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ob ich diese Zuversicht unter diesen Umständen und zu diesem Mann stupid oder sublim finden sollte. Sie, mit einer sündhaften Liebe im Herzen, die Pflichten gegen sich selbst und Andre verletzend, herausgetreten aus den Schranken der Sitte, Mutter eines Kindes ohne Namen: sie war sicher wie für die Ewigkeit; – und mein Leben ohne Schuld, ohne Vorwurf, ohne Tadel war von einem immerwährenden Erdbeben dermassen durchzittert, dass ich zu Nichts und zu Niemand Zuversicht hatte. Das ist die Macht der Liebe! .... Sei die Liebe verirrt im gang und Gegenstand, begehe sie Missgriffe, Torheiten und Fehltritte, werde sie verhöhnt oder verdammt, schleppe ihr ein Bussgewand oder ein Trauermantel nach: dennoch, dennoch, und dennoch! ist sie ein Segen für Denjenigen der sie empfindet.

"Ach Sibylle! aus mir wird nichts Anderes als was ich nun einmal bin! fuhr sie nach einer Pause fort. Mir scheint als sei mein Leben bevor ich Otbert kannte, ein langes angstvolles törichtes Suchen nach ihm gewesenund seitdem ich ihn kenne, ein Aufgehen in ihm: folglich kann ich nicht anders werden. Früher galt ich für leichtsinnig und gefallsüchtig, für eitel und weltlich; Du erinnerst Dich gewiss dass das aufhörte als ich ihn fand, und das ist so geblieben obgleich er sich von mir losriss. All diese Jahre hab ich in Irland gelebt, von Lord –gh getrennt wie in den ersten Monaten unsrer Ehe, aber ohne Zerstreuung, ohne Gesellschaft, allein mit meinen traurigen Gedanken, die immer nur Otbert und Otbert suchten, und zuletzt so traurig wurden und das Herz so zernagten, dass der Körper erkrankte. Da schickten sie mich in ein besseres Clima, und da .... ging mir meine Sonne auf in deren Stral ich mich neubelebt fühle. O Sibylle! hättest Du wie ich auf der einen Seite Tod und Vernichtung gefunden, auf der andern Liebe und Seligkeit .... o Du würdest auch nicht wählen .... nicht wählen könnensondern zu der Liebe als zu Deinem Recht ohne Dich zu besinnen übertreten. Aber mein Recht tut Dir Unrecht .... beeinträchtigt das Deine! ich weiss es! ich fühle es! .... Sibylle, Du wirst es nicht glauben aber es ist doch so: trotz des Bewusstseins meiner Schuld gegen Dich habe ich Dich dennoch lieb; – und das will viel sagen! gewöhnlich kann man die Menschen nicht leiden, denen man weh getan hat, denn man fühlt sich im Unrecht und dadurch gedemütigt. Aber Du bist so gut dass man sich nicht gedemütigt fühlt. Du bist gut wie Gott; Du wirst mich nicht verdammen! Du nichtobgleich grade Du es eher als jeder Andre könntest! Du bist nachsichtig und barmherzig denn Du bist stark, und wo die Macht ist auch die Gnade; nur die Schwäche ist erbarmungslos .... sie hat keine Verwandtschaft mit Gott."

Arabella war vor mir niedergesunken, aber nicht wie eine reuige Sünderin, sondern wie ein Kind das sich voll Vertrauen und der Verzeihung gewiss an das Herz der Mutter schmiegt. Sie stüzte ihre Elbogen auf meine Knie und ihr Kinn auf ihre gefalteten hände: so blickte sie zu mir empor mit ihren grossen nachtschwarzen Augen, deren blick lind und liebkosend wie Sammet mich berührte. Hatte sie mir weh getan, so vergass ich es bei ihrem Anblick gänzlich; jetzt tat sie mir nur wohl. Ich umarmte sie zärtlich und rief:

"O Arabella! warum hat Otbert nicht Dich geheiratet! ich wäre dann Eure Freundin und uns Allen wäre manche Qual erspart. jetzt, Arabella, zittere ich doch vor Deiner Zukunft bei Otberts Wankelmut und Flattersinn."

"Und wäre das in unsrer Ehe anders gewesen? fragte sie. Mir liegt nichts daran, Sibylle, seine Frau zu sein und durch sein Versprechen ihn zu fesseln. Von ihm geliebt zu seindaran liegt mir! und sieh! ich müsste mir zuvor das Herz aus dem Busen reissen, ehe ich an das Aufhören seiner Liebe glauben könnte."

"Du vergisst die Vergangenheit!" rief ich schmerzlich.

"Nicht doch! entgegnete sie gelassen; damals war Alles anders, denn Otbert kannte mich nicht so wie jetzt."

Es schwebte mir die Bemerkung auf den Lippen:

"Er k a n n t e Dich nicht, aber er w a r immer derselbe." Allein ich unterdrückte sie weil sie unnütz war, und sagte lieber nach einer Pause:

"Versprich mir Arabella, Dein Vertrauen auch gegen mich zu bewahren, und an mich zu denken als an eine Freundin auf welche Du rechnen darfstwenn Dich einmal, was Gott verhüte! traurige Schicksale heimsuchen sollten."

Ein Träne trat wie ein silberner Stern in Arabellas Augen und machte sie doppelt schön.

"Das kannst Du Dir doch wohl vorstellen!" rief sie.

"Und nun, sprach ich aufstehend, zeige mir Deine Tochter."

"Nein!" sagte sie lebhaft.

Fragend und befremdet sah ich sie an.

"Nein! wiederholte sie mit Bestimmteitdas kann ich nicht, das würde Dir allzu weh tun .... denn das ist unnatürlich."

"Ja, meine arme Arabella, ich bin doch so weit in der Unnatur gekommen, dass ich nicht genau weiss was mir wohl und was mir weh tut. Also erfülle meinen Wunsch: ich bitte Dich."

Sie sah mich beängstigt