Seele, dass er von seiner Frau gar nichts begehrte als Geld! und immer wieder Geld! Der St. Simonismus kostete ihn unglaubliche Summen. Später waren es die ausgewanderten Polen. Dann unterstützte er legitimistische Bestrebungen. Noch später warf er sich zu einem Träger des Socialismus auf. Immer hatte er das Bestreben in der jedesmal herrschenden Richtung bemerkt zu werden; und da jede derselben ihre sehr materielle Seite hatte für welche nur wenig Adepten bereit waren Opfer zu bringen, so zeichnete er sich zwischen denselben um so mehr aus. In seinen Briefen berührte freilich nur ein Postscript von zwei Zeilen den fraglichen Punkt; allein es war sehr klar, dass die Briefe überhaupt nur des Postscripts wegen geschrieben waren. Daher beantwortete ich sie mit der trockensten Kürze, und fühlte mich nie veranlasst eine Frage nach Arabella an ihn zu tun.
Kaum zwei Jahr nach unsrer Trennung erhielt ich aber von Arabella selbst einen Brief – und zwar aus Hamburg. Sie bat mich in wenig Worten, jedoch dringend, zu ihr zu kommen; sie sei auf dem Weg nach der Heimat. Dieser Weg schien mir ein seltsamer Umweg. Ich riss mich von meinen Studien los und fuhr nach Hamburg. Gott! wie fand ich sie! Zwischen Melancholie und Schwindsucht schwankte ihr armes Leben an einem seidnen Faden hin und her. Ich war fassungslos bei ihrem Jammeranblick. Sie sagte:
"Du findest mich auf dem Heimweg .... zum grab, Sibylle. In meiner Familie sterben wir Alle vor dem dreissigsten Jahr. Ich habe das oft an Otbert gesagt! ich dachte er würde mir vergönnen die wenigen Jahre bei ihm, d.h. glücklich zu verleben. Aber nein! Du hast mein Glück mit Dir aus Venedig entführt. O Sibylle! warum bliebst Du nicht in Venedig? So wie Du fort warst hörte Otberts Liebe zu mir auf. Er brachte mich bald darauf nach Paris .... aber er dachte nicht mehr an mich. An Dich dachte er .... oder an die grossen Welterschütterungen .... oder an sonst etwas! wer kann sagen woran Otbert denkt! n i c h t an mich – das wurde mir allmälig klar – doch unter w e l c h e n Qualen .... magst Du daraus schliessen, dass ich endlich i h n verliess und hieher kam um Dir Astralis zu bringen. Nun bin ich fertig und nun – lebe wohl." –
"Ich nehme Astralis, aber ich nehme auch Dich mit mir, Arabella! rief ich mit einem namenlosen Wehgefühl. Glaubst Du denn dass ich Dich Deinem einsamen Leid überlassen könnte?"
"Ich glaube es nicht: ich w i l l es! sprach sie bestimmt und kalt. Glaubst denn Du dass Deine Nähe mir lieb ist? Ich sage Dir mir ist nichts lieb als der Tod, und Du bist es weniger noch als tausend Andre, denn mit Dir .... zog mein Glück aus Venedig fort."
Das war ihre fixe idee und daher war sie bitter und feindlich gegen mich gestimmt. Ehedem in London hatte sie mir schon den Vorwurf des Verrats an der Freundschaft gemacht: er war ungerecht! doch dieser war gradezu unsinnig. Trübe übersann ich unser seltsames Schicksal, das sich zweimal feindlich durchkreuzte, während wir im Herzen Freundinnen waren; – denn Arabella hatte immer Vertrauen zu mir, und ich hatte sie immer lieb. Sie lehnte sich an mich, und ich freute mich ihrer. Trotz unsrer Verschiedenheit passten wir zusammen .... aber Otbert schleuderte uns wie ein unheilvoller Komet so weit auseinander, dass jede fernere Berührung eine Anstrengung und daher schmerzlich sein musste. Ich drang deshalb nicht heftig in Arabella mich nach Engelau zu begleiten, obwol ihr Vorsatz mir trostlos vorkam in Hamburg zu bleiben und dort ihr Ende zu erwarten. Ein Arzt in Paris hatte ihr gesagt sie würde den Herbst im Norden nicht überleben.
"Und der ist nah, ich fühl' es! sagte sie. Drum wollte ich zuvor Astralis in Sicherheit bringen."
"Willst Du Dich aber wirklich schon jetzt von dem kind trennen?" fragte ich.
"Ja! denn wenn ich es vor Augen habe, so wird mir das Leben nicht leichter und nur der Tod schwerer. Ueberdas fürchte ich die Ansteckung meiner Krankheit für Astralis. Sie wird also in jeder Beziehung besser bei Dir als bei mir aufgehoben sein."
Ich war Arabellen behülflich in einer Vorstadt Hamburgs eine kleine Gartenwohnung zu finden, die sie mit ihren treuen irischen Dienstboten bezog. Ich begleitete sie dahin. Als sie in ihr Zimmer trat, das zu ebner Erde lag und die Aussicht auf ein schlichtes Gärtchen bot, ergriff sie eine nagende Erinnerung.
"Auf Torcello war es anders! rief sie. O Sibylle! hättest Du denn nicht in Venedig bleiben können?"
So unbeschreiblich war ihr Einfluss auf mich, dass ich mir selbst egoistisch und grausam erschien; und er rührte nur daher, weil sie ganz und rücksichtslos in einem einzigen Gefühl lebte. Mogte sie Anderen tadelnswert erscheinen – mogten Moral und Sitte ihr Benehmen verwerfen – mogte ich selbst sie in dieser Beziehung nicht rechtfertigen: mir kam diese Einheit des Wesens, welche von einer und derselben idee lebt und stirbt, doch so majestätisch und wunderbar vor, dass ich mehr achtung vor ihr als vor mir empfand. Denn sie hatte eine Kraft die mir gänzlich fehlte: sie hielt fest was sie einmal hielt.
Ich brachte