. Nein! ich musste andre dinge vornehmen als stumpfsinnig über Trümmern brüten.
Ich griff nach den Papieren welche auf meinem Schreibtisch lagen. Es waren Rechnungen die ich wegen meiner bevorstehenden Abreise hatte einfodern lassen. Ich sah sie mechanisch durch ohne ihren Inhalt genau zu beachten. Doch frappirte mich die ungeheure Summe der einen so, dass ich zum Bewusstsein kam. Statt jeder Specificirung entielt sie nur die Worte: Einrichtung eines Hauses auf Torcello – – – und darunter: Alphonse. Alphonse war Otberts Kammerdiener. Er selbst in seiner verschwenderischen Fahrlässigkeit kümmerte sich nicht um die Art und Weise in der seine Aufträge vollzogen wurden; Alphonse musste Alles besorgen und auf sich nehmen. Das wusste ich freilich längst. Aber die Naivetät mit der mir diese Rechnung vorgelegt wurde streifte an Gemeinheit und Frechheit, und empörte mich. Ich hatte Lust sie nicht zu bezahlen. Aber wenn ich es nicht tat – was sollte denn daraus werden? Es bestand doch eine Art von Solidarität zwischen uns: ich musste es tun. Ich tat es, aber mit widerwilliger Empfindung. Ich sträubte mich dagegen Astrau gemein zu finden, und meiner denkart zufolge war er es sobald mein Vermögen die hauptsächlichste Triebfeder in seiner Handlungsweise gewesen war. Auch seine eifersüchtige Grille hinsichtlich Sedlaczechs kam mir nicht mehr wie Eifersucht vor, sondern wie eine Berechnung um den treuen Freund von mir zu entfernen, der vielleicht ein störender Beobachter hätte werden können. Mich ergriff eine tiefe sehnsucht an Sedlaczech zu schreiben. Aber meine verschlossne Seele brachte es nicht dahin. Von Kindheit auf hatte ich mich gewöhnt meine geheimste Innerlichkeit vor keinem Menschen zu erschliessen. Diese keusche stolze Scheu ist sehr gut insofern wir durch sie veranlasst werden in uns selbst einzukehren und von uns selbst hülfe und klarheit zu fodern. Allein es ist ein unseliges geschöpf dasjenige, welches nie in seiner geheimsten Innerlichkeit dermassen vom Licht der Liebe durchleuchtet worden ist, dass es sich vor einem geliebten Herzen gleichsam transparent gefühlt, und in diesem Gefühl unbewusst Qualen ausgestammelt, Freuden ausgejauchzt hat, für welche es sonst niemals Worte gefunden. Und ich war so ein unseliges geschöpf! Ich schrieb und schrieb für mich allein Folianten von Tagebüchern. Diese Gewohnheit mag gut sein als Anhaltspunkt für die Erinnerung, als Meilenstein auf dem Lebenswege; aber ich, meiner grübelnden Richtung folgend, wühlte mich förmlich wie in einen unterirdischen Bau, dessen Gänge kein Sonnenlicht und kein Menschenauge erspäht, in diese Gewohnheit hinein. Da speicherte ich all mein Empfinden, Denken und Sinnen auf. Wie woltätig hätte mir die geistige Mitteilung nicht sein können! sie ist unendlich wichtig für die innere Ausbildung! sie bringt eine Menge Material in Fluss, die immer gestockt hätte; sie beleuchtet von einer andern Seite die Gegenstände, welche wir auf unserm Standpunkt nur von der einen erkennen; durch die Verschiedenheit der Meinung bekommen wir denjenigen Respect vor der fremden, den wir für die eigene begehren; durch den Vergleich mit einer andern Auffassung machen wir in uns selbst überraschende Entdeckungen. Wenig von dem Allen bietet ein Tagebuch wo auf der ersten Seite – Ich steht und auf der letzten – Ich, und wo wir auf den unbelebenden Vergleich mit uns selbst, zwischen dem was wir waren und dem was wir sind uns beschränken. Allein dies war nun einmal mein höchster Genuss! Meine kindischen Selbstgespräche mit Phantasiegebilden oder mit abgeschiedenen geliebten Geistern, waren voll so stiller süsser Lust, dass ich sie in das schweigsame Tagebuch verwandelte.
Astrau überraschte mich sehr als er mich in Arabellas Namen dringend bat, sie vor meiner Abreise zu sehen. Ich hatte gar keine Lust und sagte es unverholen; aber er liess nicht nach! er solle mich durchaus dazu bewegen; sie wünsche es glühend. Ich begriff das nicht! .... vielleicht gab ich deshalb nach.
Ich fuhr eines Morgens nach Torcello und ward in ihr Cabinet geführt, das eben so anmutig als ihr Schlafzimmer eingerichtet war. Der Vergleich mit meinem ernsten stolzen Palast Gradenigo lag nahe und berührte mich schmerzlich; er kam mir kalt und leer wie meine Seele vor, und ihr Häuschen war lieblich und warm wie ihr Herz. Ich fühlte mich zu ihren Gunsten, nicht zu den meinen gerührt, und konnte nicht meine Tränen zurückhalten. Da trat sie ein. Sie war eben in Hast aufgestanden; das warme Rot des Schlafes lag noch auf ihrem lieblichen Antlitz. Sie flog mir entgegen, umschlang mich inbrünstig, und rief:
"Sibylle! sage mir dass Du mir mein Unrecht gegen Dich verzeihst."
"Wer geliebt wird hat immer Recht und nur der Ungeliebte hat Unrecht. Ich hab' es gewiss, wenn auch nicht gegen Dich, meine arme Arabella; so doch gegen mich selbst. Du sagtest mir einst ich könne Otbert in ewige Fesseln schlagen. Dies Wort hat mich tiefer ergriffen, als ein Wort von fremden Lippen uns ergreifen soll, und hat mich folglich irre geführt. Wir tun zu unsern Irrtümern stets Dasjenige hinzu was unsrer Neigung, Ansicht, leidenschaft schmeichelt, und Niemand hintergeht uns so sehr als wir es selbst tun! denn sobald uns nichts daran liegt hintergangen zu werden, sobald wir nicht die Augen darüber schliessen und die Hand dazu bieten: so hintergeht uns Niemand. Das sehe ich jetzt sehr deutlich, und ich wünschte nur, dass ich ebenso klar über die Zukunft wäre – besonders hinsichtlich Deiner als ich es über Gegenwart und Vergangenheit bin. Denn was soll aus Dir werden?"
"Aus mir werden?" fragte sie verwundert.
Ich wusste nicht