du erfüllst Deine Pflicht, Du tust das Gute, Du suchst es in Andern zu wecken und zu fördern – warum gibt Dir das denn nicht Befriedigung? Wo das Leben ein klarer stiller reiner Bach ist, sollte da der Durst nicht aus dessen Wassern gelöscht werden können? – – O mit welcher heimlichen trostlosen Verzweiflung tat ich mir nicht tausendmal diese und ähnliche fragen. Ich vergass nur dass ich meine Befriedigung nicht da suchte wo ich sie hätte finden können, weil ich fortwährend von einem idealen Glück träumte – und meinen Durst mit einem Nectartrank stillen wollte, der freilich aus meinem Bach nicht zu schöpfen war.
Inzwischen lernte ich fleissig und gern – wenigstens in den beiden ersten Jahren. Da waren mir die Sachen noch fremd genug um mich durch den Reiz des Unbekannten zu locken. Geheimnissvolles Licht spielte über der untergegangenen schönen Altertumswelt, wie über vergrabenen Schätzen blaue Flämmchen tanzen. Aber je mehr ich die Schwierigkeit des Studiums überwand, desto mehr schwand auch jener Reiz. Ja, ich las mit grossem Vergnügen Homer und Sophokles; ja, ich folgte mit tiefem Interesse der antiken Weltanschauung – allein mit dieser nämlichen, gleichsam unpersönlichen Freude, hatte ich auch Shakspeare, auch Dante gelesen. Der Horizont welcher sich um die geschichte der Menschheit wölbte wurde weiter; aber mein blödes Auge kehrte immer wieder zu dem eigenen zurück, den es, trotz dessen Enge, nicht überblikken lernte. – Und dann erschrack ich auch vor dem ungeheuern, titanischen Ringen des Geistes zu allen Epochen, in allen Religionen, unter allen Formen, welches – was Glück spenden und Glück geniessen betrift – so geringe Resultate gehabt hat. Jeder Mensch muss sein eigenes Leben von der Wiege bis zum Sarge durchleben; Einer wie der Andre muss die Befangenheit der Kindheit, den Rausch der Jugend, die erkenntnis reiferer Jahre, die Hinfälligkeit des Alters w i l l e n l o s erleiden, und die Freuden, Leidenschaften, Erfahrungen und Schwächen, welche mit diesen vier grossen Epochen verbunden sind, w i l l e n l o s annehmen. Er kann sie ein wenig modificiren und ordnen – darin besteht sein freier Wille! – aber er kann nicht heraus aus dem Bannkreis der natur