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Der Sommer verging ganz gut. Der ländliche Aufentalt war mir neu. Die grünen Wiesen, die schönen Bäume, die üppigen Kornfelder, die Viehheerden, die demütige und doch nicht armselige dörfliche Umgebung contrastirte so auffallend mit Venedigs wasser- und Marmorwelt, mit seiner zerfallenden Herrlichkeit und seiner grandiosen Armut, dass der Genuss des Contrastes mir interessant war. Ueberdas gab es eine Menge Geschäfte, die ich einmal wieder in der Nähe übersehen oder von deren gutem Fortgang ich mich überzeugen musste. Es gab zu loben und zu tadeln, zu berichtigen und anzufeuern, zu helfen und zu raten. Es war eine Wiederholung der Heimkehr aus Englandnur unter günstigen Umständen, und daher ohne jenen Sporn den ein bestimmtes Ziel der Tätigkeit gewährt. Schwierige Verhältnisse keiner Art lagen mir zu überwinden oder zu entwirren vor. Die Geschäfte gingen ihren höchst geregelten gang. Meine schulen gediehen, meine Baumpflanzungen wuchsen. Zuweilen stiegen Gedanken in mir auf als müsse ich den gemeinen Mann auf meinen Gütern unerhört beglücken. Fragte ich mich jedoch ernstaft welche Sorte von Beglückung ihm denn beizubringen sei: so beschränkte sie sich auf Arbeit und auf einen Sparpfennig für die Not. dafür sorgte ich mit wahrer ausdauernder Teilnahme und zu jeder Zeit; und nie haben mich meine Verstimmungen dagegen gleichgültig gemacht.

Als der Herbst mit seinen Tagen voll Regen und Sturm und mit seinen langen Abenden kam, sah ich indessen ein, dass ich notwendig andere Beschäftigungen brauche; und um meine Gedanken an eine bestimmte Disciplin zu gewöhnen, beschloss ich förmlich ernstaften Unterricht zu nehmen. Ein Cursus etwa der Chemie, Physik oder Astronomie schien mir aber gar nicht ernstaft genug, sondern wie die Männer gebildet werden, mit alten Sprachen und mit Matematik: s o wollte auch ich es anfangen. Ohnehin hatte ich in meiner ersten Jugend kläglich wenig gelernt! Späterhin war mir auf meinen Reisen allerlei angeflogen, was ich mit Geschicklichkeit mir aneignete, wie Sprachen der fremden Länder, Kenntniss ihrer geschichte, ihres Bodens, ihrer Literatur. Allein jede Beschäftigung in dieser Richtung oder mit meinem ganz hübschen Talent zur Malerei, schien mir kein genügendes Joch um den Sturm meiner Gedanken und Träumereien zu bändigen. Ich hatte so oft sagen hören welch eine Grundlage aller tiefen Bildung die alten Sprachen wärenhatte in England gesehen wie sie auf integrirende Weise zu der so ganz praktischen Erziehung gehörendass ich mir Wunder was für Vorteile davon träumte. Ich vergass nur den ungeheuern Unterschied zwischen einer unentfalteten Jünglingsseele, die bereitwillig den Keim aufnimmt, welcher in ihrem frischen Erdreich aufgehen soll und kannund zwischen mir. Ich war uralt an Lebenserfahrung und Kenntniss; Leid und Lust, Schmerz und Glück, Verlust und Gewinn, welche sich für Andere über fünfzig und sechszig Jahre ausbreiten, hatten sich für mich mit so beklemmender Schnelligkeit gedrängt, dass ich mir bei fünfundzwanzig Jahren sagen musste: glückoder leidbringende äussere Ereignisse hätten sich für mich erschöpft. Obwol ich eine namenlose und bodenlose Leere in mir fühlteobwol ich mir vorkam wie die Wüste über welche wenigstens das Weltmeer fluten muss um sie zu belebenobwol mir manchmal zu Sinn war als hätte ich noch gar nicht gelebt und nichts gehabt: so hielt mir meine Vernunft doch immer eine und dieselbe ermüdend langweilige Predigt: Dir sind die guten und bösen Schicksale bereits zu teil geworden welche dem Menschenleben zugemessen sind; drum halte Dich ruhig; räume die Trümmer aus dem inneren fort, vergiss Dich selbst, sei Andern nützlich und lerne dass es eine Menge Dinge zu tun gibt die weit erspriesslicher sind als mit Gebilden der Phantasie zu schwelgen.

Also: die Trümmer meines inneren wollte ich aufräumen mit Matematik und alten Sprachen. Zu meinem Geburtstag machte ich mir selbst das Festgeschenk zweier Lehrer, welche sich entschlossen sich auf drei Jahr in Engelau zu vergraben. Herr Becker hatte so eben seine philologischen Studien vollendet und da sich ihm nicht gleich die gewünschte Stelle an der Universität zu Kiel darbot, so nahm er die in meinem haus an, die ihm wenigstens Musse zu eigenen Studien liess. Er war sehr jung, sehr lebhaft, ein glühender Bewunderer des Altertums, das er in Leben und Kunst, Institutionen und Religion als das Ideal vergötterte zu dem die Menschheit hinstreben müsseein einseitiger Verächter alles Neuen (nämlich der letzten zweitausend Jahre) – kurz ein Mensch der nichts kannte als seine Wissenschaft, und die überzeugung hegte durch ihre Verbreitung müsse die Welt zu ihrer wahren Gesittung erhoben werden. Dies hatte den grossen Vorteil für mich dass er gern zu mir kam, weil er seinen Aufentalt bei mir als die erste Stufe zur Gräcisirung der nordischen Barbaren betrachtete; und dass er mir mit dem zwiefachen Feuer der Jugend und der Begeisterung Unterricht gab.

Herr Müller, der Matematiker, war ein ältlicher Mann, welcher fünfunddreissig Jahr sich abgequält hatte der Schuljugend eines Gymnasiums seine Wissenschaft insoweit beizubringen, als dieselbe ein Ingrediens der notwendigen Examina ausmachte, welche man zu bestehen hatte. Die unendliche Gleichgültigkeit mit der Herr Müller seinen Unterricht an unendlich gleichgültige Schüler erteilte, hatte ihn nach und nach dermassen zerstreut gemacht, dass er sich nicht mehr bei ihnen in den notwendigen Respect zu setzen vermogte. Mit einem winzigen Jahrgeld wurde er entlassen, und da ich ihm die Zusage machte es nach drei Jahren zu verdoppeln, so sah er sich veranlasst meinen Vorschlag, auf Zureden seiner Freunde anzunehmen. Sie waren bemüht ihm eine sorgenfreie Existenz zu sichern. Er für seine person fühlte sich sorgenfrei sobald er von dem Verkehr mit den bösen Bubenwie er die Gymnasiasten nannte