befreit war. Die Leibesnahrung und Unterkunft machte ihm keine Sorgen; er lebte von Kaffee und Brot und war, Dank dieser strengen Diät und seinem sterilen Studium zu einer so mumienhaften Ausdörrung gediehen, dass er die Bedürftigkeit des lebendigen Lebens nicht mehr empfand. Er war so genügsam und so wolwollend, dass ihm Welt und Menschen vortreflich und nur im Betreff der Gymnasialjugend etwas mangelhaft erschienen. Ein Fortschritt – Einer! war freilich für die Welt zu machen und stand ihr bevor .... sobald die allgemeine Formel für die Primzahlen gefunden sei! Was ihr aber dann noch zu ihrer Vollkommenheit und Glückseligkeit mangeln könne, das – gestand er unbefangen – sehe er nicht ein. Seine Seele war auf der Jagd nach dieser Formel. – In seinem beschränkten Berufsleben war es ihm nie vorgekommen, dass Jemand zum Vergnügen Matematik studirt habe. Er betrachtete mich wegen dieser Neigung als ein von Gott begnadigtes geschöpf. Meine Aufmerksamkeit und Ausdauer freuten ihn so sehr, dass er mich nach seiner Weise herzlich lieb gewann, und Selbstliebe und Eifersucht lagen ihm so fern, dass er mir zuweilen den Wunsch aussprach: zum Lohn meiner achtung für die erhabenste Wissenschaft, der ich hoffentlich mein ganzes Leben widmen würde, verdiene ich die Ehre – die allgemeine Formel für die Primzahlen zu finden, und mein unsterblicher Ruhm werde ihn mehr beglücken als sein eigener.
Ich hatte also zwei Lehrer wie man sie sich nicht besser wünschen kann, und überdas den festen Willen möglichst viel von ihnen zu lernen. Im schneidendsten Contrast zu meinem vagabondirenden Leben in Venedig, wurde das gegenwärtige mit einer zuchtausmässigen Pünktlichkeit Stunde für Stunde eingeteilt, und von sieben Uhr früh, wo ich aufstand – bis zwölf Uhr Abends, wo ich schlafen ging – gab es keine Minute, welcher nicht ein Geschäft zugeteilt gewesen wäre: denn auch die Erholungen bekamen ihrer Regelmässigkeit wegen einen Geschäftsanstrich. Mein Haus kam mir wirklich vor wie eine Strafanstalt, während es für Herr Becker und Herr Müller, und für eine junge musikalische Gesellschafterin ein ganz angenehmer Aufentalt war: dermassen kommt Alles auf die Deutung an, welche wir den Zuständen geben und auf die Gesinnung mit der wir in sie hineintreten. Aber ich wollte es nun einmal so! ich wollte meine Tätigkeit nicht vergeuden noch versplittern, sondern sie auf einem Punkt sammeln um sie gleichsam zu einem Pfeil zu machen, der von der gespannten Bogensehne des Gedankens geschnellt, das Ziel in der Mitte treffen musste – das Ziel nach dem ich nun schon so lange rang, das mir stets in andrer Form erschien, und das ferner denn je von mir zurückwich sobald ich der Form scharf ins Auge sah – das Ziel jedes Menschen, sein glühendstes Bedürfniss, nach welchem er heimlich seufzt oder laut schreit, und um welches er herum irrt wie um ein unentdecktes Land, das der Schiffer mit Magnet und Compass nicht aufzufinden weiss – – das Glück!
Ich studirte mit grossem Eifer, aber ohne eigentliche Vocation! Ich lag heimlich bei mir selbst auf der Lauer ob nun nicht bald ein genussvoller Zustand eintreten werde. Dadurch wurde natürlich die unbefangene Hingebung getrübt, und die übertriebene Erwartung die ich mein Lebenlang von jedem Ereigniss gehabt hatte, verliess mich auch hier nicht. Immer war mir zu Mut als stände ich an jenem Brunnen in welchem nach einer Fabel die Wahrheit sitzen soll, und als schöpfte ich mit der grössten Anstrengung nichts als wasser heraus! – Auch jetzt war ich wieder auf Verfolgung der Göttin begriffen.
Während dieses unfruchtbaren Bemühens dachte ich doch zuweilen an Otbert und Arabella – mit Neid. Mogten sie in einem Wahn befangen sein, so war derjenige der Liebe doch der süsseste von allen. Bald nach dem Ausbruch der Julirevolution war Otbert nach Paris gegangen. Die fiebernde Aufregung der Gemüter und die tobende Gährung aller Zustände waren ihm eine zauberische Lockung. Wie ein geübter Schwimmer, der seiner Kräfte sicher ist, liess er sich bald von dieser, bald von jener Welle heben, schaukeln, fortziehen, und fand ein eigentümliches Behagen an ihrem Gebraus und Gewirbel. Die religiösen und socialen fragen mit deren Lösung diejenigen sich beschäftigten, welche auf dieser Basis eine neue Ordnung der Gesellschaft aufführen wollten, interessirten ihn aufs Höchste. Mit einer Wärme gab er sich dem St. Simonismus hin, als sei er bereit ein Apostel, ein Märtyrer der neuen Lehre zu werden; und mit einer Leichtigkeit wandte er sich ab sobald der Reiz des Neuen erschöpft war, als habe es sich nicht um überzeugung sondern um Persiflage der Sache gehandelt. Er selbst hätte nicht genau bestimmen können ob er wirklich ergriffen war oder nur das Ergriffensein spielte um es als Mittel zu irgend einem Zweck zu gebrauchen: denn bald wollte er als ein Propagandist neuer Ideen populär werden, bald suchte seine Eitelkeit ihren Genuss in dem Nimbus des Aussergewöhnlichen, bald begehrte er nichts weiter als in Feuer gesetzt zu werden, gleichviel wodurch! gleichviel für wen! um nur nicht der grauen Monotonie zu verfallen. Sehr flüchtige Briefe, die er mir nur schrieb um mich von seinen pecuniären Verhältnissen zu benachrichtigen, deuteten mir das an. Ich hatte ihm bei unsrer Trennung die Hälfte meines Einkommens bestimmt. Es schickte sich nicht anders – so schien es mir – da ich seine Frau war und, mit ihm zusammenlebend, das Ganze mit ihm wenn auch ungeteilt genossen haben würde. Aber mein Schicklichkeitsgefühl ward in diesem Punkt durch seinen gänzlichen Mangel daran verletzt. War es die gemeine Gesinnung oder die kindische Nachlässigkeit die sich darin aussprach – genug, es peinigte mich in seiner