Freude. Der Onkel hatte mich nie so gesehen, er wollte mich beruhigen, beschwichtigen; aber ich rief heftig: "Lass mich doch weinen, guter Onkel! siehst Du denn nicht dass dies der glücklichste Tag meines Lebens ist?"
"Sehr schmeichelhaft für Dich, Paul!" sagte der Onkel neckend und streichelte mir die Wangen, indem er hinzufügte: "Wenn man von den glücklichsten Tagen seines Lebens spricht, Schätzchen, so muss man hübsch in die Höhe wachsen damit man die Kinderschuhe ausziehen kann; – denn das passt nicht zusammen."
Er hatte wohl Recht! aber ich fand es höchst grausam keine glückselige Tage haben zu sollen, weil ich klein sei. Ich sah Paul mit tränenschweren Blicken an, und seine herzliche Freundlichkeit tröstete mich. Er ging mit mir um wie mit einem kind, rücksichtslos vertraulich; aber dass er mich auf der einen Seite wie Seinesgleichen behandelte, mit mir ausritt, spazieren ging, plauderte, erzählte; und auf der andern mir die kleinen Schmeichelworte und Liebkosungen sagte mit denen man gegen Kinder so unbedachtsam freigebig ist und die man gegen ein junges Mädchen nicht mehr zu äussern wagt: – dies warf den zündenden Funken in meine bis dahin schlummernde Eitelkeit. Ich war im dreizehnten Jahr und er achtundzwanzig; das war ein grosser Unterschied, dennoch stand er meinem Alter näher als irgend Jemand meiner Umgebung oder Bekanntschaft – Sedlaczech ausgenommen, der mir aber als Lehrer imponirte: ich fühlte mich zugleich geehrt und geschmeichelt, und tat was in meinen kleinen Kräften stand um ihm zu gefallen. Er war grenzenlos eingenommen von England! englische Meubles, englische Parks, englische Küche, englische Dichter, englische Lebensweise – Alles war eben englisch, das hiess unvergleichlich, und ich sann heimlich darauf Engelau in eins jener bezaubernden ".... park" oder ".... lodge" zu verwandeln die er so lieblich beschrieb. Er hatte den eben erschienenen "Waverlei" mitgebracht; er las uns Scenen daraus vor; Miss Johnson war entzückt – mir ging eine neue Welt auf: die der Bücher. Bis dahin hatte ich einen Abscheu vor Büchern gehabt, welk und tot waren sie mir vorgekommen; nur Erzählungen, nur das lebendige Wort machten Eindruck auf mich, prägten sich in mein Gedächtniss, lebten in mir fort; so einst Heinrichs Erzählungen, so später der Unterricht meines Lehrers. Jetzt ergriff mich ein Buch – war es eben der Zauber des Waverlei, war es dass Paul ihn vorlas – Gott weiss es! aber ich war hingerissen, verzaubert. Wo ich ging und stand, wachend und träumend schwebten mir Flora und Fergus Mac-Ivor vor. Ich bat Paul mir dies Buch zu schenken; Miss Johnson hatte nichts gegen diese Lectüre einzuwenden: ich erhielt es. Ich bat um noch einige dieser wundervollen englischen Bücher. Paul, den meine Begeisterung sehr ergötzte, hatte die grösste Lust mir "Childe Harold" zu geben, das er gleichfalls mitgebracht; allein Miss Johnson schrie Zeter über den Gedanken ein unerfahrnes Kind gleichsam auf dies Weltmeer der leidenschaft hinaus zu schleudern, und Byron blieb verpönt. Auch andre Vorschläge Pauls nahm sie nicht an, bis sich endlich Beide im Ossian vereinigten. Ossians melancholische Nebelwelt ganz voll der "joys of te grief", wurde einem kind aufgetan, dessen Phantasie ohnehin allen anderen Fähigkeiten mit Riesenschritten voraus geeilt war! – Im Besitz Waverleis und Ossians verschmerzte ich leichter Pauls Abreise, als es sonst würde der Fall gewesen sein: immer stumpften mich Träume und Beschäftigungen der Imagination gegen die Wirklichkeit mit ihrem Leid und ihrer Lust ab, und ich selbst bemerkte mit Befremden und mit Gewissensunruh, dass mich Fergus Mac-Ivor und Ossians Helden sehr vom Andenken Heinrichs entfernten. Paul hatte ihm ohnehin schon einigen Abbruch getan. Paul antwortete mir ebenso traulich aber ernster und verständiger als ich mir selbst im Geist Heinrichs antworten konnte; jetzt verschmolz er mir dermassen mit meinen geliebten Büchern, dass ich ihn in ihren Helden zu finden glaubte, und mein inneres Leben ihm gleichsam widmete, wie ich es sonst dem Bruder gewidmet hatte. Ich kämpfte gegen diese seelische Untreue – doch umsonst! das Zwiegespräch meiner Gedanken – und wenn ich es auch regelmässig mit Heinrich anfing – endete ebenso regelmässig mit Paul. Das machte mich unglücklich, und ich kam so weit in meiner Selbstanklage, dass ich nie an Heinrich dachte ohne verstohlen die Augen zum Himmel aufzuschlagen gleichsam als müsse ich ihn um Verzeihung bitten. Aber es geschah selten und immer seltener, und somit war mir die erste Blüte vom Lebenskranz, der mir um die Stirn geschlungen war, entfärbt vor die Füsse gefallen; denn ich vergass Heinrich nicht gedankenlos, wie es in Kinderseelen auf und ab zu wirbeln pflegt, sondern ernst und sinnend wie ich war, sagte ich mir selbst: Also man kann die toten vergessen. Und mit bitterm Schmerz warf ich mich nieder auf den Kieselwällen, welche die Brandung wie eine natürliche Mauer zwischen dem Park und dem Meer angespült hatte. Da lag ich stundenlang und weinte weil die Rosen verblühen, weil die Bäume kahl werden, weil es nicht ewig Frühling bleibt, weil der Mensch sterben muss und vergessen wird. Die ersten gelben Blätter erfüllten mich mit Entsetzen! ich riss sie ab so weit ich reichen, so lange ich es möglich machen konnte; und nahmen sie überhand so grollte ich mit den Gesetzen der natur. Fiel der erste Schnee so war es noch übler! ich sehnte mich zu sterben um nur nicht