ein Lob, einen Kuss, eine Ermunterung von ihr empfing. Das machte mich sehr glücklich, allein es genügte mir nicht! ich ersehnte einen innigeren Verkehr mit geliebten Wesen; mein Bruder war mir von allen der liebste gewesen – mit seinem Geist oder seinem Schatten trat ich in eine Art von Gemeinschaft, sprach mit ihm, fragte ihn, gab mir selbst in seinem Namen Antwort, und fühlte mich glücklich in diesem Gemisch von Spiel der Imagination und Bedürfniss des Herzens. Im Winter, wenn ich in Mondscheinabenden auf dem Eise Schlittschuh lief – im Frühling, wenn ich bei Sonnenuntergang tief hinten im Park auf einem Hünengrabe im Grase lag – oder im Herbst, wenn die Nebel aus der See herauf kamen, und so geheimnissvoll auf den Wiesen sich lagerten und die Bäume und Gesträuche umspannen und verschleierten: immer glaubte ich Heinrichs Schatten an mir vorübergleiten zu fühlen. Ob die Menschen die mich umgaben das Verständniss meiner kleinen Seele hatten? – ich glaube kaum. Sie liebten mich sehr, sie beschäftigten sich viel und gern mit mir, aber sie wussten nicht in meine eigentliche Innerlichkeit zu dringen, nicht mir das Vertrauen zu entlokken, das ich für den toten Bruder hegte. Das hatte für mich den Nachteil, dass ich, obgleich umringt von Freunden und von Liebe, mit Schattengebilden einen innigeren Umgang pflog als mit Menschen, und mich gewöhnte meine glücklichsten Stunden in einsamen Träumereien zu suchen und zu finden. Die Menschen liebte ich eigentlich nur insofern als ich ihnen wohl tun konnte; die Armen liebte ich, die Kranken, denen ich eine kleine Unterstützung oder Labung und Arzenei bringen durfte. Mit unserm Hausarzt, der zweimal wöchentlich meine Mutter besuchte, ging ich zu allen Kranken und sorgte nach seiner Vorschrift für sie. Die armen Kinder liebte ich, denen ich die Weihnachtsbescheerung unten im Billardsaal um drei grosse funkelnde Tannenbäume aufschmückte. Das war Alles nicht übel – aber so einseitig! ich g a b immer und e m p f i n g immer Dank – das reinste was der Mensch empfangen kann! Allein ich selbst kannte nicht die Dankbarkeit, dies weiche Gefühl welches das Kind in so rührender Abhängigkeit von seinen Eltern zeigt. Wie ein gereiftes, ichloses Wesen stand die arme Kleine zwischen ihren Umgebungen. Daher war ich zwar recht glücklich, nur heiter und fröhlich war ich nicht. Der Respect vor Eltern und Vorgesetzten, der sich zuweilen bei Kindern bis zur Furcht und Angst steigert, zuweilen eine Qual aber stets eine Woltat für sie ist, weil sie dadurch im Zügel der Ehrfurcht und des Gehorsams gehalten werden – fehlte mir. Ich beherrschte das Haus und gehorchen hatte ich nicht gelernt. Miss Johnson liebte mich abgöttisch; mit blinder Zärtlichkeit hingen meine beiden Lehrer an mir; für die Untergebenen war ich die künftige Gebieterin, für meinen Vormund ein ungeheuer kluges wunderhübsches Kind; wer hätte mir imponiren sollen? Dergleichen Lücken welche die Verhältnisse – und Missgriffe welche die Erziehungen mit sich bringen, rächen sich später immer. Das soll nicht heissen als wolle ich den gang meiner entwicklung ihnen zuschreiben und mich dadurch entschuldigen! O nein! ein andrer charakter als der meine hätte sich in dieser Freiheit zu einer woltätigen Selbständigkeit entwikkeln können; – noch ein andrer wäre in Trotz, Eigensinn und Härte verfallen. Das Licht lockt die Farbe hervor, die in der Blume aus ihren eigentümlichen Bestandteilen quillt; dieselbe Sonne färbt die Rose rot und das Veilchen blau; so wirkt auch die Erziehung: sie lockt hervor. Ist sie einseitig, so wirkt sie aber nicht vollständig genug auf den vielseitigen Menschen, dessen Wesen nicht in Rosenrot und Veilchenblau, sondern in alle Farben des Prismas getaucht ist.
Alljährlich besuchte uns mein Onkel, und blieb sechs bis acht Wochen in Engelau. Er plauderte und scherzte mit mir, neckte mich nach der Gewohnheit alter Herren kleinen Mädchen gegenüber, lobte mich über alle Gebühr um meiner armen Mutter und der guten Miss Johnson Freude zu machen, und war mir ziemlich gleichgültig. Er wäre es wohl ganz gewesen – aber er war Pauls Vater und interessirte mich als solcher. Denn Paul gehörte im grund mit zu der Gemeinschaft meiner Abgeschiedenen. Er war noch drei monat nach Amaliens Tod bei uns geblieben, hatte meine Mutter im Beginn ihrer traurigen Krankheit mit wahrer Sohnesliebe gepflegt, hatte mit mir tausend Tränen an unsern teuern Gräbern geweint, und war endlich auf den Wunsch seines Vaters in die diplomatische Laufbahn getreten und nach England geschickt worden. Kam der Onkel, so war immer meine erste Frage nach Paul, und mein letztes Wort ein Gruss an ihn.
Nach drittehalb Jahren kam er zum ersten Mal nach Deutschland und besuchte uns mit seinem Vater in Engelau. Ich wusste nichts von seiner Ankunft. Ich stand in der Haustür um den Onkel zu empfangen, als ich das Postorn hörte das alljährlich einmal und nur für ihn im Schlosshof von Engelau ertönte. Ich hatte mich nach besten Kräften geschmückt, hatte mir einen prächtigen Rosenkranz gewunden und einen rosenfarbenen Gürtel über mein weisses Kleidchen gebunden. Mein kleiner zahmer Kanarienvogel sass mir auf der Schulter halb versteckt von meinen dicken Locken an denen er zuweilen ungeduldig pickte. Als ich in der ofnen Kalesche Paul neben seinem Vater erkannte, stiess ich ein helles Freudejauchzen aus und ich erinnere mich dass ich heimlich dachte: Wenn der Postillon doch s o vorführe dass Paul zuerst ausstiege! – – – Richtig! so fuhr der Postillon vor – – und in Tränen gebadet warf ich mich in seine arme, und konnte mich nicht fassen vor Wehmut und