einen geschickten Arzt zu ihr und beschwor sie sich seiner Behandlung zu unterwerfen, und sie versprach es bereitwillig. Er sagte mir aber tages darauf, dass ein fast ununterbrochenes Fieber ihre Kräfte aufzehre und dass sie es wisse.
Selten habe ich eine so melancholische Scene erlebt, als die unsers Abschieds. Arabella hatte meine Heimreise auf den vierten Tag festgesetzt und mich gebeten Astralis bei ihr abzuholen, damit die Kleine durch die Fahrt von dem dumpfen Gefühl der Trennung zerstreut würde. So geschah es. Als ich bei Arabella eintrat führte sie mir Astralis reizend geschmückt entgegen und sagte gelassen:
"Dieser Engel soll bei Gott und bei Dir für mich um Verzeihung beten."
"Sprich nicht so .... aus Barmherzigkeit!" rief ich gequält mit erstickter stimme.
"Gut, gut! sagte sie immer ganz gefasst. Ich schenke Dir Astralis. Sie hat nichts als die Existenz, keine Eltern, kein Vermögen! ich kann ihr nichts hinterlassen als ein Paar Diamanten, denn nach meinem tod fällt meine Rente an Lord – gh zurück. Verlasse sie also nicht und sorge dafür, dass sie in meiner Religion erzogen werde. Versprich mir das, Sibylle, und dann .... lass uns scheiden."
Ich gab ihr mein Versprechen, nahm Astralis auf den Arm und stand unschlüssig ob ich gehen ob ich bleiben solle mitten im Zimmer. Da fiel sie mir feurig um den Hals, umarmte und küsste mich.
"O Du bist gut! rief sie; – aber geh! geh! ich kann Deinen Anblick doch schwer ertragen."
Ich wandte mich rasch der Tür zu. Da rief sie – – oder nein! ein herzzerreissender Schrei rang sich aus ihrer Brust:
"Astralis!"
Ich flog zu ihr: "O komm' mit mir, Arabella."
"Nein nein! geh! unterbrach sie mich wieder gefasst. Mir war nur eben als berühre mich der Tod eiskalt. Geht! geht!"
Sie küsste noch einmal mich und das Kind, sank dann matt auf einen Stuhl, sah durch das Fenster zum Himmel auf und sang den Anfang eines Liedes das sie sehr liebte: "'T is te last rose of te summer." O wohl war es die letzte Rose ihres Lebens, die ich jetzt mit mir forttrug! – –
Am Abend desselben Tages war ich wieder in Engelau. Während der Fahrt hatte ich nur e i n e n Gedanken! Zwei Menschen kannte ich – unter so vielen nur zwei! – welche, seitdem sie über sich selbst zum Bewusstsein gekommen, nie um eines Strohhalms Breite von dem Gegenstand abgewichen waren, der ihre Seelen in der Grundtiefe ergriffen hatte: eine Sünderin war die eine zu nennen, und der andre ein Narr. Arabella war es und mein alter Matematiker! Wenn dies das Resultat der Torheit ist, so behüte mich, Gott! vor dem der Weisheit, denn diese zwei Menschen – sie missachtet, er verhöhnt, kamen mir ehrwürdiger vor als alle die, welche aus ihrer kläglichen Eigenschaft v e r g e s s e n und sich z e r s p l i t t e r n zu können, eine Tugend zu machen wussten. Namenloses Grauen vor dem Zwiespalt in welchem der Mensch durch das Leben geschleudert wird, zerarbeitete mir die Seele. Wer da festält kommt aus dem Gleichgewicht nach Aussen, so dass die Leute hohnlächelnd mit dem Finger auf ihn weisen; – wer n i c h t festält kommt aus dem inneren Gleichgewicht indem er in Conflict mit seiner jammervollen Bedürftigkeit und seiner unabweislichen überzeugung gerät. Wie ein zerschellter Nachen von den Wellen an die Küste geschleudert und von der Brandung wieder zurückgetrieben wird: so flogen meine Gedanken auf und ab, hin und her, und fanden nirgends, nirgends Ruhe.
Ein Brief von Astrau erwartete mich in Engelau – ein ganz widerwärtiger Brief, in welchem er Arabellas plötzliche Abreise von Paris eine ihrer "weltbekannten Excentricitäten" nannte und sich mit weitläuftiger Erbitterung über die unsinnigen Ansprüche der Frauen ausliess, welche von einem Mann immer und ewig nichts weiter begehrten, als dass er ihr Liebhaber sei – etwa ein romantischer, idyllischer oder heroischer Liebhaber, aber vor Allem d e r . Dadurch würden die Frauen zu einer so marternden Last, dass der Mann aus Verzweiflung in scheinbare Härte verfallen müsse um seine Freiheit und Tätigkeit dem Weltleben und dessen grandiosen Interessen gebührend zuwenden zu können. So häuften sich am Ende die Missverständnisse. zu einer unübersteiglichen chinesischen Mauer – und das sei lediglich die Schuld der egoistischen Beschränkteit des Weibes. – Dieser Brief kam mir vor als werfe Astrau sich in die Maske des Zorns um sich gegen eigene und fremde Vorwürfe zu panzern. Aber es war mir entsetzlich, dass er gegen Arabella Vorwürfe aussprach, während sie sich keinen einzigen – ja keine einzige Klage über ihn erlaubt hatte. Als Antwort meldete ich ihm die Lage der Dinge und fügte schliesslich hinzu:
"Ich bin so ganz der Ansicht, dass einem Mann Grösseres zu erfüllen obliegt, als zu den Füssen des Weibes die Rolle eines romantischen Liebhabers zu spielen, dass ich auf dem Punkt sein würde einen solchen Mann zu verachten – wenn nicht zum Unglück Du selbst Dich mir gegenüber in eine solche Rolle geworfen hättest: folglich stehe ich Dir zu nah um Dich beurteilen zu können. Unser Urteil über einen Menschen begehrt ebensowol wie das über ein Kunstwerk die gebührende Perspective. Ich bin also gar nicht mit jenen Frauen über welche du